Internet-Schmiede

Freiburg ist das Silicon Schwarzwald

13.08.2013 von Michael Kroker
Nicht nur Berlin pulsiert in puncto Online-Wirtschaft. Auch am anderen Ende der Republik, in Freiburg im Breisgau, floriert ein Netzwerk überregional bedeutsamer IT-Firmen.

Berlin, Deutschlands IT-Metropole Nummer eins - und dann kommt lange nichts? Kristian Raue winkt ab. "Ein Internet-Unternehmen kann man überall gründen - dafür bin ich selber das beste Beispiel", sagt der Chef des Software-Anbieters Jedox. Der gebürtige Westfale ist 2002 nach Freiburg gezogen, unter anderem, sagt er, "weil dort der Freizeitwert so hoch ist".

Doch das Wort Freizeitwert hat für den 51-Jährigen eine umfassendere Bedeutung als für viele der Hinzugezogenen. Raue ist es wichtig, dass ein Feeling von Freizeit auch während der Arbeit aufkommt. Entsprechend hat er die Firmenzentrale eingerichtet, die direkt neben dem Freiburger Hauptbahnhof liegt. In den Großraumbüros wimmelt es nur so von Palmen unterschiedlicher Sorten. "Das ist sozusagen unser südbadischer Dschungel", sagt Raue. Umrahmt wird das entspannende Flair durch den Blick aus dem Fenster, entweder in Richtung Kaiserstuhl und Vogesen oder auf das Freiburger Münster.

Entspannendes Flair

30 der 90 Mitarbeiter, die Jedox beschäftigt, kommen in den Genuss dieses Ambientes, darunter die komplette Entwicklungsmannschaft des Unternehmens. Die Atmosphäre scheint die Mannschaft zu Spitzenleistungen zu animieren. Jedox produziert eine hoch innovative Software für einen der wichtigsten Zukunftsmärkte der IT überhaupt: Big Data, die blitzschnelle Analyse gigantischer Datenmengen.

Im Gegensatz zu Konkurrenzprodukten bedient sich die Jedox-Software dabei eines technischen Kniffs: Bei den Berechnungen nutzt das Programm statt des normalen Prozessors die Grafikkarte im Computer. "Eine professionelle Grafikkarte kostet rund 1.500 Euro - und die ist um einen Faktor 100 schneller als ein herkömmlicher Computerprozessor", sagt Raue. Unternehmen, die Jedox für Big-Data-Analysen einsetzen, können ihre Server-Computer auf diese Weise mit einer oder mehreren Grafikkarten aufrüsten, um die Performance ihrer Software zu steigern.

Mit jährlichen Umsatzwachstumsraten jenseits der 40-Prozent-Marke und einem Umsatz von zuletzt acht Millionen Euro behaupten sich Raues Mitarbeiter in diesem Geschäft erfolgreich gegen so namhafte Konkurrenten wie den deutschen Softwareriesen SAP und seinen US-Rivalen Oracle.

Von wegen außerhalb Berlins nix los in der deutschen Internet- und IT-Wirtschaft. Zwar ist die Hauptstadt weiter die unumschränkte Metropole der hiesigen Web- und Startup-Szene, mit einem Netzwerk aus Gründern, Kapitalgebern und Beratern, dessen Mitglieder in die Tausend gehen. Zwar haben sich auch Hamburg mit seinen Werbe- und Marketingagenturen und München mit seinen Deutschland-Niederlassungen amerikanischer Branchenriesen einen Namen in der IT-Szene gemacht. Ebenso gelten Universitätsstädte wie Karlsruhe oder Darmstadt als Brutstätten deutscher Web- und Softwareideen.

Überregional bedeutsam

Aber hinter der Fassade von Solarstrom und erneuerbaren Energien hat sich in Freiburg in den vergangenen 25 Jahren eine kleine, aber feine IT-Szene etabliert, die weit über ihre Grenzen hinaus strahlt. Wie der regionale Technologieverband BWCon Südwest ermittelt hat, sind allein in Freiburg fast 18.000 Menschen bei örtlichen IT- und Medienunternehmen beschäftigt. In der gesamten Region südlicher Oberrhein zwischen Achern und Weil am Rhein arbeiten insgesamt 41.000 Beschäftigte in 5.150 High-Tech-Unternehmen und sorgen dort für einen Jahresumsatz von 4,7 Milliarden Euro. Damit kommt die Informations- und Telekommunikationsbranche im Südwesten auf einen Anteil von 9,1 Prozent aller Beschäftigten - laut BWCon ist diese Quote nur in München, Düsseldorf und Köln höher.

