"We Steal Secrets"

Umstrittene Wikileaks-Doku von Oscar-Preisträger

09. Juli 2013
Die Geschichte der Enthüllungs-Plattform Wikileaks und ihres Gründers Julian Assange ist voller Widersprüche und gegensätzlicher Darstellungen. Ein Oscar-prämierter Dokumentarfilmer versucht in "We Steal Secrets", das Geflecht zu entwirren.

Just zum Drama um den Informanten und ehemaligen US-Geheimdienstmann Edward Snowden kommt ein Dokumentarfilm über einen bekannten Vorgänger in die Kinos. "We Steal Secrets: Die Wikileaks Geschichte" verknüpft das Schicksal des wahrscheinlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning und Julian Assange, des charismatischen Gründers der Enthüllungsplattform. Hinter dem rund zwei Stunden langen Film steht einer der weltweit bekanntesten Dokumentarfilmer: Alex Gibney war mit seinen 59 Jahren mehrfach für den Oscar nominiert und gewann die Trophäe 2008 mit "Taxi to the Dark Side", der Geschichte eines afghanischen Taxifahrers, der nach Verhören durch US-Soldaten starb.

Allein schon diese schonungslose Darstellung einer haarsträubenden Misshandlung durch das amerikanische Militär brachte Gibney eigentlich der Wikileaks-Mission nahe. Dennoch waren Assange und Aktivisten der Enthüllungsplattform alles andere als zufrieden mit seinem neuen Film. Schon der Titel ("Wir stehlen Geheimnisse") sei eine tendenziöse Lüge, wetterte Wikileaks. Tatsächlich stammt der Satz im Film vom ehemaligen CIA-Direktor Michael Hayden, der sich eher auf das Wesen der Geheimdienst-Arbeit bezieht.

Gibney bemühte sich sichtlich um Objektivität. Er durchschaufelte Berge an Material aus den vergangenen Jahren, von Assange-Interviews über Vergeltungsaufrufe amerikanischer Politiker und TV-Kommentatoren bis hin zu verfügbaren Informationsschnipseln über Manning. Der junge US-Soldat sei für ihn der eigentliche Held in dieser Geschichte, betonte Gibney in einem US-Radiointerview. "Er ist der Mann, der all dieses Material öffentlich gemacht hat - das Video vom Hubschrauber-Angriff in Bagdad, die Kriegs-Depeschen aus Irak und Afghanistan, die Dokumente des US-Außenministeriums."

Trotz dieser offensichtlichen Bewunderung hagelte es aus Richtung der Wikileaks-Fangemeinde Kritik an der Darstellung Mannings in dem Film. Gibney habe den Fokus zu sehr auf die Zweifel des jungen Soldaten an seiner sexuellen Orientierung gelenkt, hieß es in Kommentaren unter anderem. Der heute 25-jährige Manning, der sich selbst in einem Online-Chat mit einem Hacker verriet, steht gerade wegen Geheimnisverrats vor Gericht.

Die Geschichte um Manning, Assange und Wikileaks ist komplex und voller gegensätzlicher Darstellungen zerstrittener einstiger Mitstreiter. Das macht sie zu einem schwierigen Thema für einen Dokumentarfilm. Wer die Entwicklung in den vergangenen Jahren verfolgte, wird eher eine aufwendige Zusammenfassung von bereits Bekanntem vorfinden. Neulinge werden mit einer Masse an Informationen überflutet.

Gibney bekam diverse einstige Weggefährten von Assange vor die Kamera, und sogar eine der beiden Frauen, die ihm in Schweden sexuelle Nötigung vorwerfen. Ein Interview mit dem Wikileaks-Gründer selbst kam aber nicht zustande, und das hinterlässt eine spürbare Lücke im Film - denn viele Fragen könnte nur er beantworten.

Bevor Assange hinter den Mauern der Londoner Botschaft Ecuadors verschwand, sprachen der Filmemacher und der Internet-Aktivist zwar rund sechs Stunden lang miteinander - aber nur darüber, ob es ein Interview geben würde. Am Ende wurden sie sich doch nicht einig. Gibney zufolge wollte Assange Geld für das Interview und merkte an, dass die Angebote bei einer Million Dollar lägen. Der Filmemacher habe abgelehnt zu zahlen - ebenso wie die Bitte von Assange nach Zitat-Freigabe oder einen Blick auf Interviews anderer. Wikileaks wirft Gibney nun Desinformation vor und veröffentlichte auf einer eigenen Internetseite kritische Kommentare zu nahezu jeder Szene des Films.

Sein eigenes Bild von Assange sei während der Arbeit am Film zunehmend negativer geworden, ließ Gibney in einem Interview mit der Website "Flavorwire" durchblicken. Die negativen Eigenschaften des Gründers hätten die noble Mission von Wikileaks überschattet. Insbesondere die Vorwürfe in Schweden, wegen denen er von Großbritannien ausgeliefert werden sollte, seien ernst zu nehmen. "Niemand von uns ist perfekt, und auch er ist kein perfekter Held." (dpa/rs)

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