Elite-Bank auf Abwegen

Goldman Sachs drängt in den Massenmarkt

18. Oktober 2016
In der Welt des großen Geldes ist Goldman Sachs eine Größe: Fast 150 Jahre Tradition als exklusive Investment-Adresse haben das Wall-Street-Haus zum Inbegriff der Finanzelite gemacht. Warum öffnet sich das Unternehmen jetzt für Kleinsparer?
Die Zentrale von Goldman Sachs in New York City.
Die Zentrale von Goldman Sachs in New York City.
Foto: Goldman Sachs

Seit ihrer Gründung vor mehr als 147 Jahren definiert sich die Investmentbank Goldman Sachs stolz als Nobeladresse der New Yorker Finanzelite. Diskretion und Exklusivität waren bislang die Markenzeichen des wegen seiner guten Drähte zu Politik und Wirtschaft berühmt-berüchtigten Wall-Street-Hauses - wer kein millionenschweres Vermögen vorweisen konnte, kam als Kunde kaum in Frage. Doch damit ist nun Schluss, die Bank drängt mit Krediten und Konten für jedermann in den Massenmarkt. Was steckt hinter dem Strategiewandel?

Vor wenigen Tagen startete Goldman Sachs seine Online-Kreditplattform "Marcus" (benannt nach Gründungspartner Marcus Goldman). Zum ersten Mal in seiner Geschichte öffnet sich das Geldhaus, das lange Zeit nur Unternehmenskunden und Superreiche als Klienten akzeptierte, für durchschnittliche US-Bürger. ""Marcus" bietet eine Option für Verbraucher, die eine simplere Alternative zu Kreditkarten suchen", sagt Harit Talwar, der Leiter der neuen Plattform.

Goldman Sachs verspricht gebührenfreie Darlehen über bis zu 30000 Dollar mit festen Zinssätzen bei Laufzeiten von zwei bis sechs Jahren. Bereits seit April bietet die Bank Sparkonten ohne Mindesteinlage an. Diese Sparte war 2015 inklusive Kundengeldern von rund 16 Milliarden Dollar vom US-Industrieriesen General Electric (GE) übernommen worden, der nach schlechten Erfahrungen in der Finanzkrise den Rückzug aus dem Bankgeschäft angetreten hatte.

Für Goldman ist der Vorstoß in den Massenmarkt ein Ausweg, denn das traditionelle Geschäft ist in den letzten Jahren unter Druck geraten. Durch die strengere Regulierung, mit der die US-Behörden auf die Exzesse vor dem Platzen der Subprime-Kreditblase reagierten, hat die frühere Geldmaschine Investmentbanking an Profitabilität eingebüßt. Heute verdienen Konkurrenten wie JPMorgan Chase oder Wells Fargo mehr, die den Fokus auf das Privatkundengeschäft legen.

Die Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers sieht dort gute Chancen. "Wir glauben an eine strahlende Zukunft", heißt es in einer Studie. Denn an der wirtschaftlichen Notwendigkeit klassischer Banken werde sich trotz neuer Wettbewerber nichts ändern. Allerdings müsste die Branche sich den durch technologischen Wandel veränderten Kundenansprüchen anpassen. Genau hier setzt Goldman, das breiter aufgestellten Rivalen wie JPMorgan im Filialgeschäft nichts entgegensetzen kann, mit seiner Online-Plattform an.

Durch die Ausrichtung auf Kreditvergabe im Internet spart sich die Bank ein teures Filialnetz mit hohen Personalkosten. Goldman kann die von GE übernommenen Kundeneinlagen über seine Online-Plattform zu attraktiven Zinsen verleihen, selbst aber noch günstiger verzinstes Zentralbankgeld beziehen und so von der laxen Politik der US-Notenbank Fed profitieren. Das ist ein großer Vorteil in einem Markt, in dem Fintech-Rivalen ohne Banklizenz und eigene Einlagen mühsam zwischen Kreditgebern und -nehmern vermitteln müssen.

"Zahl weniger Zinsen mit einem Darlehen von "Marcus"", heißt es auf Goldmans neuer Website zunächst sehr einladend. Doch ganz ohne Star-Allüren geht der Einstieg ins breite Endkundengeschäft dann offenbar auch wieder nicht. Denn für den Anfang dürfen sich nur Kunden um Kredite bewerben, die über relativ gute Bonität verfügen und per Brief eine Einladung von Goldman erhalten haben. Es bleibt jedoch ohnehin abzuwarten, wie viel Vertrauen Kleinsparer und -Kreditnehmer in die Investmentbank haben.

Denn Goldman Sachs leidet unter Imageproblemen, das Geldhaus hat in den letzten Jahren vor allem mit Skandalen von sich reden gemacht. Wegen seiner engen Verflechtungen zu politischen Entscheidungsträgern wird es auch "Government Sachs" genannt. Um kaum ein Unternehmen ranken sich so viele Verschwörungstheorien. Das US-Magazin "Rolling Stone" charakterisierte Goldman Sachs einst als Vampir, "der gnadenlos alles aufsaugt, was nach Geld riecht". (dpa/rs)

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