"Hört auf, euch ständig zu hinterfragen!"

Erfahrene IT-Frauen reden Klartext

15. Dezember 2015
Von Anja Dilk
Diskriminiert fühlen sie sich nicht, aber oft genug müssen sie sich erklären, und in vielen Projekten sind sie nach wie die einzige weibliche Entwicklerin. Engagierte Informatikerinnen arbeiten an allen Fronten, um dem weiblichen IT-Nachwuchs zum Durchbruch zu verhelfen.

Wenn Daniela Berger auf eine Computermesse geht, hört sie fast immer diesen einen Satz: "Mit wem bist du denn da?" Dass sie selbst hier beruflich zu tun hat, kommt den meisten gar nicht in den Sinn. Wenn Berger mit Rock und Lippenstift in einem Kundengespräch erscheint, sieht sie immer wieder Zweifel in den Gesichtern. Dass sie der Programmierprofi in der Runde ist, können sich viele nicht recht vorstellen.

Nicht, dass ITler oder Kunden Vorurteile gegenüber Frauen in der IT pflegten. "Im Gegenteil, aufrichtig empört weisen sie das zurück", sagt Berger. Es sind vielmehr kleine, unbewusste Diskriminierungen, die für die Entwicklerin zum Alltag gehören. Von "Microaggressions" spricht Berger und zum Glück ist die leidenschaftliche Programmiererin ziemlich immun dagegen. "Ich habe ein dickes Fell."

Um Frauen in die IT zu locken, braucht es letztlich Vorbilder - immer die einzige zu sein, ermüdet.
Um Frauen in die IT zu locken, braucht es letztlich Vorbilder - immer die einzige zu sein, ermüdet.
Foto: Ollyy - shutterstock.com

"Coden Frauen anders?"

Vielleicht liegt das daran, dass sie von Kindesbeinen mit der IT verwachsen ist. Der Vater war leidenschaftlicher Programmierer, die Brüder eiferten ihm nach. Berger studierte Computerlinguistik, ein "toller Mix aus Sprache und Entwicklung". Als sie einmal ihren Vater fragt: "Coden Frauen anders?", ist er entrüstet. "Was soll denn an einem Quellcode männlich oder weiblich sein?"

Die Einstellung prägt sie heute noch. "Ich habe ein anderes Sprungbrett mitbekommen". Doch sie weiß, dass es vielen Frauen anders geht. Dass es sie belastet, sich immer wieder erklären zu müssen. "Toll, du machst wirklich IT?" Dass es sie nervt, immer wieder in eine Sonderrolle geschoben zu werden, wie in den testosteronschweren Vorlesungen an der Uni. "Guten Tag, die Herren, meine Dame". Selbst Daniela Berger geht manchmal der Hut hoch, wenn ihr wohlwollend attestiert wird, dass sie "etwas Fürsorgliches" in die Entwicklerrunde bringe. "Ich will nicht fürsorglich sein, sondern schlicht eine hervorragende ITlerin."

Weibliche Entwicklerinnen sind pragmatischer

In zehn Jahren hat sie selbst erst dreimal mit einer anderen Entwicklerin zusammengearbeitet. Dabei seien Frauen in der IT wichtig, weil sie eine andere Perspektive in die Branche trügen - die der weiblichen Nutzerin. Immer noch, kritisiert Berger, gebe es Java-Script Plug-ins, deren Beispielbilder aussähen wie aus einem Pirellikalender. Und erst ein Jahr nach dem Launch in iOS9 bezog der Apple HealthKit, der sonst selbst die feinsten Körperdaten berücksichtigt, auch den Einfluß des weiblichen Zyklus auf die Gesundheitsparamater mit ein.

"Männliche Programmierer haben die Lebenswirklichkeit weiblicher User nicht auf dem Schirm", sagt Berger. Oder, wie Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG-Metall sagt: "Weibliche Entwicklerinnen sind pragmatischer im Umgang mit Technik. Sie fragen mehr nach dem Nutzen, statt sich für Spielereien zu begeistern." In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft werde dieser nüchterne Blick immer wichtiger.

Christiane Benner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Ig Metall.
Christiane Benner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Ig Metall.
Foto: IG Metall

Bis dieser nüchterne Blick in die IT-Szene Einzug nimmt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Die erfolgreichen Karrieren von Top-Frauen wie Sabine Bendiek,seit kurzem Chefin von Microsoft Deutschland, Angelika Gifford, seit 2014 in der deutschen Geschäftsführung von Hewlett Packard, oder IBM-Deutschlandchefin Martina Koederitz, im September 2015 ausgezeichnet als Managerin des Jahres, sind wenig mehr als Leuchttürme.

Selbst die relativ hohen Studierendenzahlen stimmen nur verhalten optimistisch: 30 Prozent der ITK -Studenten sind weiblich, 20 Prozent machen einen Abschluss, gerade mal 15 wählen tatsächlich IT-Jobs. "Das liegt auch an der extrem hohen Arbeitsbelastung und den wenig familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in der Branche", vermutet IG-Metall-Vorstandsfrau Benner. "Frauen sind weniger bereit, das zu akzeptieren." Nach einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft arbeiten ITler durchschnittlich 43 Stunden die Woche; der Alltag ist geprägt von permanenten Umstrukturierungen, globaler Zusammenarbeit und hoher Geschwindigkeit.

