EU, Reformen, Exporte, Stimmung

Die Erfolgstory der deutschen Wirtschaft

13.09.2017
Die deutsche Wirtschaft läuft rund. Verbraucher sind in Konsumlaune, Unternehmen so zuversichtlich wie nie zuvor. Ganz ohne Kratzer ist das Bild allerdings nicht.
Am Hamburg Hafen sieht man die Erfolgsstory vom deutschen Export in Form von tausenden von Containern, die ihre Reise in die ganze Welt antreten.
Am Hamburg Hafen sieht man die Erfolgsstory vom deutschen Export in Form von tausenden von Containern, die ihre Reise in die ganze Welt antreten.
Foto: HHM / Michael Lindner

Vom "kranken Mann Europa" zum Langstreckenläufer: Auch im achten Jahr des Aufschwungs bleibt die deutsche Wirtschaft auf Kurs. Zahlreiche Ökonomen trauen Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr inzwischen ein Wachstum von zwei Prozent zu, obwohl Brexit und US-Politik weiterhin Unsicherheit stiften. "Die Erfolgsstory der deutschen Wirtschaft geht weiter und weiter und weiter", sagt ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski.

Im zweiten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um 0,6 Prozent, zum Jahresbeginn hatte es nach neuesten Berechnungen sogar ein Plus von 0,7 Prozent gegeben, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Reformen haben Deutschland nach vorne gebracht

1999 hatte das angesehene britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" Deutschland als "kranken Mann" der Währungsunion identifiziert. Davon kann inzwischen keine Rede mehr sein - im Gegenteil. Deutschland profitiert nicht nur von Reformen der Vergangenheit, sondern auch von der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). "Im Kern handelt es sich um einen konsumgetriebenen Aufschwung, der durch die für Deutschland viel zu niedrigen EZB-Zinsen angefacht wird", argumentiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe, spricht von "EZB-Zinsdoping". Verbraucher und Unternehmen kommen durch die insbesondere in Deutschland umstrittene Geldschwemme und die Nullzinspolitik der EZB billiger an Geld. Das kann den Privatkonsum und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ankurbeln.

Made in Germany zieht Käufer an

Aber auch die Konjunkturerholung im Euroraum gewinnt inzwischen an Kraft - um 0,6 Prozent wuchs das Bruttoinlandsprodukt in der Region nach ersten Schätzungen im zweiten Quartal. Das Wirtschaftswachstum in Europa - dem größten Absatzmarkt für Waren "Made in Germany" - treibt die Ausfuhren an. "Die deutschen Exporteure profitieren von der gestiegenen Drehzahl der europäischen Konjunktur", erläutert der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben.

Einstige Krisenländer wie Spanien oder Portugal sind auf Erholungskurs, die Arbeitslosigkeit in der EU und dem Euroraum geht zurück. Zugleich ist die Sorge vor einem Auseinanderbrechen des gemeinsamen Währungsraumes gesunken, seitdem sich bei Wahlen in den Niederlanden und Frankreich proeuropäische Kräfte durchgesetzt haben.

Unternehmer im Euroraum optimistisch

Ökonomen gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft auch in der nächsten Zeit kräftig wachsen wird, getrieben vor allem von der guten Binnenkonjunktur. Eine baldige Zinserhöhung im Euroraum ist nicht in Sicht. Das billige Geld treibt die Konsumlaune der Verbraucher an. Sparen wirft nichts mehr ab, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Verbrauchern sitzt das Geld locker.

Die Unternehmen investieren wieder mehr in Maschinen und Anlagen. Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft ist nach Angaben des Ifo-Instituts so gut wie nie zuvor. "Nicht nur in Deutschland, sondern in dem gesamten Euroraum herrscht inzwischen eine optimistische Stimmung vor, die nahezu mit den Boomjahren vor der Finanzkrise vergleichbar ist", beschreiben Ökonomen der DZ-Bank die aktuelle Lage.

Ganz ohne Kratzer ist das Bild allerdings nicht. So könnte der stärkere Euro Bremsspuren beim Export hinterlassen. Waren "Made in Germany" werden dadurch außerhalb des gemeinsamen Währungsraumes teurer, das kann die Nachfrage dämpfen. Hinzu kommt die Unklarheit über den Ausgang der Brexit-Verhandlungen. Großbritannien, das die EU verlassen will, ist ein wichtiger Markt für deutsche Waren. Auch die unberechenbare Politik der USA unter Präsident Donald Trump, der Freihandel generell skeptisch gegenübersteht, sorgt für Unsicherheit.

"Die wahrscheinlich nur vorübergehende Euroaufwertung bereitet mir weniger Sorge als die unklare Linie der US-Wirtschafts-und Außenpolitik", argumentiert Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der staatseigenen Förderbank KfW.

Trump hatte im Konflikt um Nordkoreas Raketen-Programm harsche Töne angeschlagen und damit zeitweise Sorgen vor einer Eskalation geschürt. Diese Woche kündigte er zudem an, Chinas Handelspraktiken genauer unter die Lupe zu nehmen. Die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft exportiert genauso wie Deutschland mehr in die USA als sie von dort einführt.

ING-Diba-Chefvolkswirt Brzeski ist dennoch zuversichtlich: "Alles in allem prosperiert die deutsche Wirtschaft, das größte Risiko ist aktuell wahrscheinlich politische Selbstzufriedenheit." (dpa/rs)

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