Erfolg zwischen Kunst und toten Hunden

Sieben Karrieren für IT-Aussteiger

10.09.2013 (aktualisiert), von

Die Meier aus der Buchhaltung ruft zum fünften Mal an, weil sie eine Mail nicht aufkriegt, und der Huber aus dem Controlling droht ständig mit dem Rotstift - manchmal könnte man als CIO einfach alles hinschmeißen. Sollte man auch, rät Joanne Dustin. Sie kennt Ex-CIOs, die heute glücklich sind - alles, was sie brauchten, war ein toter Hund, die Liebe zur Musik oder ein Kuchenrezept.

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"Es gibt ein Leben nach der IT", versichert Joanne Dustin, Informatikerin, Coach und Autorin

Joanne Dustin ist eine mitfühlende Frau. Sie kennt die alltäglichen Sorgen eines IT-Entscheiders: Wenn irgend etwas nicht läuft, wird gemeckert, wenn alles flutscht, sagt keiner was. Und jeder Cent wird zweimal umgedreht. Kein Wunder, dass so viele CIOs ausgebrannt, demotiviert oder übermüdet sind. Doch das muss nicht sein.

Zum Beweis führt Frau Dustin Menschen an, die es geschafft haben. "Es gibt ein Leben außerhalb der IT", versichert sie. Nachdem sie selbst 25 Jahre lang in der Branche tätig war, ist sie 2001 auf einen Job als Coach für Techniker und Informatiker umgestiegen. Jetzt verrät sie sieben Tipps für den Weg in die alternative Karriere.

  • 1. Interessen identifizieren (oder: Wer nichts Anderes wird, wird Wirt)

Tom Prince zum Beispiel, dem ging es gar nicht gut. Er war zwar ein erfolgreicher CRM-Software-Verkäufer bei Siebel, aber eines Tages musste er erkennen: "Es herrscht soviel Desillusionierung in der IT." Von nun an wollte er den Menschen etwas anderes verkaufen, etwas, dass man nicht nur implementieren, sondern auch schmecken kann - Essen. Weil er selbst so gerne Essen ging, suchte er sich einen Wirt, der nach seinem Geschmack kochte, und machte den zu seinem Partner. Heute führen die Partner die Tomasso Trattoria in Southborough, Massachusetts, und gleich nebenan den Laden Panzano Proviste e Vino.

Joanne Dustin findet, von Tom Prince kann man lernen, zu tun, was man wirklich möchte. Dazu hilft es, den aktuellen Job zu durchleuchten: Welche Tätigkeiten mag man, welche nicht? Was tut man gern in der Freizeit? Dustin rät, eine strukturierte Liste anzulegen. Ein Ergebnis könnte sein, dass das Hobby zum Beruf gemacht wird. Prince ist immer noch Verkäufer - aber Software kann man seine Pasta al dente nicht nennen.

  • 2. Die eigenen Stärken nutzen (oder: In jedem schlummert ein Künstler)

24 Jahre lang, ein Vierteljahrhundert fast, schenkte Norman Daoust all seine Energie und sein Talent der IT-Branche. Dabei hatte er doch eigentlich immer Musiker sein wollten, klampfte er doch auf der Gitarre, schrammelte den E-Bass und zupfte die Mandoline. Ein Versuch, von der Kunst die Miete bezahlen zu können, schlug fehl - Norman musste zurück in die IT. Und litt noch mehr unter der Bürokratie und Behäbigkeit eines großen Unternehmens. Findiger Kompromiss: Mit seinem Fachwissen und seiner langjährigen Erfahrung machte er sich als Consulter selbständig - und teilt sich seine Arbeit so ein, dass genug Zeit bleibt für die Kunst.

Dazu Joanne Dustin: Die entscheidende Frage ist, was man gut kann und wie man seine Stärken nutzt. Norman Daoust kann offenbar gut mit Menschen und bringt genug Mut und Organisationstalent für eine selbständige Existenz mit.

  • 3. Optionen sortieren: Was könnten Sie tun, das Ihre Interessen und Stärken widerspiegelt? (Oder: Wo liegt der Hund begraben?)

Vom Programmierer über den Projekt-Manager bis zum Senior Vice President - ganz der amerikanische Traum, das Leben des Tom McGoldrick. Nach 30 Jahren Karriere stellte er fest: Seine Familie kannte ihn kaum noch. Das mag denn auch der Grund dafür sein, warum er so an seinem Hund Apollo hing. Doch eines Tages starb Apollo - und Tom McGoldrick fand keine Möglichkeit, den treuen Freund angemessen zu Grabe zu tragen. Bis er auf "Paws in Heaven" stieß, einen Bestattungs-Service für Vierbeiner. Als sich die Macher von "Paws in Heaven" zur Ruhe setzen, griff Tom McGoldrick zu. Er kaufte das Geschäft und fand seine Erfüllung.