Mit Kampagnen macht sich die IG-Metall daher für mehr Frauen in der IT stark. Doch Benner weiß: Letztlich braucht es Vorbilder, um den Nachwuchs Stück für Stück auf das Feld zu locken. "Immer die einzige zu sein, ermüdet." Das kennt Benner aus ihrem eigenen Berufsleben. Auf Fachtagungen war sie früher oft die einzige Frau unter 200 Herren, bei Tarifverhandlungen saßen ihr in der Regel Männer gegenüber. Immerhin: "Ich hatte gute frauenbewegte Männer in meinem Umfeld und starke Kolleginnen, die vor mir das Eis gebrochen haben", sagt Benner. "Wir brauchen in den Unternehmen eine Kultur, die weibliche Mitarbeiter fördert und Frauen an der Spitze, die anderen zeigen: Ihr könnt es schaffen."

Frauen haben oft keine Lust auf den toughen Kurs

Stimmt, findet Elisabeth Heinemann. Die Professorin für Mobile Computing in der IT an der Hochschule Worms versucht ihren Studenten mit ihrer eigenen Biographie vorzuleben, dass Frauen in der Branche Fuß fassen können. Vorurteile gegenüber weiblichen ITlerinnen hat Heinemann nur einmal selbst erlebt, vor vielen Jahren: Damals hatte sie ein Headhunter einer großen Tech-Company als Projektleiterin vorgeschlagen, ihr Profil passte perfekt zu den Kundenwünschen.

Als Heinemann zur Tür hereinkam, stockte dem Kunden der Atem - eine Frau. "Ich habe sofort gemerkt, der hat damit ein Problem", erinnert sich Heinemann. Sie bekam eine Absage - und eine Woche später einen neuerlichen Anruf vom Headhunter. "Die haben keinen bessern gefunden und wollen Sie jetzt doch."

Elisabeth Heinemann ist Professorin für Mobile Computing in der IT an der Hochschule Worms.
Elisabeth Heinemann ist Professorin für Mobile Computing in der IT an der Hochschule Worms.
Foto: FH Worms

Heinemann kneift heute noch die Augen zusammen, wenn Sie daran denkt. "Sagen Sie dem Herrn, ich stehe nicht mehr zur Verfügung", hat sie geantwortet. Nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung. Heinemann: "Wir Frauen müssen Flagge zeigen, statt rumzudiskutieren. Wer Täter und wer Opfer ist, entscheidet sich immer auch an der Frage: Wer lässt was zu?" Und wer nimmt sich welche Jobs?

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Kommentare zum Artikel

MBremmer

Hallo Frau Berger, danke für den Hinweis, es fällt schwer zu glauben, aber Second Life existiert aber immer noch. Einfach mal nachsehen (www.secondlife.com)
Grüße

DanielaBerger

Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das SecondLife-Projekt, von dem im letzten Absatz die Rede ist, im Jahr 2007 stattfand, also nicht ganz so "neulich"...

Stefanie SchmidtMit

Sehr geehrte Frau Heinemann.

Tolle Aussage: „Wer nimmt sich welchen Job?“

Als Mutter von 3 Kindern, ist das nicht so leicht, da muss man manchmal nehmen, was kommt.

Das schlimmste Erlebnis hatte ich bei einer IT-Firma, die doch im
mittleren Management einige Frauen hatte. Das war der Grund, warum mich mich auf das Angebot des Headhunters einließ.

Meine Chefin (kinderlos, ca. 60, bei Mama lebend), keine wusste, ob und was sie studierte, war zum Abgewöhnen.

Permanent sagte sie mir: du bist zu überzeugt von dir, sieh endlich ein, dass du nur unteres Mittelmaß bist! Sieh deine männlichen Kollegen an, das schaffst du nie!

Das von einer Frau (ich lass es im Buch von
Susan Pinkers 2008, dass schlimmer als Männer, Frauen sind)

Sie lachte mich in der ganzen Firma für eine Ausarbeitung für einen
Kunden aus. Im Arbeitszeugnis war sie noch nicht einmal fähig, den
richtigen inhaltlichen Titel niederzuschreiben. Aber, lachen und über
die Fähigkeiten herziehen, das konnte sie. Und das in einer sehr
großen IT Firma, die sich nach außen sehr frauenfreundlich gibt!

Im Projekt gab es keine Absprachen, keine Datenmodellierungstool, der Architekt hatte absolut keine Zeit. Der Kunde war nicht bereit dafür zu zahlen, dass ich ein Datenmodellierungstool evaluierte, damit ich überhaupt ein DB-Schema malen kann.

Da der Architekt keine Ahnung von meiner Arbeit hatte, konnte er keine Kundenanfragen beantworten. Nicht er wurde gefeuert, sondern ich!

Meine Chefin evaluierte mich an der Schriftgröße und nicht am Inhalt.

Tschüss sagten mir nach der Kündigung ein Duzen Osteuropäische Männer Anfang 30!

Tolle Aussichten für uns Mütter!

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