Strategien


Erster hybrider Hackathon

Siemens testet angewandtes Brainstorming

Beim ersten hybriden Hackathon nahmen weltweit 1700 Mitarbeiter aus 61 Ländern virtuell und vor Ort teil. Nur zehn Prozent von ihnen kamen aus der IT, die übrigen aus dem Business.
  • Beim hybriden Hackathon von Siemens arbeiteten Kollegen real an fünf Standorten und virtuell zusammen
  • Zum einen sollten neue Ideen für das Business entwickelt werden, zum anderen die Mitarbeiter aus aller Welt näher zusammengebracht werden
  • Von den mehr als 800 eingereichten Vorschlägen bearbeiteten die Teilnehmer 300
  • Verlierer gibt es nicht, weil alle Ideen auf einer Plattform stehen bleiben und dort weiter entwickelt werden können
Organisiert wurden die Siemens Hackathon Days vom hauseigenen virtuellen Startup #Idea. #Idea-Gründer und CEO Patrick Pernegger (li.) und Siemens-CIO Helmuth Ludwig begleiteten die zwei Tage in München.
Organisiert wurden die Siemens Hackathon Days vom hauseigenen virtuellen Startup #Idea. #Idea-Gründer und CEO Patrick Pernegger (li.) und Siemens-CIO Helmuth Ludwig begleiteten die zwei Tage in München.
Foto: Siemens AG

Eine innovative Idee mit Powerpoint-Folien zu präsentieren, reicht heute nicht mehr. Manager möchten etwas sehen und anfassen können, bevor sie sich entscheiden. "Das Schöne beim Hackathon ist, dass der Zwang besteht, in sehr kurzer Zeit ein komplettes Konzept für ein Produkt fertigzustellen", sagt Siemens-CIO Helmuth Ludwig. "Das gibt einem ein gutes Gefühl dafür, wie das Endprodukt aussieht. Damit hat man schon die erste große Hürde übersprungen."

Selbst der Chef soll es verstehen

Über den Erfolg oder Misserfolg einer Idee entscheidet, ob es gelingt, das Management zu überzeugen. So überrascht es nicht, wenn George Kähler aus der Mobility Division von SiemensSiemens sagt: "Wir haben für unseren Hackathon extra nach einem Thema gesucht, dass wir auch unseren Chefs erklären können." Top-500-Firmenprofil für Siemens

Zusammen mit weiteren Siemens-Kollegen entwickelte sein Team einen aus Holz gefertigten und mit einem Display versehenen rund 40 Zentimeter hohen Sitzplatz für einen Bahnwaggon. Nachdem sich der Fahrgast mit einem Stick, Personalausweis oder einer Bahncard am Platz identifiziert hat, legt das System los und sammelt Kundendaten etwa zur Sitzeinstellung, der Filmauswahl oder den Getränkebestellungen. Die Informationen fließen automatisch in die Cloud. Das Marketing des Bahnbetreibers kann sie nutzen, um die Customer Journey zu begleiten und die Customer Experience zu verbessern.

"Wir haben für unseren Hackathon extra nach einem Thema gesucht, dass wir auch unseren Chefs erklären können", sagte George Kähler (re.) aus der Mobility Division von Siemens. Sein Team baute den Prototypen für einen digitalen Zugsitz.
"Wir haben für unseren Hackathon extra nach einem Thema gesucht, dass wir auch unseren Chefs erklären können", sagte George Kähler (re.) aus der Mobility Division von Siemens. Sein Team baute den Prototypen für einen digitalen Zugsitz.
Foto: Siemens AG

Weil so ein Prototyp nach nur zwei Tagen präsentiert werden muss, entfallen lange Anforderungskataloge oder große Methodikdebatten bei der Entwicklung. Alles läuft agil und spontan. "So ein Hackathon ist angewandtes Brainstorming", bringt es CIO Ludwig auf den Punkt.

Der "digitale Zaun"

Das Brainstorming begann allerdings schon weit vor dem eigentlichen Hackathon, indem Ideen gesammelt wurden. "Die Vorphase seit dem Einstellen der Idee auf der Plattform verlief schon spannend. Das ging alles sehr schnell, im Alltag klappt so was nicht", räumt Stefan Jost-Dummer ein. Sein Team bestand aus einem zugeschalteten Kaufmann aus Dubai und einem Softwareentwickler aus UK sowie Mitarbeitern vor Ort in München aus den Bereichen SecuritySecurity, Corporate Technology (Forschungsbereich) und der IT. Alles zu Security auf CIO.de

"Die Vorphase seit dem Einstellen der Idee auf der Plattform verlief schon spannend. Das ging alles sehr schnell, im Alltag klappt so was nicht", berichtet Stefan Jost-Dummer (re.). Sein Team entwickelte einen „digitale Zaun“ für Drohnen.
"Die Vorphase seit dem Einstellen der Idee auf der Plattform verlief schon spannend. Das ging alles sehr schnell, im Alltag klappt so was nicht", berichtet Stefan Jost-Dummer (re.). Sein Team entwickelte einen „digitale Zaun“ für Drohnen.
Foto: Siemens AG

Gemeinsam arbeiteten sie an einem "digitalen Zaun", der Drohnen daran hindern soll, unberechtigt über bestimmte Gebiete wie Flughäfen, Firmengelände oder Veranstaltungen zu fliegen. Die dafür genutzten Sensoren senden ihre Daten in die Siemens-Cloud Mindsphere, von wo sie für Anwendungszwecke bereitgestellt werden.