Der Unruhepol

Einer, der mehr als zwei Jahrzehnte für diesen Erfolg im Winkel zwischen Schweiz und Frankreich sorgte, ist Axel Wessendorf. Mehr noch, Wessendorf ist so etwas wie der ungekürte Doyen der alemannischen IT- und Internet-Community. Der heute 52-Jährige stammt wie Jedox-Gründer Raue aus Nordrhein-Westfalen, aus der ehemaligen Kohle- und Stahlstadt Oberhausen, und lebt seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Freiburg.

Wessendorf hat dort 1989 die Softwarefirma Lexware gegründet. Das war sein erstes IT-Unternehmen. Der gelernte Steuerberater wollte einem Mandaten die Reisekostenabrechnung erleichtern. Also programmierte er ein passendes Computerprogramm. 1997 verkaufte Wessendorf Lexware an den Freiburger Verlag Haufe-Gruppe - und gründete in der Manier amerikanischer Startup-Vorbilder ein neues Unternehmen: United Planet, einen Spezialisten für sogenannte Intranet-Lösungen.

Diesem widmet sich der Wahlfreiburger nun mit voller Kraft. Wessendorf kann sich noch gut an die Gründung von United Planet 1998 erinnern. "Das war die Zeit, als alle nach der ersten Internet-Welle vom Intranet redeten, dem firmeneigenen Datennetz." Weil es damals keine Standardlösungen gab, bastelten die Unternehmen verzweifelt selbst drauf los oder ließen es lieber bleiben. "Welcher Mittelständler kann sich schon leisten, dafür extra ein Softwarehaus zu beauftragen?", fragte sich Wessendorf damals.

Daraus macht er seine Geschäftsidee. Er entwickelt unter dem Slogan "Kauf Dir Dein Internet" eine Standardsoftware für Intranets. Als diese Anfang 2000 fertig ist, nennt Wessendorf das IT-Paket Intrexx Compact. Das Intranet-Programm ist für Unternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern ausgelegt und kostet einmalig 275 Euro. Sodann lässt Wessendorf eine Intranet-Software für größere Unternehmen namens Intrexx Professionell programmieren. Die ermöglicht den Nutzern, ein Unternehmensportal aufzubauen, und kann Software von SAP, Microsoft und anderen IT-Anbietern einbinden. Das Starterpaket kostet 1.550 Euro aufwärts.

Damit hatte Wessendorf die rechte Idee zur rechten Zeit. Heute betreiben mehr als 4.000 Unternehmen in Deutschland und angrenzenden Ländern wie Österreich ihr Intranet mit der Software von United Planet, darunter der japanische Reifenhersteller Bridgestone, die Tankstellenkette Jet oder die Frankfurter Sparkasse. Laut Wessendorf hat United Planet insgesamt sogar mehr Kunden als der große Rivale Microsoft mit seinem Konkurrenzprodukt Sharepoint. Offiziell mag Wessendorf zwar keine Finanzzahlen nennen, doch nach Informationen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform betrug der United-Planet-Umsatz im vergangenen Jahr rund fünf Millionen Euro.

Startup-Flair erhalten

Wessendorf ist ein Mann, der Wert auf Stil legt. Mit seinem kurzrasierten Charakterkopf und der markanten Brille wirkt er weniger wie ein Unternehmer denn wie einer aus dem Künstlermilieu. "In Frankfurt oder München wäre es gewiss einfacher, Fachkräfte zu bekommen", sagt er. Deshalb macht Wessendorf aus seinem Faible für Design eine Tugend, um Fachkräfte zu sich in den Breisgau zu locken.

Seine Beschäftigten und er seien ausgeprägte Fans der schicken Möbel von Vitra, sagt Wessendorf. Deshalb habe er mit dem Büromöbelhersteller aus Birsfelden in der Schweiz ein Citizen Office eingerichtet. Das ist eine Bürolandschaft, die neben Arbeitsraum auch Rückzugsgelegenheiten zum Ausruhen und Nachdenken bietet. "Das ist was anderes, als in kleinen Zellenbüros an Schreibtischen von schwedischen Massenmöbelherstellern zu sitzen", sagt Wessendorf.

