Flexible Arbeit bei Evernote

Home Office und Kaffee kochen kein Tabu

04. November 2015
Susanne Köppler ist freie Autorin in München.
Evernote, Anbieter von Productivity Apps mit Sitz im Silicon Valley, setzt beim Personal gezielt auf flexible Arbeitszeit und Selbstbestimmung. Das ist Teil der Mitarbeiterbindung und gelebten Startup-Mentalität, zu der optional nebenbei auch die Ausbildung zum Barista zählt.

30 Jahre im gleichen Unternehmen - in vielen Berufen sind diese Zeiten längst vorbei. Wer heute bei US-Unternehmen wie Google oder Facebook arbeitet, bleibt im Schnitt 13 Monate. Und auch deutsche Arbeitgeber beobachten längst eine Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

In den USA sind bereits mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte FreiberuflerFreiberufler, bis zum Jahr 2020 sollen es etwa 50 Prozent sein. Gleichzeitig stellt der zunehmende FachkräftemangelFachkräftemangel Unternehmen vor weitere Herausforderungen in Bezug auf Mitarbeitergewinnung und -bindung. Ein Grund: Die Anforderungen der berühmt-berüchtigten Generation YGeneration Y haben in den vergangenen Jahren einen Wandel der Arbeitskultur eingeleitet. Alles zu Fachkräftemangel auf CIO.de Alles zu Freiberufler auf CIO.de Alles zu Generation Y auf CIO.de

Das Home Office - bei Arbeitgebern lange unbeliebt - gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Das Home Office - bei Arbeitgebern lange unbeliebt - gewinnt immer mehr an Bedeutung.
Foto: AZP Worldwide - shutterstock.com

Um ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen, genügt heute nicht allein der in Startups obligatorische Obstkorb oder Kicker. "Unser Arbeitsleben befindet sich im Umbruch, die Strukturen von Karrieren und dadurch auch Unternehmen verändern sich", sagt Cristina Riesen, General Manager EMEA bei Evernote. Das Unternehmen aus dem Silicon Valley, dessen Productivtiy Apps aktuell von 150 Millionen Nutzern und 20.000 Unternehmen weltweit verwendet werden, will mit seinen Produkten nicht nur die Arbeitswelt revolutionieren, sondern beschreitet auch beim Thema Mitarbeiterbindung unkonventionelle Wege.

Selbstbestimmung wird großgeschrieben

Das Headquarter von Evernote befindet sich im Silicon Valley. Hier gibt es nicht nur lichtdurchflutete Räume, Sofas und Tischtennisplatten, es stehen auch fünf Laufbänder inklusive Computer bereit, auf denen gleichzeitig trainiert und gearbeitet werden kann. An der hauseigenen Kaffeebar lassen sich die Mitarbeiter zu professionellen Baristas ausbilden und bereiten im Wechsel für die Kollegen Cappuccino und Latte Macchiato zu. "Wir haben regelrecht einen internen Wettkampf, wessen Kaffee am besten schmeckt, und auch unsere Führungsetage steht regelmäßig hinter dem Tresen", erzählt Linda Kozlowski, COO bei Evernote.

Neben Barrista-Ausbildung und modernen Büros setzt man bei Evernote aber vor allem auf eins: Selbstbestimmung. "Für viele spielt heute weniger das Geld eine Rolle, sondern vor allem das Umfeld und die Gestaltungsmöglichkeiten", so Kozlowski. "Wenn ein Unternehmen innovativ ist, sich immer wieder verändert und weiterentwickeln will, dann bietet es seinen Angestellten ein Umfeld, in dem sie bleiben wollen. Wir haben bei Evernote Leute, die seit dem ersten Tag dabei sind, andere bleiben zwei, drei oder fünf Jahre, das ist im Silicon Valley eher ungewöhnlich."

Flexibilität statt Präsenzarbeit

Einer der wesentlichen Faktoren der Mitarbeiterbindung bei Evernote sei die Unternehmenskultur. "Unser Ziel ist es, ein 100-jähriges Startup zu werden", so Riesen. Das Unternehmen wolle ein Produkt kreieren, das gut genug sei, 100 Jahre zu überdauern. Damit einher gehe natürlich auch, dass Evernote trotz des Wachstums die flexiblen Strukturen und das kreative Arbeitsumfeld eines Startups beibehalten wolle. Riesen arbeitet seit 2012 bei Evernote und hat den EMEA- Standort in Zürich aufgebaut, der heute das größte Büro außerhalb der USA ist. Weltweit ist das Unternehmen seit dem Start 2008 auf über 400 Mitarbeiter angewachsen. Damit hat es die Größe eines klassischen Startups längst überschritten.

Auch im Büro in Zürich setzt man nicht nur auf moderne Einrichtung, sondern ebenfalls auf Flexibilität: "Präsenzarbeit ist nicht mehr zeitgemäß", findet Riesen. "Wir haben heute Technologien, mit denen wir von überall auf der Welt mit Kollegen zusammenarbeiten können, Informationen sind jederzeit verfügbar. Wenn also jemand am besten programmiert, während er auf dem Balkon sitzt oder schon morgens vor dem Frühstück produktiv ist, dann begrüße ich das." Das Büro diene dabei in erster Linie als Treffpunkt zum gegenseitigen Austausch und verliere seine klassische Bedeutung als Arbeitsplatz. Sie selbst, so die Managerin, arbeite in der Regel zweimal die Woche von zu Hause aus - wenn sie nicht gerade geschäftlich verreise.

Weltweit zusammenarbeiten - auch im Home Office

Damit liegt Evernote im Trend. Laut einer repräsentativen Studie des Branchenverbands Bitkom erwartet die Mehrzahl der deutschen Unternehmen, dass das Home Office immer wichtiger wird, während das klassische Büro an Bedeutung verliert. Die Entwicklung sei nur natürlich, meint Riesen: "Dank moderner Technik und Software können wir von überall auf der Welt arbeiten, Teams wachsen so enger zusammen, auch wenn sie in verschiedenen Ländern arbeiten. Wir sind immer in Verbindung mit den Kollegen im Headquarter, teilen unsere Ideen, Projekte und Ergebnisse."

Ein Schlüsselfaktor, der sich vorteilhaft auf die Atmosphäre im Team auswirke, Unternehmen innovativer und produktiver mache und gleichzeitig Strukturen und Hierarchien abbaue. "Bei uns fragt keiner um Erlaubnis oder muss ein Projekt mit drei Ebenen abstimmen. Wir geben jedem einzelnen Verantwortung, und das zahlt sich aus." Auch dann, wenn ein Mitarbeiter eben doch nicht länger als 13 Monate bleibt. Man müsse den Leuten einfach ab Tag eins die Möglichkeit geben, ihre Ideen einzubringen. Wenn jemand ein Jahr lang ein Projekt mit vollem Einsatz begleite und großartige Arbeit leiste, gewinne das Unternehmen trotzdem, so Riesen.

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