Wer weiß, was er will, nimmt Chancen schneller wahr

Genau so klappt es mit der alternativen Karriere, so Joanne Dustin: Je stärker man sich seiner Interessen bewusst ist, umso schneller reagiert man auf Chancen, die das Leben bietet.

Zumal Line Extensions denkbar wären, etwa "Flossen im Himmel" für den Goldfisch-Freund. Oder "Flügel im Wasser", die Seebestattung für den Wellensittich.

  • 4. Die Möglichkeiten prüfen: Wie würde der neue Berufsweg aussehen? (Oder: Sofort an den Herd!)

In der Mittagspause schlenderte Marissa Rosenfeld Smajlaj gerne durch Buchläden. Eines Tages fiel ihr das Buch "Colette’s Birthday Cakes" in die Hand - und Marissa hatte eine Vision: So schöne Kuchen hatte sie doch auch immer backen wollen - spontan hatte sie die Idee eines ganz neuen Berufsweges im Kopf. Was mit einem Teilzeit-Job in einer Backstube begann, ist heute die Funktion eines Pastry Chefs in einem New Yorker Restaurant. Süßes statt Server - Marissa Rosenfeld Smajlaj hat Biss.

Techniker können den Ausbruch wagen

Immerhin zeigt die Geschichte: Techniker sind so begehrt, dass sie es sich leisten können, eine andere Tätigkeit auszuprobieren. Der Einstieg über einen Teilzeit-Job lässt die Möglichkeit des Ausprobierens offen.

  • 5. Für Chancen offen sein (Oder: Besser auf den Golfplatz als an den Arbeitsplatz)

20 Jahre IT und Bill Sobbing war immer noch begeistert - allein ihn nervte die Compliance. Die Alternative: Ab in die Selbständigkeit als Consulter. Das lief gut, aber eines Morgens blieb er in der Zeitung an einer Anzeige der San Diego Golf Academy hängen. Die suchten Golfplatz-Manager. Drei Jahre später war er General Manager eines Neun-Loch-Platzes.

Was zeichnet Leute wie Bill Sobbing aus? Neugier, sagt Joanne Dustin. Neugier und der Mut, ihr nachzugehen.

  • 6. Alternativen auf Machbarkeit prüfen (Oder: Dann eben zur Müllabfuhr)

Nicht jeder ist so spontan wie Marissa Rosenfeld Smajlaj oder Bill Sobbing. Und kann es trotzdem schaffen! So wie Alan Klug. Er hatte einen guten Job bei KPMG - doch nach dem 11. September (2001) war ihm klar: Die fetten Jahre sind vorbei. Seinen Abstieg wollte Klug gar nicht erst abwarten. Dann lieber pro-aktiv ein neues Feld suchen. Noch während er erwog, Franchise-Nehmer eines Schnellrestaurants oder Inhaber einer Autowaschanlage zu werden, stieß er in der Zeitung auf ein kleines Inserat: Entrümpelungs-Service. Der KPMG-Mann fing an, zu recherchieren und stellte fest, dass er auf eine Marktlücke gestoßen war. Klug begann bei der Firma als Franchise-Nehmer mit vier Gebieten, heute hat er acht. In diesem Jahr dürfte sein Umsatz die Zwei-Millionen-Grenze sprengen.

  • 7. Einen Karriere-Plan erstellen

Am Anfang jeden Erfolges stehen laut Joanne Dustin folgende Fragen: Was brauche ich, um meine Ziele zu erreichen? Benötige ich Weiterbildung, Ausstattung, Büro- oder Lager-Räume? Welche praktischen Erfahrungen muss ich sammeln? Brauche ich finanzielle Hilfe? Sollte ich mir einen Coach oder Mentor suchen? Wer aus meinem Freundeskreis kann mich unterstützen, sei es mit Ressourcen, Fachwissen oder guten Worten?

Joanne Dustin schwört, dass ihr die aufgezählten Beispiele persönlich bekannt sind. Wer mehr davon lesen möchte, dem sei ihr Buch "Life beyond IT: Open the door … Your Future is waiting" ans Herz gelegt.

Dieser Artikel basiert auf einem Bericht der US-Ausgabe des CIO-Magazins.

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