Hartmut Rosa

"Die eingesparte Zeit ist im Eimer"

11. März 2014
Von Christopher Schwarz und Dieter Schnaas
Der Soziologe Hartmut Rosa über das große Rätsel der Moderne: Warum haben wir keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen?

Herr Rosa, Sie haben vor sieben Jahren eine Theorie der Beschleunigung vorgelegt, die von Ihnen immer wieder aktualisiert worden ist. Spricht die Dauerhaftigkeit des Themas, die Wertbeständigkeit seines Erfolgs nun für oder gegen Ihre Beobachtung, dass alles immer schneller alt wird?

Hartmut Rosa: Ich glaube eher dafür. Zumal ich immer betont habe, dass aller Beschleunigung auch ihr Gegenteil innewohnt. Denn einerseits vollzieht sich in unserer Gesellschaft der technische, soziale und kulturelle Wandel immer schneller. Andererseits bleiben die Prozessstrukturen dahinter stabil, etwa das eherne Gesetz des Wachstums. Hier sehe ich sogar Anzeichen der Erstarrung, der Kristallisation. Mittlerweile können wir uns ja eher das Ende der Geschichte vorstellen als eine Alternative zur Steigerungslogik des Kapitalismus. Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass Beschleunigung vor sieben Jahren ein Thema war, widerlegt nicht meine These, sondern sie ist die These.

Sind Erstarrung und Beschleunigung zwei Seiten einer Krise moderner Gesellschaften?

Ich bin kein Entschleunigungs-Guru. Langsamere Internetverbindungen oder langsamere Züge sind keine Lösungen. Allerdings glaube ich, dass eine Gesellschaft, die für immer mehr Wachstum und Innovationen sorgen muss, um sich strukturell zu erhalten, geradezu logisch auf eine Krise zuläuft. Wann reicht’s? Wann sind wir schnell genug? Nie.

Dass das soziale und ökonomische System einer Logik der dynamischen Stabilisierung folgt - es muss wachsen, damit es bleiben kann, wie es ist -, kann man gegenwärtig gut in Griechenland beobachten: Wenn die Wirtschaft schrumpft, verlieren wir Arbeitsplätze, machen Firmen zu, sinken die Staatseinnahmen, steigen die Ausgaben, kommt es zu einer Staatsschuldenkrise, verliert das politische System an Legitimation, bricht das soziale System zusammen.

Müssen wir wirklich immer schneller werden? Oder sollten wir nicht umgekehrt fragen: Welches Tempo ist gut für uns?

Doch, unbedingt. Es gibt nämlich Umgebungssysteme, die nicht Schritt halten können mit unserem Lebenstempo. Das Ökosystem zum Beispiel. Nicht dass wir Bäume schlagen und Fische fangen, ist das Problem, das haben wir schon immer gemacht. Aber wenn wir das in immer schnellerem Maße tun, kann sich das Ökosystem nicht mehr regenerieren.

Das Gleiche gilt für unsere Psycho-Systeme, die dem Lebenstempo nicht gewachsen sind – die Folgen sind BurnoutBurnout und Depressionen. Oder denken Sie an das politische System: Je komplexer und pluralistischer die Gesellschaft, desto zeitaufwendiger sind die Verfahren der Entscheidungsfindung. Die Demokratie hinkt dann unvermeidlich hinter der Dynamik der ökonomisch-technischen Entwicklung her. Alle drei Phänomene können als krisenhafter Ausdruck einer sich verschärfenden Desynchronisation beschrieben werden. Alles zu Burnout auf CIO.de

Ihre Deutung der Moderne wäre demnach nicht nur eine Zeitdiagnose, sondern auch eine Zeit-Diagnose: Die Zeit selbst, sagen sie, sei aus den Fugen. Was meinen Sie damit?

Es gibt viele Beschreibungen der Moderne. Traditionell wird sie auf den Begriff von "Rationalisierung" und "Individualisierung" gebracht. In jüngerer Zeit wurde sie als Arbeits-, Freizeit-, Erlebnisgesellschaft, auch als Risiko-, Informations- oder Multioptionsgesellschaft gedeutet. Ich finde, dass diese Theorien in ihren Beschreibungen zu punktuell sind. Dass ihnen der Aspekt der Dynamik fehlt.

Darauf ist Joseph Schumpeter auch schon gekommen. Für ihn war der Kapitalismus eine gewaltige Maschine, die fortwährend Umwälzung, Fortschritt, Dynamik produziert.

Die soziologischen Klassiker hatten ein feines Gespür für die Wahnsinnsdynamisierung der Gesellschaft. Ich würde sogar sagen: Beschleunigung ist das verbindende Element ihrer Theorien. Nehmen Sie Karl Marx: Das Kommunistische Manifest ist nicht in erster Linie eine Klassenkampfschrift, sondern eine Beschleunigungsschrift: "Alles Ständische und Stehende verdampft", die Bourgeoisie jagt unwiderstehlich über den Globus… Oder Max Weber. Der zeigt mit seiner "Protestantischen Ethik", dass im Kapitalismus nicht Geldverlust, sondern Zeitverschwendung zur tödlichsten aller Sünden wird. Georg Simmel wiederum beschreibt die Großstadt als Tempophänomen, das uns kollektive Nervosität beschert. Und Émile Durkheim spricht von Anomie: Wenn die Normen der Lebensführung nicht Schritt halten mit dem sozialen Wandel, droht der Einzelne den Halt zu verlieren und es kommt zu Solidaritätsverlusten.

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