Mut zur Informationslücke

Abschalten, bevor das Hirn raucht

02. Februar 2004
Reppesgaard studierte in Hannover und arbeitete danach als Reporter und Moderator bei Hörfunk von Radio Bremen zu innen- und jugendpolitischen Themen und in den Bereichen Technologie und Wissenschaft. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Hamburg, seit 2001 arbeitet er mit Christoph Lixenfeld im druckreif Redaktionsbüro zusammen.
Wissen ist Macht. Informationen in Übermengen führen hingegen zu Ohnmacht. Arbeitsforscher plädieren für mehr Mut zur Lücke.
Robert Ondrus, IT-Leiter bei OSI International Foods
Robert Ondrus, IT-Leiter bei OSI International Foods

Unbestellte Fachzeitschriften und Analysen, die sich auf dem Schreibtisch stapeln. E-Mails und Newsletters, die über Entwicklungen informieren, die morgen schon überholt sind, weil die nächste Informationswelle durch das Netz schwappt. Dazu das ständige Gefühl, trotzdem nicht alle wesentlichen Informationen erwischt zu haben - Robert Ondrus, IT-Leiter der OSI International Foods GmbH in Günzburg, kommt das bekannt vor. "Leider", sagt er, denn die Masse gedruckter und digitaler Informationen, die auf ihn einströmt, nimmt stetig zu. "Ich habe zwar gelernt, Texte durch Querlesen schnell auszuwerten", räumt Ondrus ein. Aber was zu viel sei, sei zu viel.

18 Billiarden Megabyte kursierten 2003

Dabei stehen nur 0,3 Promille der heute verfügbaren Informationen noch auf dem Papier; das ermittelten Wissenschaftler der Universität Berkeley. Der Rest ist digital gespeichert und prasselt in Form von E-Mails und Echtzeit-Börsenkursen, Datenbank-Reports oder Texten in Online-Magazinen auf die CIOs ein. Daten in einer Menge von 18 Exabyte, das sind 18 Billiarden Megabyte, wurden im vergangenen Jahr elektronisch ausgetauscht, haben die kalifornischen Forscher ermittelt.

Das Überangebot an ständig aktualisiertem Input zwingt Manager und Mitarbeiter gleichermaßen in die Knie. "Vielerorts fehlen die Kompetenzen, mit so vielen Informationen umzugehen", erklärt Roman Soucek, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Natürlich müssten vor einer Entscheidung Informationen gesammelt werden. Doch wer heute sucht, findet oft kein Ende, beobachten Arbeitsforscher - aus Angst, vielleicht etwas Wichtiges zu übersehen.

Dazu kommt, dass mit der Masse der Informationen deren Klasse nicht unbedingt zunimmt. "Die Arbeitsweise wird oberflächlicher", sagt Soucek. "Man schreibt und liest nicht mehr in der nötigen Tiefe. Bruchstücke werden falsch oder gar nicht zusammengesetzt und zum Teil vergessen." Zudem sei nur ein Bruchteil der Informationen bei IT-Investitionen wirklich relevant. "Die Anzahl der Entscheidungsparameter ist über die Jahre hinweg nicht gestiegen", sagt Ondrus. "Man achtet nach wie vor auf die wirtschaftliche Stärke des Anbieters, die Funktionalität, den Preis oder Support-Strukturen."

Das Strampeln in der Info-Flut verursacht zudem StressStress. Der ist zwar nicht automatisch schädlich - Psychologen und Mediziner unterscheiden zwischen vitalisierendem "Eustress" und schädlichem "Distress". Letzterer entsteht dann, wenn Menschen sich überfordert fühlen - mit bösen Folgen: "Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen Datenüberflutung und psychosomatischen Erkrankungen", warnt Katja Preising, Sozialwissenschaftlerin an der Universität Erlangen. Jeder fünfte der von ihr befragten Arbeitnehmer klage über starke Probleme durch den Umgang mit zu vielen Nachrichten. Die Auswirkungen: Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafprobleme, Herz- und Kreislaufbeschwerden, Aggressionsbereitschaft sowie Konzentrations- und Leistungsstörungen. Alles zu Stress auf CIO.de