IT braucht Erneuerungsprozess

Digitalisierung muss schnell sein

27. Januar 2015
Ima Buxton arbeitet als freie Redakteurin in München. Sie schreibt schwerpunktmäßig zu Strategie- und Trendthemen.
In Sachen Digitalisierung kommt Deutschland im internationalen Vergleich nur schleppend voran. Damit Firmen schneller auf die Anforderungen des digitalisierten Marktes reagieren können, empfehlen Experten eine IT der zwei Geschwindigkeiten.

DigitalisierungDigitalisierung muss schnell sein? Sicher ist jedenfalls, dass die Digitalisierung in deutschen Unternehmen mit unterschiedlichem Tempo voranschreitet. Das geht zum Beispiel aus Gesprächen von CIO.de mit IT-Leitern verschiedener Organisationen hervor: Sein Unternehmen sei bereits komplett digitalisiert, erklärt etwa Andreas KönigAndreas König, CIO beim Medienkonzern ProSieben SAT.1, im Interview. Profil von Andreas König im CIO-Netzwerk Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Schwieriger scheint die Einführung digitaler Produkte und Services hingegen im Bereich Energieversorgung. "Ich würde unser Unternehmen auf der Stufe drei einordnen" erklärt etwa Michael Neff, CIO der RWE AGRWE AG. "Wir haben einen Regulierer, der uns im Interesse des Verbraucherschutzes und des Wettbewerbs einschränkt in den Möglichkeiten der Digitalisierung. Hier haben wir noch gewaltige Aufgaben vor uns." Top-500-Firmenprofil für RWE AG

Qualität, Effizienz und Geschwindigkeit durch papierlose Fabrik

Im vorderen Mittelfeld sieht sich Hardware-Anbieter InfineonInfineon. Sein Unternehmen habe bei der Umsetzung der papierlosen Fabrik bereits große Fortschritte erzielt, sagt Infineon-CIO Robert LeindlRobert Leindl. Laufzettel und ähnliches gehörten der Vergangenheit an, die Produktionsabläufe seien alle zentral elektronisch gesteuert - "das bringt Qualität, Effizienz und Geschwindigkeit", so Leindl. Im Produktbereich steige der Software-Anteil am Hardware-Produkt Halbleiter kontinuierlich an, damit könne das Unternehmen neue Märkte erschließen. Top-500-Firmenprofil für Infineon Profil von Robert Leindl im CIO-Netzwerk

Nicht nur unternehmens-, sondern auch branchenspezifische Gegebenheiten sind also Taktgeber des digitalen Engagements von Unternehmen. Das zeigt auch eine Studie von Bain & Company. Danach haben Medienunternehmen bis auf absehbare Zeit bei der Digitalisierung die Nase vorn. Das Beratungsunternehmen sieht in seiner Erhebung "Leading a Digical transformation" Firmen dieser Branche bis ins Jahr 2025 führend in Sachen digitaler Wandel, gefolgt von Technologie- und Telekommunikationsunternehmen. Organisationen der Versicherungsbranche rangieren der Studie zufolge im Mittelfeld noch nach Fluglinien sowie Firmen aus dem Handel und dem Automotive.

Auch frühen Digitalisierern stehen Neuerungen ins Haus

Die Gründe für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten sind vielfältig und nicht selten durch externe Faktoren bestimmt. So behindern laut Studie etwa Regularien und Erstattungsvorschriften im Healthcare-Bereich die digitale Entwicklung, während im Medienbereich Produkt- und Vertriebsinnovationen wie digitale Musikplattformen neuen Geschäftsmodellen Vorschub leisten.

Insgesamt wird das Thema in den kommenden Jahren in allen Branchen nochmals deutlich an Fahrt gewinnen. Automotive und Versicherungen sollen dabei erhebliche Fortschritte machen und selbst frühen Anwendern wie Unternehmen aus Telekommunikation, Handel und Banken stehen jede Menge digitale Neuerungen ins Haus, erwartet Bain & Company.

Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, mit der Unternehmen neue Technologien adaptieren, liegen also innerhalb einer normalen Bandbreite. Bedenklich für den Standort Deutschland ist jedoch das im internationalen Vergleich niedrige Gesamttempo der Digitalisierung. Die Boston Consulting Group (BCG) zeigte erst jüngst in einer Studie für das manager magazin, dass Deutschland bei der Digitalisierung in praktisch allen Branchen Nachholbedarf hat.

Handel muss dringend seine Geschäftsmodelle verändern

Insbesondere Banken und Versicherungen, das Gesundheitswesen sowie die Telekommunikations-, Informations- und Medienindustrie liegen gegenüber führenden Konzernen wie Amazon oder Google zurück. Laut BCG erreichten Unternehmen dieser Branchen gerade die Hälfte der digitalen Reife der weltweiten Vorreiter. Auch der Handel muss danach dringend seine Geschäftsmodelle verändern und Kunden auch im Web und mobil bedienen. Im Internet sind bereits Abgesänge auf das deutsche Vorzeigeprojekt "Industrie 4.0" zu lesen.

Kommentar: Unternehmen müssen an die Zukunft denken, bevor die Gegenwart zu einem Problem wird

von Axel Oppermann, Avispador GmbH

Die umfassende digitale Neugestaltung nahezu aller Lebensbereiche, Branchen und Industrien nimmt seit einiger Zeit weltweit an Geschwindigkeit zu. Manche Unternehmen spüren diesen Wandel bereits; manche ignorieren ihn noch und wiederum andere sind einfach nicht auf der Höhe ihrer eigenen Probleme. Grundsätzlich ist zu erkennen, dass viele Unternehmenslenker erst dann auf Chancen – aber auch Risiken – neuer Technologien und gesellschaftlicher Strömungen reagieren, wenn es fast schon zu spät ist. Nämlich dann, wenn die eigene Wettbewerbsfähigkeit gefährdet ist. Sie verkennen, dass die Zeitdiebe nicht mehr „die Männer in grauen Anzügen“ sind.

Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit

Viele Unternehmen in Deutschland versuchen, der digitalen Transformation durch das Erreichen zweier Ziele zu begegnen: Ziel eins ist das Sichern des bisherigen Kerngeschäfts. Ziel zwei ist das Erschließen neuer Geschäftsfelder. Dabei wird es oftmals schon – und dies fälschlicherweise – als Erfolg gesehen, wenn „papierbasierte auf papierlose Prozesse“ umgestellt werden. Die doppelte Zielsetzung – diese Herausforderung – soll durch CIOs und CMOs getrieben, getragen und geführt werden. Der Aufbau einer „Organisation einer IT der zwei Geschwindigkeiten“ wird für die Unternehmens-IT als neue Strategie propagiert. Doch weit gefehlt! Weder die genannten Ziele, noch das „doppelte Lottchen“ aus CIO und CMO, noch das Zwei-Geschwindigkeiten-Konstrukt führen zum benötigten Ergebnis. Vielmehr gilt es, alle Anstrengungen auf die „Erneuerung“ (des Kerngeschäfts) und auf „das Neue“ zu legen. Hiervon sind sowohl Geschäftsmodell als auch Betriebsprozesse betroffen. Diese Aufgabe ist für CMOs und CIOs mindestens eine Nummer zu groß, zu anspruchsvoll.

Und Los!

Wollen Unternehmen unter den neuen Bedingungen bestehen, müssen sie ihr Selbstverständnis überdenken. Dabei gehen die Anforderungen, die die digitale Transformation an das Unternehmen stellt, über klassisches Change-Management hinaus. Dies ist Aufgabe aller Organisationseinheiten, die nur in einem gemeinsamen Dialog zu einem gemeinsamen Ziel kommen können.

Die Kombination von Technik und Werten – quasi eine Leitkultur für das Unternehmen – wird Grundlage im Spannungsdreieck aus Wettbewerb, Gesellschaft und Mensch sein. Hierauf muss sich das einzelne Unternehmen – aber auch die IT-Abteilung – einstellen. Die Analyse der Bedürfnisse und Bedarfe, das technische Design und die eigentliche Transformation – also „die Erneuerung“ und „das Neue“ – dürfen nur synchron erfolgen. Der CIO und seine Mannschaft sind hierfür nicht verantwortlich, beziehungsweise sollten diese Verantwortung nicht übernehmen. Die Effekte einer digitalen Transformation sind für diese Rolle zu komplex. Aufgabe des CIO ist es, die technischen Rahmenparameter schnell und umfassend bereitzustellen. Hierzu zählen insbesondere eine Architektur für schnelle und stabile Services, skalierbare Cloud-Dienste und eine agile Entwicklung. Dabei kann die IT nicht einfach die aktuellen oder veralteten Systeme entfernen, die das operative Tagesgeschäft unterstützen.

Digitalisierung muss folglich nicht nur schnell sein, sie muss in diesem Lande deutlich an Tempo gewinnen, um den internationalen Anschluss nicht zu verpassen. Experten raten CIOs deshalb, in Organisationen eine IT der zwei Geschwindigkeiten aufzubauen. Dabei agiert der schnelle Organisationsteil wie ein Start-up und ist mit speziell erarbeiteten Führungs- und Verantwortungsstrukturen ausgestattet, empfiehlt etwa das Beratungsunternehmen McKinsey.

Der CIO überwacht als zentraler Verantwortlicher den Betrieb beider Organisationsteile. Funktionalitäten, die im Start-up- wie auch im Legacy-Bereich genutzt werden, müssen speziell unter dem Gesichtspunkt der zwei Geschwindigkeiten konzipiert werden. Und nicht zu vergessen: Auch Start-ups benötigen eine solide Unternehmens-Governance und ein Kontrollsystem rund um die Anforderungen von Management, Architektur und Release-Management.

CIO muss eine überzeugende Roadmap entwickeln

Diese Umstrukturierung bringt allerdings einen Erneuerungsprozess der IT mit sich, den die gesamte Führungsriege des Unternehmens vorbehaltlos unterstützen muss. Der CIO muss seinerseits eine überzeugende Roadmap für diesen Prozess entwickeln und dessen Wertschöpfungspotenzial darlegen können.

Klassische Unternehmen, die sich im digitalisierten Geschäftsumfeld behaupten müssen, setzen ihre CIOs und IT-Abteilungen häufig unter starken Zugzwang, indem sie diese unversehens mit den Anforderungen aus den Fachbereichen konfrontieren. Mit dem Ansatz der zwei Geschwindigkeiten lässt sich die IT in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln, die ihrer Organisation verhilft, mit digitalen Konkurrenten mitzuhalten, so McKinsey. Auf den langwierigen Erneuerungsprozess der IT wirke die Doppelstruktur wie ein Katalysator.

Robert Leindl, CIO Infineon Technologies, im Interview

"In der papierlosen Fabrik werden alle Abläufe zentral gesteuert - das bringt Qualität, Effizienz und Geschwindigkeit"

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"Wir kennen die Nachfrage-Profile unserer Kunden und können die Stromproduktion darauf anpassen"

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"Wir sind in Europa eines der führenden Unternehmen im Bereich Fernsehen und digitale Unterhaltung"

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