Recruiting von Entwicklern

"Die Deutschen müssen ihre Hausaufgaben machen"

28. Oktober 2016
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Unternehmen professionalisieren ihr Tech-Recruiting, erkennt Stefan Schwarzgruber von der Entwickler-Plattform Stack Overflow an. Noch definieren sie zu ungenau, welche Anforderungen eine Stelle voraussetzt oder warum ein Job für Entwickler spannend ist
Stefan Schwarzgruber von Stack Overflow rät Recruitern, einfach mal die eigenen Entwickler zu fragen.
Stefan Schwarzgruber von Stack Overflow rät Recruitern, einfach mal die eigenen Entwickler zu fragen.
Foto: Stack Overflow

Egal, welche Branche, egal, welche Firmengröße - das Thema FachkräftemangelFachkräftemangel verbindet. Stefan Schwarzgruber ist Country Manager DACH beim Entwicklernetzwerk Stack Overflow. Über Stack Overflow tauschen sich Entwickler aus, sie richten Fachfragen an die Community und unterstützen sich gegenseitig bei der Problemlösung. Das Netzwerk zählt mehr als 709.000 Softwareentwickler in Deutschland. Rund sechs von zehn können als Full-Stack Entwickler gelten, die Server-/Netzwerk-/Hosting-Umgebungen ebenso beherrschen wie Datenmodellierung, Geschäftslogik, API-Schicht/Aktionsschicht/MVC, Datenbanken, CSS, Javascript und HTML. Alles zu Fachkräftemangel auf CIO.de

Stack Overflow unterscheidet nicht zwischen Studierenden und ausgebildeten Entwicklern. Bildet man aus allen Daten "den" deutschen Entwickler, ist dieser ein Mann zwischen 25 und 29 Jahren mit fast sechseinhalb Jahren professioneller Programmiererfahrung und einem Einkommen zwischen umgerechnet 50.000 bis 60.000 US-Dollar.

Wie kriegt man ihn, den deutschen Entwickler? "Die Unternehmen professionalisieren ihr Tech-Recruiting", erkennt Schwarzgruber an. "Zunehmend setzen sich Fachabteilung, HR und Marketing zusammen." Warum das Marketing? "Weil es immer auch um Fragen des Employer Branding geht", so der Stack Overflow-Manager. Schwarzgruber bestätigt die These, wonach sich Unternehmen heute bei den potenziellen Kandidaten vorstellen, nicht mehr umgekehrt. "Die Firmen arbeiten daran, ihre Stärken herauszustellen und für Software-Entwickler attraktiv zu werden", beobachtet er.

Kommunikation zwischen Fachabteilung und Recruiting defizitär

Noch klappt die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit nicht immer, so Schwarzgruber weiter. "Die Kommunikation zwischen Fachabteilung und RecruitingRecruiting ist defizitär", stellt er fest. So würde oft nur ungenau definiert, welche Anforderungen die ausgeschriebene Stelle voraussetzt oder was den Job für Programmierer spannend macht. "Die Deutschen müssen ihre Hausaufgaben machen", sagt der Manager. Alles zu Recruiting auf CIO.de

Die Lücke zwischen dem Leben der Entwickler - zumindest derer, die über Stack Overflow aktiv sind - und den Ansprüchen von Unternehmen dürfte nicht so einfach zu schließen sein. Wie Schwarzgruber beobachtet, ist Entwicklern vor allem eines wichtig: lebenslanges Lernen. Dahinter verbergen sich vier Aspekte:

  • Mit der sich ständig wandelnden Technologie wollen sich auch Entwickler verändern. Lebenslanges Lernen ist für sie nicht "aus der Not geboren". Es interessiert sie.

  • Das beinhaltet den ständigen informellen Austausch mit anderen Entwicklern. Programmierer verstehen sich als Problemlöser. Sie sehen nur ihr Fachgebiet und sprechen darüber gerne mit Gleichgesinnten, um voneinander zu lernen. Dass das den Schutz des geistigen Eigentums ihrer Firma berühren könnte, ist ihnen nicht bewusst - bei Compliance- und Risiko-Verantwortlichen könnten die Alarmglocken schrillen.

  • Selbstverständlich setzen Programmierer voraus, dass ein potenzieller Arbeitgeber ihnen die neuesten Tools bereitstellt.

  • Ebenso selbstverständlich erwarten Entwickler, flexibel arbeiten zu können. "Nicht jeder arbeitet grundsätzlich lieber von Zuhause oder von unterwegs aus", weiß Schwarzgruber, "aber jeder sollte die Möglichkeit dazu haben." Er appelliert an die Unternehmen, starre Strukturen aufzubrechen.

Nicht alle wollen zwingend zu Google

Schwarzgruber glaubt nicht, dass alle Entwickler zu Google wollen oder, falls das nicht klappt, dann wenigstens zu Audi, BMW oder Daimler. Er weiß, dass solche Namen schon ihrer Bekanntheit wegen in den Wunscharbeitgeber-Rankings ganz oben stehen, kommentiert aber: "Wo die Programmierer dann tatsächlich anfangen, und wo sie glücklich werden, steht auf einem anderen Blatt."

Der Stack Overflow-Manager rät Firmen, Kandidaten dort zu kontaktieren, wo sie sind. Physisch zum Beispiel auf Startup-Treffen oder Fachkonferenzen und virtuell auf den Plattformen, auf denen sie sich tummeln. Woher weiß der Recruiter, welche das sind? Schwarzgruber schmunzelt: "Einfach mal die eigene IT-Abteilung fragen!"

Das Lächeln vergeht ihm allerdings mit Blick auf das deutsche Bildungssystem - und drohende Wettbewerbsnachteile für den Standort Deutschland. Schwarzgruber kann nicht verstehen, warum die Notwendigkeit der Digitalisierung von Schulen immer noch diskutiert werden muss. "Wir müssten doch den Umgang mit Medien schon spielerisch im Kindergarten vermitteln", fordert er. "Und zwar nicht nur den Konsum, sondern die aktive Gestaltung. Das ist heute genauso ein Werkzeug wie Lesen, Schreiben und Rechnen!"

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Kommentare zum Artikel

Sascha Thattil

Danke für den Beitrag. Das Recruiting von Talenten ist tatsächlich keine einfache Aufgabe mehr. Fast jedes Unternehmen möchte im Rennen für die erfolgreiche Digitalisierung mitmachen. Gute Entwickler können sich hier aus den Stellenangeboten die Besten heraussuchen.

Ein ansprechendes Gehalt, ein attraktiver Arbeitgeber der auch auf die Bedürfnisse des Entwicklers eingeht, das langt meistens schon. Auch hier scheitern einige IT Arbeitgeber bereits.

Die im Beitrag angesprochenen Ansätze können eine Lösung sein.

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