CIO Talk

Was Allianz, Baywa und TUI für Nachhaltigkeit tun

13.03.2023
Karen Funk ist freie IT-Fachjournalistin und Autorin. Bis Mai 2024 war sie Redakteurin beim CIO-Magazin und der COMPUTERWOCHE (von Foundry/IDG). Zudem leitete sie 17 Jahre lang den renommierten IT-Wettbewerb CIO des Jahres. Funk setzt sich seit vielen Jahren für mehr Frauen in der IT und für digitale Bildung ein. 2024 erschien ihr Buch "Hack the world a better place: So gestalten Unternehmen die Zukunft", das sie mit Julia Freudenberg, Geschäftsführerin der Hacker School, zum Thema Corporate Volunteering geschrieben hat.
Welche Rolle spielen Transparenz, Awareness, Daten- und Kosteneffizienz beim Thema Sustainability? Drei CIOs und Experten aus ihren Teams diskutieren.
CIO-Spitzengespräch zum Thema Sustainability Anfang 2023: Gülay Stelzmüllner, CIO der Allianz Technology (unten rechts), Isabelle Droll, CIO TUI Airline (Mitte), Tobias Fausch, CIO der BayWa (oben rechts) sowie die IT-Sustainability-Experten Rainer Karcher von Allianz Technology (unten links) und Frieder Olfe von TUI (oben links).
CIO-Spitzengespräch zum Thema Sustainability Anfang 2023: Gülay Stelzmüllner, CIO der Allianz Technology (unten rechts), Isabelle Droll, CIO TUI Airline (Mitte), Tobias Fausch, CIO der BayWa (oben rechts) sowie die IT-Sustainability-Experten Rainer Karcher von Allianz Technology (unten links) und Frieder Olfe von TUI (oben links).
Foto: Karen Funk

"Wie geht ihr mit dem Thema Nachhaltigkeit in eurem Unternehmen um?" lautete das Motto des redaktionellen Roundtables, zu dem das CIO-Magazin Ende Januar drei CIOs geladen hatte: Isabelle Droll (TUITUI Airline, Hotels and Corporate), Tobias FauschTobias Fausch (BaywaBaywa) und Gülay Stelzmüllner (Allianz Technology). Alle drei verantworten in ihrer IT-Führungsfunktion auch das Thema Sustainability. Ein Bereich, der nicht mehr nur Nice-to-have, sondern fest in ihren Unternehmen mit eigenen Verantwortungsbereichen verankert sei, wie die CIOs gleich zu Beginn klarstellen. "Wir sprechen inzwischen davon, dass Nachhaltigkeit eine Chance ist, kein Muss", so Droll. Die IT spiele dabei eine zentrale Rolle. Top-500-Firmenprofil für Baywa Top-500-Firmenprofil für TUI Profil von Tobias Fausch im CIO-Netzwerk

Das zeige sich nicht nur in den Unternehmensstrategien, KPIs oder Bonus-abhängigen Führungszielen, so die Diskutanten, sondern auch darin, dass sowohl im Business als auch in der IT besondere Zuständigkeiten und entsprechende neue Rollen entstanden seien. Droll etwa hat Frieder Olfe, Head of IT Sustainability aus ihrem Team, zum Gespräch mitgebracht, und Stelzmüllner ihren Kollegen Rainer Karcher, Global Head of IT Sustainability.

"Wir verschwenden Rechenleistung für banale Sachen"

Isabelle Droll, CIO von TUI Airline, treibt besonders um, wo die IT selbst in puncto Nachhaltigkeit ansetzen kann.
Isabelle Droll, CIO von TUI Airline, treibt besonders um, wo die IT selbst in puncto Nachhaltigkeit ansetzen kann.
Foto: TUI InfoTec

"Wir sind als Airline natürlich immer sehr im Fokus", beginnt Droll die Diskussion, dabei produziere die Tech-Industrie mehr CO2 als die Fluggesellschaften und sie wachse auch stärker. Die Managerin der IT-Services-Organisation von TUI Airline will gar nicht von der Dekarbonisierungsverantwortung der Reiseindustrie ablenken und begrüßt ausdrücklich die Entwicklung rund um Sustainable Aviation Fuels. TUI selbst wolle im eigenen Airline-Geschäft die Emissionen allein bis 2030 um 24 Prozent senken. Dennoch, so Droll, müsse sich auch die IT viel mehr Gedanken machen um ihren ökologischen Fußabdruck.

Ein paar Zahlen zur Einordnung: Auf den Betrieb der Unternehmens-IT entfallen rund zehn Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, davon wiederum 40 Prozent auf die NetzwerkeNetzwerke, 30 Prozent auf die Rechenzentren und 30 Prozent auf die Endgeräte. Alles zu Netzwerke auf CIO.de

Droll treibt besonders um, wo man direkt im Unternehmen, in der IT, bei den einzelnen Mitarbeitenden und beim eigenen Verhalten ansetzen könne. "Die großen Treiber im Allgemeinen sind, neben den regulatorischen Anforderungen, die Erwartungshaltungen der Kunden und Mitarbeiter. In der IT sind es vor allem die Daten, die wir verarbeiten", stimmt Baywa-CIO Fausch zu.

