Offshore Outsourcing

Einmal Indien und zurück

07. Februar 2005
Von Marita Vogel
Ein kurzer Feedback-Zyklus ist nicht möglich, die Qualität nicht ausreichend, die Lieferung nicht pünktlich: Kritiker von Offshore-Projekten formieren sich auf breiter Front. Ob Rückversicherer oder Produktionsunternehmen: Die Liste der Unternehmen, die nach schlechten Erfahrungen wieder auf hiesige Dienstleister zurückgreifen, wird länger. Was CIOs aus den Fehlern gelernt haben.

Dieter Geile hat es versucht: Drei indische SAP-Programmierer sollten gemeinsam mit deutschen Kollegen in der Göttinger Zentrale des Technologieunternehmens Sartorius AG die firmeninterne SAP-Landschaft umbauen. Das Resümee ist ernüchternd: "Obwohl es ausgebildete Programmierer sein sollten, mussten wir immense Anstrengungen aufbringen, um sie auf unser Niveau zu heben", sagt der 48-jährige CIO. Besonders negativ sei der völlig fehlende betriebswirtschaftliche Hintergrund aufgefallen.

Was leicht in einem Dilemma hätte enden können, erwies sich für Geile als positive Erfahrung. Denn die drei Asiaten waren bei der indischen Tochter Sartorius India aus Bangalore des international tätigen Biotechnologie-Zulieferers und Mechatronik-Herstellers angestellt, sodass keine teuren Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen waren - wie es bei einem Offshoring-Vertrag hätte sein können. Im Gegenteil: "Seitdem wissen wir, dass Offshoring in der jetzigen Situation für uns wohl nicht das Richtige ist", sagt Geile. Mit dieser Erkenntnis steht der Mann aus Göttingen nicht allein: Der Block der Offshoring-Kritiker wird immer größer.

Selbst Unternehmen, die Offshore-Projekte bereits abgewickelt haben, halten sich mit Negativurteilen nicht zurück - so etwa die Deka Bank Deutsche Girozentrale und die Lufthansa Cargo AGLufthansa Cargo AG. Während Deka-Informatikdirektor Andreas Fichelscher von einer "anderen Art der Kommunikation" spricht, beklagt Ex-Lufthansa-CIO Ricardo Diaz Rohr, dass "es kein Feedback bei unsinnigen Vorgaben" gibt. Der IT-Dienstleister Lufthansa Systems, der mit diesem Thema bisher offensiv umging, möchte sich plötzlich "aus firmenpolitischen Gründen" nicht mehr öffentlich äußern. Für das DAX-30-Unternehmen Commerzbank AGCommerzbank AG gehört IT-Offshoring im großen Stil erst gar nicht zur Firmenstrategie; kleinere Pilotprojekte laufen im Nearshore-Bereich. Die Stimmung hat sich gewandelt. Top-500-Firmenprofil für Commerzbank AG Top-500-Firmenprofil für Lufthansa Cargo AG

Wie hoch die Zahl der gescheiterten Projekte allein in Deutschland ist, weiß niemand. Zu groß ist die Dunkelziffer. "Offshoring wird in sehr vielen Unternehmen begonnen, aber nicht wirklich durchgeführt", hat Dirk Buchta, Vizepräsident der Strategischen IT des Beratungsunternehmens A.T. Kearney in Düsseldorf, beobachtet. Und eine europaweite Studie der Unternehmensberatung McKinsey unter 250 Unternehmen aus dem Bankensektor kommt bereits bei Outsourcing-Projekten zu einem niederschmetternden Ergebnis: 58 Prozent der Anwender sind demnach enttäuscht über den Verlauf des Projektes - und hier fallen die größten Offshore-Sorgen bereits weg, nämlich Sprachschwierigkeiten und räumliche Distanz. Häufig wurden die Kosten nicht im erwarteten Umfang gesenkt, die Qualität blieb hinter den vereinbarten Zielen zurück oder die Termine wurden überschritten.

Kein Wunder also, dass fast jeder CIO Kollegen kennt, die in kleiner Runde, meist hinter vorgehaltener Hand, über schlechte Erfahrungen mit Offshoring berichten. Öffentlich präsentieren mögen sich nur die wenigsten - noch immer ist die Befürchtung groß, als erfolglos zu gelten.

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