Die Urzelle

Einer, der die Tradition von Wessendorf aus der Gründungsphase bis in die Gegenwart weitergetragen hat, ist Jörg Frey, der heutige Chef von Lexware. Das fällt dem 52-Jährigen nicht schwer, schließlich hat er jahrelang mit Gründer Wessendorf zusammengearbeitet. Seit 1992 ist Frey bei Lexware. "Da war der Laden noch ein richtiges Startup", erinnert er sich, "nicht in einer Garage, sondern in drei Räumen einer Mehr-Zimmer-Wohnung."

Lexware unter dem Dach des Haufe-Verlages ist heute viel größer. Die Gruppe residiert in einem sternförmigen Gebäude im Industriegebiet im Westen von Freiburg und hat knapp 1.300 Mitarbeiter, davon gut 850 in Freiburg.

In den Neunzigerjahren war Frey praktisch die rechte Hand von Wessendorf. Er baute Vertrieb und Marketing auf. Bis heute gilt sein Hauptaugenmerk dem weiteren Ausbau der Softwaremarke, die bei kleinen Gewerbetreibenden gut eingeführt ist. Den Job als Geschäftsführer teilt er sich mit Isabel Blank, einer Finanz- und Betriebswissenschaftlerin. Die 46-Jährige kümmert sich um strategische Projekte zur Entwicklung neuer Softwarelösungen.

Mit seiner einfachen preiswerten Buchhaltungs- und Finanzsoftware für Freiberufler und mittelständische Unternehmen ist Lexware, gemessen an den verkauften Lizenzen, einer der erfolgreichsten Softwareanbieter Europas. Laut eigenen Angaben hat das Unternehmen mehr als 2,5 Millionen Kunden. Der Umsatz der gesamten Haufe-Gruppe beträgt knapp 200 Millionen Euro. Davon erwirtschaftet die Lexware-Softwaresparte laut Frey rund 42 Millionen Euro.

Frey und Blank setzen alles daran, Lexware flexibel und dynamisch zu halten. "Wir versuchen, ein gewisses Startup-Flair zu erhalten, etwa indem wir kleine autarke Einheiten gründen, die viele Dinge selber entscheiden können", sagt die Co-Chefin. Blank sieht darin ein wichtiges Plus, um junge Softwareentwickler zu gewinnen und langfristig zu binden. "Die Kombination macht unseren Charme aus: Lexware ist nicht zu groß, dass alles intransparent wäre - aber groß genug für Sicherheit und ein verlässliches Umfeld."

Hauptstädtisches Flair im Breisgau

Im Gegensatz zu Städten wie Berlin oder Hamburg verfüge Freiburg über ein kleines, aber feines lokales Netzwerk, in dem praktisch jeder jeden kenne, sagt Lexware-Chef Frey - "mit entsprechend kurzen Wegen bei neuen Projekten".

Der Coole

Ralf Heller und Udo Möbes sind typisch für diese kurzen Wege, das Markenzeichen der Freiburger IT-Szene. Heller, 43, hat in den Neunzigerjahren Digitale Medien an der Hochschule Furtwangen im Schwarzwald studiert. Mit drei Kommilitonen hat er 1995 in Freiburg die Digital-Agentur Virtual Identity gegründet. Möbes, 45, ist Verlagskaufmann und hat in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Er war in den Neunzigerjahren Marketingleiter beim Haufe-Verlag, zu dem inzwischen Lexware gehört. 2001 stieß er zu Virtual Identity, seit 2004 leitet er die Agentur gemeinsam mit Gründer Heller. Einer der ersten Kunden war - wer wohl? - Lexware. Als Hellers Leute später den Web-Shop für das Unternehmen einrichteten, saß Möbes noch auf der anderen Seite, am Schreibtisch von Lexware.

