Chance vertan?

Was Großkonzerne für Flüchtlinge tun

26.12.2016
Mitte des Jahres wurde Kritik laut: Nur eine Handvoll Flüchtlinge werde in Dax-Konzernen beschäftigt. Dabei können fast alle Großunternehmen in Deutschland Engagement für Flüchtlinge vorweisen. Sind die Vorwürfe unberechtigt?
Tun die Großkonzerne in Deutschland genug für die Flüchtlinge in Deutschland?
Tun die Großkonzerne in Deutschland genug für die Flüchtlinge in Deutschland?
Foto: Janossy Gergely / Shutterstock.com

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte in diesem Jahr mehrfach von großen Unternehmen mehr Engagement bei der Integration von Flüchtlingen gefordert - und im Umkehrschluss den Einsatz kleiner und mittelständischer Betriebe gelobt. Doch was ist dran an der Kritik?

Nach den neuesten Daten der Bundesagentur für Arbeit hatten bis November 2016 knapp 36 000 Menschen, die aus den acht stärksten Asylländern stammen, den Weg aus der Arbeitslosigkeit gefunden. Knapp 30 000 wurden sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dabei war gut jeder fünfte bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Auch im Gastgewerbe, Handel und in KfZ-Werkstätten sowie im Gesundheitswesen fanden viele Flüchtlinge Arbeit - keine Jobs die typischerweise bei Großkonzernen zu finden sind.

Fragt man nach den tatsächlichen Beschäftigungszahlen Geflüchteter bei großen Konzernen, ist die Antwort meist unbefriedigend. Die Fluchthistorie werde bei der Einstellung nicht in der Personalakte vermerkt, heißt es unisono. "Flüchtling" sei kein Kriterium im Einstellungssystem, sagt ein Siemens-Sprecher. Aussagen über die gesamte Zahl der beschäftigten Flüchtlinge gibt es daher kaum.

"Im Handwerksbereich ist der Bedarf höher", erklärt sich ProAsyl-Mitgründer und Geschäftsführer Günter Burkhardt die Zahlen. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, sagte der Deutschen Presse-Agentur, Großunternehmen engagierten sich nach seiner Kenntnis sehr stark, indem sie Tausende von Praktikumstellen und sehr viele Einstellungsqualifizierungen für Flüchtlinge anbieten.

"Was sie gering machen, ist tatsächlich (Flüchtlinge) einzustellen", stellt Weise fest. Siegfried Czock, der beim Zulieferer BoschBosch für die Weiterbildung zuständig ist, bestätigt: "Es ist unser Ziel, auf einen Job oder eine Lehrstelle vorzubereiten, und so zum nächsten Schritt zu helfen." Top-500-Firmenprofil für Bosch

Daimlers Personalchef Wilfried Porth hatte in diesem Herbst sehr deutlich gemacht: "Wir können nicht an den Zeitarbeitern, die zum Teil schon länger für uns arbeiten, vorbei Flüchtlinge auf breiter Basis einstellen." Bundesagentur-Chef Weise bestätigt: Eingestellt werde meist aus diesen Kreisen. "Und da kann nicht ein geflüchteter Mensch an der Warteschlange vorbei nach vorne kommen."

Es gebe noch einen zweiten Grund für die niedrigen Einstellungszahlen, sagt Weise: "Die Arbeit bei großen Unternehmen ist oft qualitativ so hoch, so anfordernd, dass geflüchtete Menschen dort im ersten Zugang keine große Chance haben", sagte der Bundesagentur-Chef. "Ich sehe darin aber keinen Nachteil." Denn das Handwerk suche dringend Arbeitskräfte.

Das bestätigt man beim Chemiekonzern BASFBASF. "Im Bereich von Tätigkeiten, die ein niedrigeres Qualifikationsniveau erfordern, ist eine Integration von Flüchtlingen deutlich schneller möglich", sagt eine Sprecherin. Wie andere Konzerne setzt BASF deshalb auf Qualifizierungsprogramme, die aufs Berufsleben vorbereiten sollen. Der Chemiekonzern hat ein solches Programm für Flüchtlinge entworfen. Top-500-Firmenprofil für BASF

Der Autobauer DaimlerDaimler bietet seit einem Jahr so genannte Brückenpraktika an, die neben Deutschkursen auch die Arbeit am Band beinhaltet. Viele Brückenpraktikanten seien in Festanstellungen, in Ausbildung oder Arbeit vermittelt worden, der Großteil davon an Zeitarbeitsfirmen oder in den Mittelstand, sagt ein Sprecher. Die ersten Erfahrungen bei der Vermittlung zeigten aber, dass fast ein Drittel der Brückenpraktikanten weitere Sprachkurse benötige, um eine Ausbildung oder einen Job zu starten. Top-500-Firmenprofil für Daimler

Auch bei der Deutschen BahnDeutschen Bahn setzt man auf Weiterbildung. "Wir haben uns anfangs gefragt, welchen Beitrag können wir leisten - und sind zu dem Schluss gekommen, dass es die Ausbildung ist", sagt Ulrike Stodt, die bei dem Konzern für Weiterbildung zuständig ist. Außerdem hilft die Bahn Flüchtlingen seit August mit einer Berufsorientierung. "Ein Teilnehmer wollte erst in Richtung Mechatroniker gehen, hat sich dann aber für die Service-Klasse entschieden, weil er sehr gut mit Menschen umgehen kann", sagt Stodt. Ihrer Erfahrung nach braucht es in Konzernen lange Prozesse für die Einstellung von Flüchtlingen: "Kleine Firmen können da hemdsärmeliger rangehen." Top-500-Firmenprofil für Deutsche Bahn AG

Bei der Deutschen TelekomTelekom will man die bisherige Praxis nun offenbar ändern. "Wir werden auch in 2017 und 2018 jeweils bis zu 100 Praktikantenstellen und bis zu 100 Ausbildungsplätze für Bewerber mit Fluchthintergrund zur Verfügung stellen", sagte eine Sprecherin. Bisher hätten die Praktika nicht das Ziel der Übernahme auf einen festen Job, sondern der Vorbereitung und Orientierung für weitere Ausbildung. "Das wird sich ab 2017 ändern." Der Konzern will sich dazu allerdings erst im Januar äußern. (dpa/rs) Top-500-Firmenprofil für Telekom