Die wöchentliche CIO-Kolumne

Thierse contra Lufthansa - und ein technischer Treppenwitz

05. August 2002
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat sich in privatdetektivischem Eifer blamiert, als er von der Lufthansa die Herausgabe der Abgeordnetennamen verlangte, die am Vielfliegerprogramm der Airline teilnehmen. Das wäre nicht nur ein Rechtsbruch gewesen; die Lufthansa hätte dabei außerdem das Vertrauen ihrer einträglichsten Kunden riskiert.
Heinrich Seeger
Heinrich Seeger

Die Bonusmeilen-Affäre taugt höchstens noch ein paar Tage als Stoff für das Polit-Sommertheater. Vielleicht werden noch ein paar Miles-Unmoralisten von „Bild“ präsentiert, aber nach der Weigerung des grünen Fraktionsvorsitzenden Schlauch, wie vor ihm Özdemir und Gysi den Hut zu nehmen, dürfte die Rücktrittswelle abebben und das ganze Thema zügig wieder von der Tagesordnung der Berliner Republik verschwinden.

Etwas wird aber dennoch hängen bleiben, auch wenn es zu Beginn dieser Woche in der öffentlichen Behandlung der Affäre etwas verblasst ist: das Ultimatum von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse an die Lufthansa, die Namen derjenigen Volksvertreter preiszugeben, die Bonusmeilen aus dem Vielfliegerprogramm des Konzerns genutzt haben. Das sei eine Aufforderung zum Rechtsbruch und komme überhaupt nicht in Frage, beschied ihm Lufthansa-Sprecher Klaus Walther. Worauf Thierse nur noch seinem Erstaunen über die Bockigkeit des Konzerns Ausdruck verleihen konnte, in der Sache jedoch bislang nicht weiter insistierte.

Mittlerweile dürfte dem Parlamentspräsidenten - auch nach Aufklärung durch den Bundesdatenschutzbeauftragten, Joachim Jacob - aufgegangen sein, was er da eigentlich verlangt hat: zunächst mal natürlich exakt jenen Rechtsbruch, gegen den Walther sich verwahrt hatte. Der Lufthansa-Kommunikationschef hätte aber leicht noch ganz anders gegen den Parlamentspräsidenten vom Leder ziehen können. Jedem, der mit Kundendaten umgeht, ist klar: Hätte die Airline auch nur das kleinste Signal für ihre Bereitschaft gegeben, Einblick in die Kundendatenbank zur Stützung der parlamentarischen Verhaltenshygiene zu gewähren, wäre das Schlimmste zu befürchten gewesen: Die einträglichsten Lufthansa-Kunden, die Vielflieger, hätten ihre Rabattmeilenkarten haufenweise dem Carrier zurückgeschickt und wären auf andere Linien umgestiegen.

Der Hinweis, dass ja offenbar ohnehin ein Leck in der Lufthansa-Datenbank existiere, durch das die vertraulichen Informationen an „Bild“ oder den Steuerzahlerbund oder an beide durchgesickert sein müssten, legitimiert Thierses Vorstoß keineswegs. Ebensogut könnte man einen Bankdirektor, in dessen Filiale geklaut wurde, auffordern, deshalb doch bitte auch noch den Geldschrank für die Allgemeinheit zu öffnen.

Wir gehen davon aus, dass die Lufthansa das nicht vorhat, selbst wenn sich herausstellt, dass die undichte Stelle im eigenen Haus sitzt. So ist es wohl nur eine Art Treppenwitz der tückischen Technik, dass ausgerechnet jetzt (Montag, 5. August 2002, 17 Uhr) der Datenschutzhinweis im Lufthansa-Buchungsportal „ Infoflyway “ verschwunden ist.

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