Bei Virtual Identity in der Freiburger Altstadt nahe dem mittelalterlichen Martinstor geht es noch am ehesten zu wie in der Start-up-Szene Berlins. Ein schickes Fabrikloft wie am Prenzlauer Berg, grüne Sitzecken, in denen sich junge Mitarbeiter Notizen machen, ja sogar eine Dachterrasse für die sommerliche Barbecue-Party, mittendrin Agenturchef Heller mit Kordhose, Pullover, Hemd und Brille, der weiß: "So holen wir ein bisserl hauptstädtisches Flair in den Breisgau." Nach dem Auftrag von Lexware ging es bei Virtual Identity Schlag auf Schlag. Es folgten der Pharmariese Novartis aus dem nahe gelegenen schweizerischen Basel, der Spielwarenhersteller Ravensburger vom Bodensee und das ebenfalls in Basel ansässige Chemieunternehmen Ciba, das 2008 von BASF übernommen wurde.

Inzwischen ist Virtual Identity dem Breisgauer Kosmos entwachsen. Auch weil es schwer sei, "erfahrene Mitarbeiter für Freiburg zu gewinnen", sagt Heller, unterhält die Agentur inzwischen Niederlassungen in Berlin, München und Wien. Zwei Drittel der rund 150 Mitarbeiter sitzen außerhalb von Freiburg und erstellen Web-Sites zum Beispiel für Siemens. Rund 15 Millionen Euro nahm Virtual Identity 2012 mit derartigen Projekten ein.

Der Exot

Pyramid Computer war einmal ein typisches Garagen-Startup, gegründet 1985 von Frieder Hansen in Freiburg. Das Unternehmen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Hansen startete als klassischer "PC-Schrauber", wie Computerfachleute spöttisch sagen. Das heißt: Seine Firma Pyramid kaufte Komponenten wie Prozessor, Platinen, Speicherchips und Festplatten günstig in Asien ein und baute sie in Deutschland zu PCs zusammen. Diese wurden dann in kleinen Computershops an Privatkunden verhökert. Daneben begann Pyramid aber auch, PCs für Unternehmen zusammenzubauen.

Computer aus Deutschland, nicht Fernost

Weil auch andere auf die Idee kamen, Komponenten in Fernost zu ordern und daraus in Deutschland PCs zu bauen, wurde Pyramid der Preisdruck bald zu groß. Mitte der Neunzigerjahre verlegte sich Hansen daher auf Industriecomputer, also klassische PCs, die in der Fertigung eingesetzt werden. Dazu motzt Pyramid die Rechner mit speziellen Datenschnittstellen zu Maschinen, mit bruchfesten Gehäusen oder speziellen Displays auf. Je nach Art und Auftrag fertigt Pyramid heute Serien solcher Industrierechner zwischen 20 und 1.500 Geräten im Jahr. "Individuell zugeschnittene Geräte, das ist unsere Stärke", sagt Hansen. 2012 machte Pyramid mit gut 100 Mitarbeitern 22 Millionen Euro Umsatz und verkaufte 20.000 Industrie-PCs.

Mit Pyramid lebt Hansen seit mehr als einem Vierteljahrhundert seinen Traum. Der Badener, der aus einem Städtchen in der Nähe von Freiburg stammt, hat als Schüler gerne an Radios und Fernsehern herumgebastelt. Später studierte er Geografie, aber die Leidenschaft für Lötkolben und Schraubenzieher ließ ihn nie los.

Hansen weiß, dass er in der PC-Branche als Exot gilt, weil er darauf schwört, Computer in Deutschland und nicht in Fernost zu montieren. "Wir glauben als einer der wenigen daran, dass es sinnvoll ist, in Deutschland Hardware zu bauen", sagt er. "Denn durch unsere eigene Fertigung sind wir schneller beim Kunden." Auch Hansen profitiert von dem kleinen, aber feinen Netzwerk in Südbaden. Wichtige Komponenten wie Schnittstellen, Gehäuseteile oder Displays kommen von Unternehmen aus der näheren oder weiteren Region.

Ideen für neue Computer entwickeln Hansen und seine Leute im Keller des Firmengebäudes, Entwicklungslabor und Herz von Pyramid. Der Raum ist vollgestopft mit Computern und Messgeräten, überall drängen sich Kästen mit Schrauben und anderen Kleinteilen.

