TECHNIKGESCHICHTE

Genie, acht Fuß hoch

05. November 2001
Von Karsten Lohmeyer
Vor 50 Jahren lieferte Remington Rand den ersten in Serie gefertigten Computer aus. Der „Univac 1“ wog so viel wie ein Linienbus, war so groß wie eine mittlere Garage und verbrauchte so viel Strom wie eine Kleinstadt.

SO RICHTIG TRAUTEN die Reporter des US-Senders CBS der großen Maschine nicht. Obwohl das Technikmonster präzise vorhersagte, dass Dwight D. Eisenhower die Präsidentschaftswahl im November 1952 klar gewinnen würde, warteten sie noch eine ganze Stunde, bis sie die Hochrechnung veröffentlichten. Doch der „Universal Automatic Computer“, kurz Univac genannt, behielt Recht: „Ike“ wurde US-Präsident – und der Computer berühmt. Noch lange Zeit danach sprachen viele Amerikaner immer dann, wenn sie einen Computer meinten, von einem Univac.

In diesem Jahr feiert er seinen fünfzigsten Geburtstag: 1951 wurde das erste Exemplar offiziell an das amerikanische Amt für Volkszählung ausgeliefert. Eine echte Herkules-Arbeit für die Spediteure, denn der Rechner wog rund 13 Tonnen. Allein der Kern des Computers mit der „Mercury“-Speichereinheit und dem Hauptprozessor war so groß wie eine Garage und verbrauchte so viel Strom wie eine Kleinstadt. Dafür konnten die Techniker durch zwei große, graue Stahltüren direkt ins Rechnerinnere gehen, um den Giganten zu warten. Dort war es durch die Wasserkühlung des Kerns auch bei Hitze gut auszuhalten – weshalb sich angeblich oft mal jemand mit Schreibtisch und Stuhl in den Computer zurückzog.

Insgesamt 46-mal verkauft

So viel Hightech hatte natürlich seinen Preis. Rund eine Million Dollar kostete ein Univac 1. Kein Wunder also, dass die ersten Kunden hauptsächlich von der finanzkräftigen staatlichen Seite kamen: Luftwaffe, Armee und Atomenergiekommission. Als erstes privates Unternehmen bestellte General Electric 1953 eine Maschine; insgesamt wurden 46 Stück verkauft.

Bis zur Serienreife war es allerdings ein weiter Weg gewesen. Die Univac-Väter John Presper Eckert und John William Mauchly hatten bereits während des Zweiten Weltkriegs den ersten digitalen Computer, den „Electronic Numerical Integrator And Computer“, Eniac, mitentwickelt. Im März 1946 gründeten sie die Electronic Control Company, die sie später in Eckert-Mauchly Computer Corporation umbenannten. Doch wie so oft fehlte es den Erfindern an unternehmerischem Geschick. „Eckert wie Mauchly waren Visionäre und brillante Techniker, aber mehr nicht“, erzählt der ehemalige Mitarbeiter Isaac Auerbach. So kam es, wie es kommen musste: Am 1. Februar 1950 kaufte die Remington Rand Corporation die finanziell angeschlagene Firma, ließ ihr aber innerhalb des Konzerns weitgehende Freiheiten. So konnten Eckert und Mauchly ihr Projekt verwirklichen, die Technik zur Serienreife bringen und so Wahl- und Technikgeschichte schreiben. Die New York Times berichtete damals übrigens nur von einem „acht Fuß hohen mathematischen Genie“.