Escrow-Agenturen

Quellcode auf Abruf

03. Februar 2003
Gehen Software-Firmen Pleite, verschwinden ihre Produkte oft unwiederbringlich. Eine Katastrophe für die Anwender. Escrow-Agenturen, die treuhänderisch Software-Quellcodes verwalten, bieten Schutz.
Stephan Peters, Geschäftsführer Deposix „Ein Escrow-Vertrag lohnt sich bei einem Lizenzvolumen ab 80000 Euro und geschäftskritischen Anwendungen.
Stephan Peters, Geschäftsführer Deposix „Ein Escrow-Vertrag lohnt sich bei einem Lizenzvolumen ab 80000 Euro und geschäftskritischen Anwendungen.

Fast wäre Framepool noch vor Aufnahme des eigentlichen Geschäfts ruiniert gewesen. Nachdem zwei Drittel der Steuerungs-Software für die digitale Bearbeitung und Archivierung von Filmausschnitten programmiert waren, meldete der IT-Dienstleister des Münchener Filmhandelsunternehmens im August 2001 Insolvenz an. "Wir hatten weder das Programm noch Quellcode und Support; wir standen kurz vor dem Aus", erzählt Götz Schmidt-Bossert, Vorstand Operations und Business Development.

Hätte eine so genannte Escrow-Agentur als neutrale Instanz zwischen Software-Hersteller und Kunden den Quellcode verwahrt, wäre Framepool die Existenzangst erspart geblieben. Der englische Ausdruck "escrow" bedeutet, etwas treuhänderisch zu hinterlegen, hier den Quellcode bei einer Agentur. Damit wird sichergestellt, dass der Kunde bei Insolvenz, Einstellung der Entwicklungsarbeit oder schlechter Wartung durch den Anbieter den Quellcode erhält. Der Insolvenzverwalter hat dann keinen Zugriff auf den Code, was normalerweise der Fall wäre.

Wäre der Code bei einem Notar hinterlegt, bekäme der Anwender in den meisten Fällen nur die erste und vermutlich unvollständige Fassung des Programms. Bei Escrow-Agenturen hingegen erhält er die aktuelle und vollständige Version des Codes.

Escrow-Agenturen prüfen alle Codes

Während Notare einen Quellcode ohne weitere Prüfungen lediglich verwahren, kontrollieren Escrow-Agenturen wie Deposix, Escrow Europe und NCC Escrow diesen sowie neue Versionen und Ergänzungen auf Vollständigkeit und Plausibilität. "Je nach Zertifizierungsstufe kompilieren wir den Code und führen weitere technische Tests durch", sagt Stephan Peters, Geschäftsführer der im März 2002 gegründeten Münchener Firma Deposix.

"Ein Escrow-Vertrag lohnt sich bei einem Lizenzvolumen ab 80000 Euro, geschäftskritischen Anwendungen und Programmen, die an mehr als 50 Arbeitsplätzen installiert sind", sagt Peters. Während viele Escrow-Anbieter ihre Preise nach den Kosten des Software-Lizenzvertrags richten, nimmt Deposix für die Hinterlegung eines Codes einmalig 1100 Euro plus eine Jahresgebühr in derselben Höhe. Große Software-Anbieter wie IBMIBM, OracleOracle oder SAPSAP geben ihre Quellcodes allerdings oft nicht an Treuhänder heraus. "Bei individueller Software dagegen fordern wir heute immer den Quellcode an", sagt der aus Schaden klug gewordene Framepool-Vorstand Schmidt-Bossert. Alles zu IBM auf CIO.de Alles zu Oracle auf CIO.de Alles zu SAP auf CIO.de

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