So sei es etwa gängige Praxis, zu Daten-mächtige Powerpoint-Präsentationen zu erstellen und diese dann in 20 fast ähnlichen Versionen auf dem ServerServer zu lagern, die noch dazu nie gelöscht würden. "Wir verschwenden Rechenleistung, und damit Energie, die insbesondere in Cloud-Systemen zur Verfügung gestellt wird, für banale Sachen," kritisiert er. "Das sollten wir auch einmal hinterfragen." Alles zu Server auf CIO.de

"Klima hat einen Wert, aber keinen Preis"

Tobias Fausch, CIO der Baywa: "Vermeiden geht vor Reduzieren und Kompensieren."
Tobias Fausch, CIO der Baywa: "Vermeiden geht vor Reduzieren und Kompensieren."
Foto: BayWa AG

Vielen Anwendern sei gar nicht bewusst, so die Diskutanten, wie stromfressend und umweltschädlich diese Aktionen seien. "Das Problem ist", so Fausch, "dass Klima einen Wert hat, aber keinen Preis." Denn die Wirkung von klimaschädlichem und ebenso von klimafreundlichem Handeln werde erst in der Zukunft deutlich, ohne direkte Wirkung in der Gegenwart. Man könne Menschen heute also nur schwer vermitteln, wie viel es beispielsweise bringt, wenn man den Monitor eine Stunde lang ausschaltet.

Stelzmüllner von Allianz Technology schlägt in dieselbe Kerbe: "Die vielen kleinen Dinge in der Summe machen am Ende Großes aus. Wir merken ja gar nicht, wie viel verbraucht wird." Diese großen Volumina seien zudem ein Kostentreiber. Die Informatikerin kann sich vorstellen, bestimmte Aktionen mit einem Euro-Preisschild zu versehen, um die wahren Kosten transparenter zu machen.

"Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz gehen in dieselbe Richtung"

Zum Thema Kompensation von CO2-Emissionen meldet sich Fausch mit einer klaren Empfehlung zu Wort. Der BayWa Ansatz hier sei generell, und dazu rät auch der-CIO: "Vermeiden geht vor Reduzieren und Kompensieren". Das liege in der DNA des auf Agrar-, Energie- und Baustoffe spezialisierten Handelsunternehmens Baywa. Wenn man etwa Prozesse oder Wege in der Logistik einspare, werde man effizienter: "Und Effizienz ist etwas, das sich in reduzierten CO2-Emissionen und Kosten ausdrücken lässt." Ein schlagendes Argument, auch für das Business. Fausch ist überzeugt: "Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehen in dieselbe Richtung."

Transparenz, Awareness und Datenethik

Gülay Stelzmüllner, CIO Allianz Technology: "Das Thema IT-Sustainability steht und fällt mit korrekten Daten und Datenquellen."
Gülay Stelzmüllner, CIO Allianz Technology: "Das Thema IT-Sustainability steht und fällt mit korrekten Daten und Datenquellen."
Foto: Gülay Stelzmüllner

Wie also schafft man Awareness und nimmt die Belegschaft mit? Es brauche vor allem Transparenz, da sind sich die drei CIOs einig. Stelzmüllner bringt es auf den Punkt: "Das Thema steht und fällt mit korrekten Daten und Datenquellen." Nur so ließen sich Energiefresser ermitteln.

Die Allianz Technology, IT-Dienstleister der Allianz, hat beispielsweise bei der Bereitstellung von Hardware einen Hebel gefunden, um bei den Mitarbeitenden Awareness zu schaffen. Wenn diese künftig zwischen verschiedener Hardware wie etwa Laptops wwählen können, werden auch die jeweiligen Umweltdaten mitgeliefert. So kann jeder und jede Einzelne direkt sehen, welchen ökologischen Fußabdruck das Gerät hinterlässt, das man wählt. Davon erhofft sich die Allianz zudem einen verlängerten Hebel auf die Hersteller. Denn wenn Mitarbeitende zunehmend ökologischere Geräte wählten, habe das eine Auswirkung auf die Produzenten, so Stelzmüllner. Profil von T W im CIO-Netzwerk

In Sachen Energiefresser und -transparenz ergänzt ihr Kollege Karcher: Der Hype um ChatGPT sei derzeit groß, aber die wenigsten wüssten, dass für die Entwicklung des Chatbots bis heute etwa 550 Tonnen CO2 freigesetzt wurden. "Zudem wurde die Inhaltsbefüllung der KI in Kenia durchgeführt, wo die Menschen sehr schlecht bezahlt wurden", bemängelt er. Es sei immens wichtig, dies transparent zu machen, denn nicht nur der ökologische Aspekt spiele eine Rolle, sondern auch das Thema Datenethik.

