Gaia-X

Stärken und Schwächen der deutschen Cloud-Initiative

Kommentar  03.01.2020
Stefan Ried ist Principal Analyst bei Cloudflight.

Deutsche Bank bringt Kernsystem nicht in eine Public Cloud

Auch die Deutsche Bank könnte Peter Altmaier ein wenig mehr über den Charakter ihrer internen IT-Workloads erzählen. Denn nur, wenn die Leistungsanforderungen eines Unternehmens stark schwanken, etwa bei einem Retailer im Weihnachtsgeschäft oder wenn, wie bei Volkswagen, viele Firmen entlang einer Industrie-4.0-Lieferkette zusammenarbeiten, spielen die Public Clouds ihre Vorteile aus. Bei einer Bank tritt dieser Fall so gut wie nie ein. Deshalb betreiben die Größen der Finanzbranche ihre Kerninfrastrukturen weiter selbst.

Wenn man aber die Elastizität der Infrastruktur nicht braucht und wenig Bedarf an vollständig gemanagten PaaS-Lösungen hat, ist eine Public Cloud nicht mehr günstiger. Dann teilt man sich vielleicht noch Strom, Netzwerk und Klimatisierung mit den US-Cloud-Providern bei einem der großen Frankfurter Colocation-Anbieter. Das ist aber auch schon alles.

In Summe schätzen wir die meisten der an Gaia-X beteiligten Großunternehmen heute nicht so ein, dass sie ihre Core-Workloads oder Umsatzströme mit Gaia-X in Einklang bringen könnten. Das Konzept (PDF) sieht auch gar nicht vor, dass keinerlei Infrastruktur von einem der vier US-Provider kommen darf. Der ursprüngliche Anspruch war vielmehr Monopolvermeidung und die Stimulation eines Ökosystems, in dem der Austausch von Daten (zum Beispiel der Zugriff auf Lernmodelle) konform mit unserer Rechtsauffassung ablaufen kann.

Diese Abbildung von Gaia-X zeigt, wie das Daten-Ökosystem auf einem verteilten Infrastruktur-Ökosystem aufbauen soll. Eine Data Economy aufzubauen, die keinen Lock-in in eine bestimmte Infrastruktur erlaubt, ist eine sehr gute Idee! Damit setzt Gaia-X mit seinem Infrastruktur-Ökosystem genau das um, was die drei Hyperscaler technisch jeweils schon mit ihren Availability Zones - proprietär allerdings - implementiert haben. Wir können uns vorstellen, dass das Gaia-X-Knotenverzeichnis ein Meta-Repository über Kubernetes-Cluster ist. Aber so konkret ist das Projekt noch nicht.

Das Konzept schlägt für die Schaffung eines offenen Standards und einer Referenzarchitektur die Etablierung einer Europäischen Organisation vor: "Zur Umsetzung der vernetzten Dateninfrastruktur erachten wir eine zentrale, europäisch getragene Organisation für notwendig. Sie soll aus wirtschaftlicher, organisatorischer und technischer Sicht die Basis für eine vernetzte Dateninfrastruktur sein. Ihre Aufgabe wird sein, eine Referenzarchitektur zu entwickeln, Standards zu definieren sowie Kriterien für Zertifizierungen und Gütesiegel vorzugeben. Sie soll ein neutraler Mittler und Kern des europäischen Ökosystems sein." (Das Projekt GAIA-X, BMWi)

Die International Data Spaces (IDS)-Initiative, die vom Fraunhofer Institut angeregt wurde, wird als erfolgreiches Beispiel angeführt. Jedoch haben in Sachen vernetzter Dateninfrastruktur die vier Amerikaner einfach die größte Kompetenz am Markt. Es wäre gut dieses Wissen zu nutzen, ohne Abhängigkeiten einzugehen und Monopole zu begünstigen.

Wo sind bei Gaia-X die Multi-Cloud-Szenarien?

Ein Punkt der bei Gaia-X vollkommen fehlt, sind hybride und Multi-Cloud-Szenarien. Dabei geht es um ganz konkrete Szenarien: Heute, rund 20 Jahre nach den Storage-Konsolidierungen in Enterprise-Rechenzentren, weiß jeder CIO was kalte (alte) und heiße (aktuelle) Daten sind. Er speichert sie auf unterschiedlichen Systemen, um Preis und Zugriffszeiten zu balancieren. In gleicher Weise werden Unternehmen künftig ihre Daten auf modernen Microservice-Architekturen erneut zweiteilen. Wenige, aber hochsensible Daten werden vollständig verschlüsselt und gegebenenfalls in maximaler Daten-Souveränität abgelegt - in Deutschland. Folgendes Video vom Fraunhofer Institut erklärt Gaia-X:

So geht beispielsweise Bosch in eigenen Rechenzentren vor, die zwar deutlich teurer als AWS/Azure/Google sind, aber die eigene Souveränität gewährleisten. Der volumenmäßig viel größere Teil lässt sich meist so weit anonymisieren und "tokenizen", dass er problemlos am kostengünstigsten Ort liegen kann. Beim Autonomen Fahren sollten die Telematik-Daten, die zeigen, dass Autos vor einer Schule scharf bremsen mussten, beispielsweise am besten unverschlüsselt an der günstigsten Stelle liegen und für maschinelles Lernen zugänglich sein. Das sind die Inhalte für die schon längst überfällige Zusammenarbeit der Autobauer im Bereich des Autonomen Fahrens. Aber welcher Fahrzeuge tatsächlich scharf bremsen mussten, das ist natürlich sehr vertraulich und liegt tatsächlich besser in der Bosch-Cloud.

Ähnlich sollte es sich mit der elektronischen Gesundheitsakte verhalten. Patientenname, Versicherungsnummer und ein geheimer Schlüssel (Token) sind sensible Daten, die an einem sicheren Ort liegen müssen. Dazu könnte Gaia-X den zertifizierten Souveränitäts-Level eines Infrastruktur-Knotens einführen. Faktisch wären das nur ein paar Gigabyte an Daten - und zwar für alle Versicherten in Deutschland.

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