Die Geräusche-Retter

Vom Verschwinden vertrauter Klänge

17. Januar 2014
Das Geräusch von zerbrechender Kreide auf der Tafel, oder das Rattern eines Wählscheibentelefons: Töne und Geräusche wie diese könnten bald in Vergessenheit geraten. Ein Essener Projekt will Klänge vor dem Aussterben bewahren.

Jan Derksen hält den Controller seiner alten Spielekonsole in den Händen. Tagelang hat er als Kind damit "Super Mario" gespielt. Heute klemmen die Tasten, und die Klappe für die Spiele quietscht laut. Derksen hat diese Geräusche hochgeladen, in sein Online-Archiv für verschwindende Geräusche.

Der 33-Jährige bezeichnet sich als Geräusche-Retter. Gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Daniel Chun hat er das Projekt "Conserve the Sound" im nordrhein-westfälischen Essen auf die Beine gestellt. 120 Geräusche haben sie bereits gesammelt, wie das Klappern von Schreibmaschinen, das Rattern einer alten Schmalfilmkamera, oder das sanfte Schleifen einer Fensterkurbel im Auto. Weil diese Geräusche in Vergessenheit geraten und bald ganz verschwunden sein könnten. Genauso wie das schrille Quietschen von Fingernägeln auf der Tafel oder das markante Piepen eines Internetmodems.

Seit Jahrhunderten dokumentiert die Menschheit ihre Geschichte in Bildern. Doch auch den Ton festhalten, das können wir erst seit wenigen Jahrzehnten, sagt Karl Karst, Vorsitzender der Initiative Hören. Viel Wissen ist deshalb verloren gegangen: Über die Laute von längst ausgestorbenen Tierarten zum Beispiel, aber auch über die Stimmen von antiken Künstlern oder den Klang alter Waffen. Doch auch heute werde unsere akustische Welt kaum konserviert, sagt Karst. "Wir dokumentieren unsere optische Welt, aber was oft fehlt: Wie klingt denn das?"

Dabei hätten Geräusche mitunter eine viel eindringlichere Wirkung als visuelle Signale. Holger Schulze, Professor für Sounddesign an der Humboldt-Universität in Berlin, sagt: "Klänge wirken körperlich sehr intensiv." Er fügt hinzu: "Ohne dass uns das bewusst ist, können Klangerinnerungen auch körperliche Erinnerungen abrufen. Wir erinnern uns dann nicht nur an ein Geräusch, sondern an eine ganze Lebensumgebung." Ein Liebeslied könne die Erinnerungen an den Duft des Ex-Partners hervorrufen, und ein Silvesterfeuerwerk den traumatisierten Soldaten ins Gefecht zurück bringen.

Viele der Geräusche im Conserve-the-Sound-Archiv sind Erinnerungen an Derksens Jugend. Jahrelang lagerten die klangvollen Maschinen und Apparate in seinem Keller, heute stehen sie in einem grauen Schrank in seinem Büro in Essen: Die elektrische Schreibmaschine, auf der er seine ersten Schularbeiten tippte. Der Walkman, mit dem er seine selbst aufgenommenen Kassetten abspielte - und so selbst seine Umwelt aufzeichnete.

Die ersten wissenschaftlichen Versuche, unsere Geräuschwelt zu dokumentieren und zu bewahren gab es nach Auskunft der Akustik-Experten in den 1970er Jahren. Ein Team von Wissenschaftlern um den Komponisten und Klangforscher R. Murray Schafer zog durch Kanada und Europa, um dort den Wandel der Geräuschkulisse zu dokumentieren. Schafer vertritt die Ansicht, dass Landschaften deshalb nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar seien.

Das gelte auch für Deutschland, sagt Karst. Alleine durch die Auflösung der DDR seien Tausende von einzigartigen Geräuschen aus unserer Kultur und unserem Alltag verschwunden. Wie zum Beispiel der Klang der Glocken an den DDR-Bahnschranken.

Wie klingt die Vergangenheit? Die US-Historikerin Emily Thompson gilt als eine der wenigen, die versucht hat, das herauszufinden. Mit alten Filmaufnahmen hat sie in einer Art Online-Museum die Geräuschkulisse der 1920er in Manhattan aufgebaut. Eine Zeit, in der sich die Einwohner von New York in Briefen an den Bürgermeister über die Lärmbelästigung durch Radios und die Bauarbeiten an New Yorks zahlreichen Wolkenkratzern beschwerten.

Auf Derksens und Chuns Webseite erinnern bisher nur zwei Aufnahmen an die 1920er Jahre in Deutschland: Das schwerfällige Klappern der schwarz-goldenen Schreibmaschine "Urania" und das Rattern und Knarzen einer Taubenuhr, einem kleinen Holzkasten, mit dem man früher bei Taubenrennen die Zeiten maß.

Einige wichtige Geräusche aus Derksens eigener Jugend fehlen noch in der Sammlung, sagt er. "Sowas wie das Nokia-Klingeln, die Tetris-Melodie, oder das Tamagotchi-Piepen. Die sind urheberrechtsgeschützt." Diese Geräusche allerdings dürften immerhin von den Herstellern archiviert sein - und sind somit noch nicht ganz verschwunden. (dpa/rs)

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