Die jüngste Kreation der Kellerkinder können Besucher in der Eingangshalle der Pyramid-Zentrale begutachten. Das ausgestellte Gerät sieht nicht wie ein PC aus, sondern wie ein überdimensioniertes iPhone. "Polytouch" nennt Heller das neue System, ein spezielles Terminal für Online-Bestellungen oder die Abfrage von Kundenkarten im Einzelhandel. Die Anlage verfügt über einen Bildschirm mit einem Durchmesser zwischen 55 und 80 Zentimeter, berührungsempfindlichen Displays und einen Kartenleser an der Seite. Wie alle Pyramid-Geräte arbeitet auch "Polytouch" mit Windows-Betriebssystem und -Browser.

Den Metallrahmen des Terminals fertigt ein Autozulieferer aus dem Südbadischen. "Der ist froh, sich auch mal mit was anderem als Karossen zu befassen", sagt Hansen. Ähnliche Partnerschaften pflegt der 51-Jährige mit diversen Maschinenbauern und Metall verarbeitenden Unternehmen der Region. Für den Handel mit seinen Geräten hat sich Hansen mit dem kleinen Freiburger Softwarehaus Oxid eSales zusammengetan, einem Anbieter von Shopping-Software für Internet-Seiten. "Wenn wir Computer etwa bei Karstadt vorstellen", sagt der Pyramid-Chef, "haben wir so auch gleich eine tolle Software an Bord".

Freund der Geldgeber

In der Biologie wäre Oxid eSales ein Ergebnis der Inzucht. In Wahrheit ist das Unternehmen jedoch ein Produkt der Freiburger IT-Community, mittendrin Roland Fesenmayr. Der 43-Jährige studierte bis 1995 Medieninformatik an der Hochschule Furtwangen. Dort lernte er auch Ralf Heller kennen, gemeinsam bauten sie die Web-Agentur Virtual Identity auf. "Anfang 2002 war für mich dann die Zeit reif für den Wechsel", sagt Fesenmayr.

Er gründete ein neues Unternehmen: Oxid eSales. Das sollte eine Software für Shops im Internet entwickeln. Auf diese Idee kam Fesenmayr, als er bei Virtual Identity Web-Shops für Startups wie den Internet-Spielehändler Alltoys, Lexware aber auch für den US-Technikkonzern Motorola entwarf. "Unser Ziel war damals schon, ein Standardverkaufssystem für Mittelständler und Konzerne zu konzipieren", sagt Fesenmayr. "Uns war klar, dass sich der Online-Handel auf breiter Front etablieren wird, obwohl die Branche nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2001 erstmal komplett am Boden lag."

Fesenmayr hatte recht. Heute kaufen Online-Versender wie Kofferdirekt und klassische Versandhändler wie die Otto-Versand-Tochter Lascana seine Software namens Oxid eShop. Insgesamt hat das Unternehmen laut eigenen Angaben rund 3000 Lizenzen verkauft. 2012 kam Oxid laut Schätzung der Auskunftei Creditreform auf einen Umsatz von 4,2 Millionen Euro.

Um Oxid eSales im E-Commerce fest zu verankern, vertreibt Fesenmayr seine Software im Freemium-Modell. Das Kunstwort setzt sich aus "Free" für kostenlos und "Premium" für höherwertig zusammen. Das heißt: Fesenmayr überlässt den Anwendern kostenlos eine Basisversion von Oxid eShop, die diese aus dem Internet herunterladen und beliebig verändern können. Daneben bietet er eine kommerzielle Version mit Extrafunktionen an, für die Benutzer eine Lizenzgebühr bezahlen müssen. "Durch dieses Geschäftsmodell wollen wir weiter wachsen und unsere Verbreitung steigern", sagt Fesenmayr.

Hinter der kostenlosen Überlassung der Basisversion steckt die Überlegung, dass sich Entwickler und Partner des Programms annehmen und es auf diese Weise schnell über den ganzen Erdball, darunter Südafrika und Australien, verbreiten. Davon profitiert am Ende auch Oxid eSales, weil die Attraktivität der Shopsoftware durch die von Dritten programmierten Module und Funktionen steigt.

