Deutschland 2024

Fachkräftemangel: Ohne Asiaten geht es nicht

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.

Demographischer Wandel bis 2015

Derzeit sei die Wirtschaft in einer relativ komfortablen Situation bei der Versorgung mit Fachkräften, doch beschleichen Braun manchmal Zweifel, ob die drohenden Konsequenzen in den kommenden Jahren richtig abgeschätzt werden. "Der demografische Wandel kommt, und er kommt schnell." Bis 2025 kann die Zahl der Erwerbspersonen im ungünstigsten Fall um über zehn Prozent sinken. Unklar ist jedoch, inwieweit sich die Nachfrage der Entwicklung anpassen wird, etwa aufgrund steigender Löhne, geringerer Investitionen und zurückgehender Gründungen. Und was ist mit den Neuanfängern in den naturwissenschaftlichen Studiengängen, deren Zahl zuletzt deutlich gewachsen ist? IfW-Experte Braun will sich angesichts der Gemengelage mit einer Prognose lieber zurückhalten. "Ich glaube aber, dass die in der Wette heruntergespielten Lösungsansätze bei der Bewältigung des Problems im Mittelpunkt stehen sollten - auf die müssen wir uns konzentrieren."

Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren auch gezeigt, dass Asien keine Antworten auf alle Fragen geben kann. Anfang 2013 schrieb der "Economist" vom "Coming home" amerikanischer Unternehmen, die Teile ihrer Produktion in die Heimat zurückholten. "Zum einen sind die Lohnunterschiede nicht mehr so groß wie früher, und die Schere wird sich weiter schließen", erläutert der IfW-Arbeitsmarktexperte. Zum anderen würden Unternehmen feststellen, dass ein lokaler Hightech-Cluster wie das Silicon Valley viele Vorteile mit sich bringt. Aber auch die Probleme des Outsourcings – Koordination und Kommunikation verschiedener Einheiten – treten immer deutlicher zutage. "Der Trend Richtung Asien schwächt sich ab", prognostiziert Braun.

"Es kann nicht alles nach Asien"

Auch DIW-Forscher Brenke kann derzeit keine eindeutige Tendenz erkennen, dass Vorleistungen etwa durch Entwicklungsingenieure zunehmend in Asien erbracht werden. "Der Wille ist zwar vorhanden, aber Sie können nicht jede Tätigkeit entkoppeln und nach außen geben." Schließlich seien die Nähe zur Zentrale sowie das persönliche Gespräch und die Gruppenarbeit entscheidende Kriterien für den Erfolg. Folglich hält der Arbeitsmarktexperte aus Berlin die Quote von 15 Prozent der Wertschöpfung durch asiatische Dienstleister für zu hoch gegriffen. Beziehe man hingegen die asiatische Leistung wie beim OutsourcingOutsourcing auf den Produktionswert, könne die Wette vielleicht aufgehen. Alles zu Outsourcing auf CIO.de

Statt nach Asien zu schauen, sollten Unternehmen also erst einmal die Hausaufgaben erledigen. "Personalpolitik wird immer mehr zum Kerngeschäft", argumentiert IAB-Forscherin Kettner. Das sei weitaus mehr als die Verwaltung von Personalakten, Einstellungen und Kündigungen mit standardisierten Antworten auf alle Fragen. Heutige Belegschaften haben vielfältige Interessen, die sich nicht mit einem Einheitsvertrag, einheitlicher Arbeitszeit und gleichen Arbeitsbedingungen befriedigen lassen. Junge Mitarbeiter, die sich voll in das Unternehmen einbringen wollen, Ältere mit dem Wunsch nach geregelten Arbeitszeiten, Familien auf der Suche nach Vereinbarkeit mit dem Beruf. Kettner: "Hoch qualifizierte Ingenieurinnen, die das Unternehmen wegen eines Kindes verlassen, tauchen nachher häufig in ganz anderen Berufsbereichen wieder auf." Dadurch verliert sich ein Großteil ihres Potenzials, in das bei der Ausbildung investiert wurde. "Es gibt nicht mehr die eine Personalpolitik für alle, sondern es muss gezielte Angebote für verschiedene Gruppen von Beschäftigten geben."

Hilfe bei Integration wichtig

Mit Praktikumsplätzen für Absolventen und dem Ruf nach Zuwanderung allein ist es nicht getan. Ausländische Fachkräfte und ihre Familien brauchen Unterstützung bei der Integration auch nach der regulären Arbeitszeit, eigene Mitarbeiter brauchen Flexibilität, Studierende brauchen eine engere Praxisbetreuung, um ihnen frühzeitig Erfahrungen mitzugeben. "Unternehmen können diese Aufgaben nicht auslagern und hoffen, das sich andere Institutionen darum kümmern", sagt Kettner. Im deutschen Arbeitsmarkt steckt ein großes Potenzial, das nicht umsonst zu haben ist. Allerdings gilt das auch für das Ticket nach Asien.

Die Wette - Bäumer sieht 15 Prozent der Leistung in Asien

Ulrich Bäumer, Kanzlei Osborne Clarke.
Ulrich Bäumer, Kanzlei Osborne Clarke.
Foto: Osborne Clarke

"Ich wette, dass die Einbindung asiatischer Dienstleister bis 2024 auf einen Anteil wächst, der 15 Prozent des (deutschen) Bruttoinlandsprodukts entspricht.", schrieb Ulrich Bäumer von der Kanzlei Osborne Clarke ins CIO-Jahrbuch 2014.

In der Wette geht es um hoch qualifizierte Fachkräfte, die der deutschen Wirtschaft heute schon fehlen würden, wobei sich das Problem in den kommenden Jahren durch den demografischen Wandel ausweitet. Dies betreffe sowohl IT-Fachkräfte als auch Ingenieure, schreibt Bäumer.

Er kommt zu einem treffenden Schluss: "Es ist erstaunlich, dass die möglichen Lösungsansätze allesamt bekannt und diskutiert sind, jedoch in der Praxis wenig politischer oder unternehmerischer Wille zu erkennen ist, diese Lösungen umzusetzen. Trotz der offensichtlichen Dringlichkeit der Situation mahlen die Mühlen hier sehr langsam."

Bäumer führt als mögliche Lösungen die verstärkte Ausbildung in Deutschland sowie den "Import" von Fachkräften aus dem europäischen Ausland oder aus Asien an. Allerdings sei keine der Varianten seiner Meinung nach geeignet, die Lücke zu schließen: Die deutsche Gesellschaft schrumpft, Europa hat ebenfalls nicht genügend Fachkräfte, und die Asiaten fühlen sich hier nicht wohl. Sein Fazit fällt somit eindeutig aus: Es geht nur mit Asien, und zwar vor Ort und gegebenenfalls über Partnerschaften.

Doch auch im Fernen Osten gilt: "Partnerschaften bedürfen einer langfristigen Planung, des Abarbeitens verschiedener ‚Hausaufgaben‘‚ sowie eines Umdenkens im eigenen Unternehmen", schreibt der Wettpate, und er schließt mit der Aufforderung: "Dieser Veränderungsprozess sollte heute beginnen und alle Unternehmensbereiche umfassen."

Das CIO-Jahrbuch 2014.
Das CIO-Jahrbuch 2014.
Foto: cio.de

Weitere Wetten finden Sie im CIO-Jahrbuch 2014

Jahrbuch 2014 - Neue Prognosen zur Zukunft der IT
IDG Business Media GmbH 2013,
301 Seiten, 39,90 Euro
PDF-Download 34,99 Euro
zum CIO-Shop

Zur Startseite