Microsoft-Umfrage

Endlich: IT rettet das Gesundheitswesen

21.11.2011, von Hartmut Wiehr

Völlig überraschend hat Microsoft entdeckt, dass IT der "Problemlöser" für das Gesundheitssystem ist. Ob das wirklich gut für die Patienten ist, muss sich zeigen.

Ein ungeschriebenes Gesetz (nicht nur) in der IT-Industrie besagt, dass es lediglich einer Studie oder Kundenumfrage bedarf, um ein neues Produkt, eine Dienstleistung oder was auch immer in den Markt zu drücken. Microsoft macht da keine Ausnahme. Man nehme einen mit den Mitteln der modernen Sozialforschung auf "empirisch glaubwürdige Füße" gestellten Fragebogen (mindestens 1.000 nach dem "Zufallsprinzip" ausgewählte Personen), formuliere die Fragen sehr gründlich (ohne die Antworten selbstherrlich vorwegzunehmen), analysiere das Ganze extrem vorurteilsfrei nach den Gesetzen des Marketing und schon ist das stets "überraschende" Ergebnis ausgebrütet, pardon fertig.

Jeder sein eigener Doktor. Das stellt sich zumindest Microsoft so vor.Vergrößern
Jeder sein eigener Doktor. Das stellt sich zumindest Microsoft so vor.
Foto: Microsoft

Jüngstes Beispiel in einer nicht enden wollenden Kette: "Bürger sehen dringenden Handlungsbedarf und wünschen sich eine aktivere Rolle im eigenen Gesundheitsmanagement". Das klingt irgendwie unverfänglich und neutral. Man hat einem tief verborgenen Bürgerwunsch zur Sprache verholfen. Was will man mehr? Ist doch zutiefst demokratisch und so.

Geburtshelfer für diesen völlig überraschenden Wunsch war kein anderer als Microsoft. Ralph Haupter, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, fasst zusammen: "Die Ergebnisse unserer Umfrage sind überraschend eindeutig: Der Bürger wünscht sich mehr Vernetzung und sieht im Einsatz von Informationstechnik die Chance, das deutsche Gesundheitssystem zu modernisieren, Kosten zu senken und auf den demografischen Wandel zu reagieren.” Gesundheit müsse bezahlbar bleiben, und der Einsatz von moderner IT sei das Mittel für mehr Effektivität und Effizienz.

"Darüber hinaus" erhielten Patienten "mehr Lebensqualität durch mehr Mobilität", "mehr Sicherheit" und "mehr Selbstbestimmung". Alle diese schönen Sachen, die die Bürger so sehnlichst wünschen, kann Microsoft zur Verfügung stellen.

Dr. Markus Mohr - 22.11.2011 14:38
Dieser Artikel drückt in etwas emotional-pathetischer Art und Weise den Trend grosser IT-Unternehmen, den medizinischen Markt nach vielen Jahren endlich als Wachstumsmarkt erkannt zu haben, durchaus zum Ausdruck. Allerdings funktionieren die im Artikel beschriebenen, sehr mechanistisch-kausal angenommenen Wege, sich neue Kundenstämme zu erobern, so natürlich nicht. Insbesondere dann nicht, wenn das Ergebnis so dargestellt wird wie geschildert. Es mag durchaus sein, dass der Bürger sich eine bessere informative Vernetzung der behandelnden Ärzte untereinander wünscht, aber nicht, um "Kosten zu senken" oder "auf den demografischen Wandel zu reagieren", sondern um die medizinische Versorgung seiner eigenen Person und seiner Angehörigen im Kontext moderner Kommunikationsmethoden, die andernorts bereits Gang und Gäbe sind, so optimal zu gestalten wie möglich. Und - sind wir einmal ehrlich: Wen von uns kümmern die finanziellen Aspekte der eigenen Behandlung wirklich ausser dann, wenn die Krankenkassen Leistungen nicht übernehmen oder die Finanzierung der monatlichen Beträge zu teuer wird? Die hier nur Microsoft zugeschriebene praktische Umsetzung von Bürgerwünschen hinsichtlich besserer ärztlicher Kommunikation haben mit Microsoft ebenso wenig zu tun wie mit anderen IT-Unternehmen. Dieser "Bürgerwunsch" ist ein schon seit mindestens 20 Jahren ausgesprochener, und die technologischen Möglichkeiten dazu, datenschutzkonform, bestehen ebenso schon seit vielen Jahren. Wir bewegen uns hier also nicht auf einem innovativen Gebiet. Unbezweifelt bleibt aber, dass grosse IT-Unternehmen imstande sind, kraft eigener (Finanz-)Masse Dinge auf dem Gesundheitsmarkt umzuwälzen, zum Positiven zu wenden und politisch ermöglichte und gewünschte Strategien zur Realität werden zu lassen, von der insbesondere der Bürger etwas hat. Umsetzungen dieser Art, seien sie innovativ oder nicht, erfordern heutzutage das kooperative Miteinander von Politik und Industrie. Darin besteht die Chance für den Bürger von heute und insbesondere morgen.
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