Geldgeber finden dieses Geschäftsmodell offenbar so attraktiv, dass Fesenmayr bis heute keine Probleme hatte, den Aufbau des Unternehmens zu finanzieren. 2007 gewann er mehrere Kapitalgeber, die ihm halfen, ein neues, Internet-basiertes Shopsystem zu entwickeln. Unter den Finanziers ist auch die Risikokapitaltochter der landeseigenen LBBW Bank. Fesenmayr hat auch keine Sorge, sein Unternehmen könnte an fehlenden Mitarbeitern scheitern. "Die hiesige Region ist ziemlich konjunkturresistent", sagt Fesenmayr. "Die Prognose, dass ein Mitarbeiter langfristig bei der Stange bleibt, ist hier ungleich höher als etwa in Berlin."

Und wenn er mal schnell was ganz anderes machen will, trifft sich Fesenmayr mit PC-Schrauber Hansen. Zusammen mit ihm besitzt er ein Ultraleichtflugzeug, mit dem sie, so es die Geschäfte zulassen, im Südschwarzwald umherfliegen.

Der Unerschrockene

Mangelndes Selbstbewusstsein lässt sich Thomas Holzer nicht nachsagen. "Cloud - wir haben’s erfunden", tönt der 44-jährige Diplom-Informatiker. Cloud Computing bedeutet die Nutzung einer Software über das Internet, ohne dass diese auf einem Rechner im Unternehmen installiert sein muss. Seit ein paar Jahren ist die Internet-Wolke eines der meistdiskutierten Themen der IT-Branche.

Tatsächlich bediente sich Holzer der Methode schon 1996, als er seine Firma HRworks gründete, auch wenn es den Begriff Cloud damals noch gar nicht gab. Denn Holzers Unternehmen programmiert Software zur Reisekostenabrechnung und bot diese - bereits vor fast 16 Jahren - zum Abruf im Internet an. "Statt nur die Demo-Version ins Web zu stellen, haben wir unter www.reisekosten.de auch die Vollversion da gelassen", sagt er.

Anfang 1999 war das für Holzer eine Art Nebenerwerb, sein eigentliches Geld verdiente er als Unternehmensberater. Die Idee für Reisekosten.de kam ihm auf seinen häufigen Reisen, die er fein säuberlich abrechnen musste. "Es hat mich extrem genervt, mich am Wochenende durch einen Berg von Reisekostenbelegen zu quälen", erinnert sich Holzer. "Ich habe mir gesagt: Das muss irgendwie anders gehen."

Gesagt, getan: Innerhalb weniger Monate hatte Holzer seine Reisekostensoftware programmiert und stellte sie auf der Computermesse Cebit 1999 in Hannover vor. Den Schritt in die Selbstständigkeit hat er bis heute nie bereut, obwohl HRworks in einem Markt arbeitet, in dem SAP unumschränkter Platzhirsch ist.

Der Wettbewerb mit dem Goliath aus dem nordbadischen Walldorf macht den südbadischen David gelassen. "Wer SAP statt HRworks verwenden will, muss eine Null dranhängen, mindestens", sagt Holzer. Konkret: Bei ihm kostet die Miete für das Reisekostenprogramm aus dem Internet maximal vier Euro pro Nutzer im Monat. Bei mehr als 1.250 Nutzern fällt der Preis auf 1,90 Euro. Zudem gibt es keine Mindestlaufzeiten; Kunden können ihren Vertrag jederzeit zum Ende des Monats kündigen.

Mehr als 650 Unternehmen mit insgesamt über 95.000 Nutzern arbeiten mit der Online-Reisekostenabrechnung von HR- works, darunter Burger-Brater McDonald’s mit Sitz in München oder der Herrenhemdenhersteller Eterna aus Passau. „Spaß haben und Geld verdienen“, das sei sein Antrieb, versichert Holzer. Sich von einem Konzern aufkaufen zu lassen komme für ihn nicht infrage. 2012 war das beste Jahr der Unternehmensgeschichte: Mit knapp 20 Mitarbeitern erwirtschaftet HRworks einen Umsatz im einstelligen Millionenbereich; und zwar profitabel, wie Holzer beteuert. So habe er noch nie Fremdkapital ins Unternehmen holen müssen.

Holzer ist sich sicher, dass seine Geschäfte noch lange derart positiv weitergehen: "Wir haben ein Standardprodukt, das für 80 Prozent aller möglichen Kunden passt", sagt er, "und die Marktsättigung liegt gefühlt bei fünf Prozent."

(Quelle: Wirtschaftswoche)