Insgesamt sei Awareness ein guter Startpunkt, sagt Stelzmüllner. Es helfe, wenn Kolleginnen und Kollegen mitdenken, aber dann müsse Technologie unterstützen. So könnten etwa zeitnah überflüssige Daten wie Mehrfachversionen eines Dokuments gelöscht werden. Hier sieht sie auch die Hersteller in der Verantwortung. Gerade die Programmierer von Compilern sollten weniger datenlastig agieren.

Hersteller und Zulieferer in die Verantwortung nehmen

TUI setzt unter anderem darauf, IT-Mitarbeitende zu Botschaftern für das Thema Nachhaltigkeit auszubilden, so Frieder Olfe, Head of IT Sustainability.
TUI setzt unter anderem darauf, IT-Mitarbeitende zu Botschaftern für das Thema Nachhaltigkeit auszubilden, so Frieder Olfe, Head of IT Sustainability.
Foto: Karen Funk

Die TUI wiederum verfolgt bei der IT-Ausstattung ihrer Mitarbeitenden künftig das Konzept "Sustainability by Design". Das Ziel ist, nur nach vorher festgelegten Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ausgewählte Hardware bereitzustellen. In punkto Awareness sei man gerade dabei, ein Training für die Mitarbeitenden aufzusetzen. "Erst einmal zu den Themen Cloud und Hardware, vielleicht auch Coding", sagt Drolls Kollege Olfe. Der nächste Schritt sei dann, unter den IT-Kollegen Botschafter für das Thema Nachhaltigkeit auszubilden. Diese sollen in den Teams Ansprechpartner sein und Initiativen anstoßen und unterstützen.

Auch fährt das Reiseunternehmen bezüglich seiner über 2000 IT-Zulieferer einen dedizierten ESG-Ansatz (Environmental, Social, Governance) und hat erstmals den "TUI Green IT Award" ausgelobt. Die Supplier können in drei Kategorien (People, Planet, Progress - so auch das Motto der kürzlich vorgestellten Nachhaltigkeitsagenda des Konzerns) beweisen, welche digitalen Lösungen sie erarbeitet haben, die auch bei TUI einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten können. Droll ist eine der Initiatorinnen, in der Jury sitzt unter anderem der CEO der TUI.

Innovationen für Nachhaltigkeit nutzen

Die BayWa, die neben Agrar-, Bau- und Energiewirtschaft auch im Bereich Digital Farming aktiv ist, hat 2018 eine konzernweite Klimastrategie aufgesetzt, um Innovationen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu nutzen. Als Teil dieser Strategie wurde Anfang 2023 ein interner CO-2-Preis ausgerufen. Die Initiative honoriere Umwelt- und Klimamaßnahmen, die über das Normale hinausgehen, also Dinge, die man im Tagesgeschäft nicht machen könnte oder würde, so Fausch.

"Wir sprechen hier von 50 Euro pro emittierter Tonne Kohlendioxid, die in den jeweiligen Segmenten dann als zweckgebundenes Budget zur Verfügung stehen, um in Klima- und Umweltschutzmaßnahmen zu investieren", erläutert der CIO. Eingesetzt werden könne dieses Budget dann beispielsweise im Bereich Fuhrparkelektrifizierung oder auch zur Steigerung der Energieeffizienz durch Prozessoptimierung.

Vernetzung ist das A und O

Rainer Karcher, Global Head IT Sustainability bei Allianz Technology, ist überzeugter Klimaaktivist und engagiert sich auch bei SustainableIT.Org.
Rainer Karcher, Global Head IT Sustainability bei Allianz Technology, ist überzeugter Klimaaktivist und engagiert sich auch bei SustainableIT.Org.
Foto: Leopold Fiala Photography

Wolle man Einstellungen verändern und mehr Bewusstsein schaffen, sei es jedoch wichtig, alle Mitarbeitenden aus den Fachbereichen und der IT einzubeziehen, ergänzt Karcher. "Es reicht nicht, wenn man nur zwei oder drei Leute mit dem Thema betraut." Zu diesem Zweck hat die Allianz unter anderem eine Digital Sustainability Community in 32 Ländern - in der nicht nur ITler sind. Hier treffen sich die "Local Environmental Officers" (LEOs), tauschen sich aus zu Best Practices und geben einander Feedback.

Aber auch das Engagement in externen Netzwerken sei wichtig, betont Karcher, denn das Thema Nachhaltigkeit gehe über Unternehmensgrenzen hinaus. Er empfiehlt drei unabhängige Organisationen:

Unterm Strich freuen sich die drei CIOs, dass das Thema Sustainability, anders als etwa IT-Security, meist auf begeisterte Resonanz in der Belegschaft stoße. "Das Schöne am Thema Nachhaltigkeit ist ja," so Stelzmüllner, "dass viele freiwillig die Hand heben!" Die Mitarbeiter seien an dem Thema interessiert und bereit, sich zu engagieren.

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