90 Prozent der Teilnehmer aus dem Business

Neben der Absicht, neue Ideen für das Business zu entwickeln, bestand das zweite Ziel des Hackathons darin, weltweit Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Teilen des Konzerns zusammenzubringen. So nahmen rund 1700 Kollegen mit 61 Nationalitäten teil. "Diese Internationalität kann kaum ein anderes Unternehmen bieten", sagt CIO Ludwig. Und von den Teilnehmern stammten nur gut zehn Prozent aus der IT, die übrigen 90 Prozent kamen aus dem Business. "Das ist keine IT-Veranstaltung", betont Ludwig.

Der erste hybride Hackathon

Für Siemens war es der erste Hackathon, an dem sowohl Mitarbeiter vor Ort als virtuell zugeschaltete Kollegen rund um den Globus teilnahmen. So saßen in diesem hybriden Szenario rund 300 Teilnehmer am Standort München-Perlach sowie weitere 400 verteilt auf die Standorte Princeton, Erlangen, Wien und Karlsruhe. Weitere Kollegen schalteten sich über Skype, CollaborationCollaboration Tools und das interne Social Network zu. Allein im Siemens-Forschungszentrum München-Perlach hatten die Veranstalter in einer Halle 15 Kilometer Datenkabel und einen Kilometer Stromleitungen verlegt. Alles zu Collaboration auf CIO.de

An den Hackathon Days nahmen rund 1700 Mitarbeiter mit 61 Nationalitäten teil. Rund 300 Teilnehmer saßen am Standort München-Perlach (Foto) sowie weitere 400 verteilt auf die Standorte Princeton, Erlangen, Wien und Karlsruhe. Die anderen Kollegen schalteten sich über Skype, Collaboration Tools und das interne Social Network zu.
An den Hackathon Days nahmen rund 1700 Mitarbeiter mit 61 Nationalitäten teil. Rund 300 Teilnehmer saßen am Standort München-Perlach (Foto) sowie weitere 400 verteilt auf die Standorte Princeton, Erlangen, Wien und Karlsruhe. Die anderen Kollegen schalteten sich über Skype, Collaboration Tools und das interne Social Network zu.
Foto: Siemens AG

Organisiert wurden die Siemens Hackathon Days vom hauseigenen virtuellen Startup #Idea, das Innovationen im Konzern erkennen und schnell umsetzen soll. Entstanden ist #Idea aus einer Initiative von sieben Mitarbeitern. "Heute arbeiten schon rund 100 Leute bei #Idea mit", erklärt Gründer und CEO Patrick Pernegger. "Die machen das alle im Nebenjob."

"Sorry, wir haben keine Prozesse"

Anlass für die Gründung war die Erkenntnis, dass es zwar viele gute Ideen gibt, die sich aber in einem so großen Konzern oft zu langsam umsetzen lassen. Nach dem Go durch das Management startete die als Task Force gegründete Initiative und setzte erste Projekte in nur wenigen Tagen um, die sonst Wochen gedauert hatten.

Überrascht von den schnellen Ergebnissen kamen Rückfragen aus den Fachbereichen, wie die Aufgaben so rasch erledigt werden konnten und mit welchen Prozessen das geschafft worden sei. "Da war uns klar, wir sollten uns nicht Task Force nennen, sondern Startup", berichtet Pernegger. "Damit konnten wir sagen: Sorry, wir sind ein Startup, wir haben keine Prozesse."

800 Vorschläge auf der Hackathon Handling Platform

Doch selbst ein Hackathon kommt nicht ganz ohne gewisse Abläufe aus. So sammelten die Organisatoren mehr als 800 Vorschläge auf einer selbstentwickelten Hackathon Handling Platform. Von den 800 Einreichungen bearbeiteten die Teilnehmer gut 300, wobei die Teamgröße auf maximal sieben Personen beschränkt wurde.

Am Ende der zwei Tage landeten alle Ergebnisse auf der Hackathon- Plattform, wo sie alle Siemens-Mitarbeiter zwei Wochen lang online bewerten konnten. Mitte Februar standen schließlich nach dem Voting, an dem sich 19.000 Mitarbeiter beteiligt hatten, die fünf plus eins Sieger fest.

Im Bereich Business gewann die Idee einer Bestellung von Produktionsnachschüben auf Knopfdruck. Außerdem gab es einen zusätzlichen ersten Platz für einen Vorschlag, der die internen Prozesse bei Siemens verbessern soll. Danach müssen Anwender künftig keine Rules & Regulations sowie Prozesse und Tools mehr suchen, sie bekommen alle relevanten Vorgaben über ein personalisiertes Dashboard angezeigt.

Es gibt keine Verlierer

Die Sieger dürfen ihre Vorschläge nun beim internen TV-Event "Höhle der Siemens-Löwen" vorstellen. Dort entscheidet eine Jury aus Divisionsleitern, IT-Chefs und dem CEO von #Idea über die weitere Förderung.

Verlierer des Hackathons gibt es allerdings nicht, denn die Plattform mit den Ergebnissen wird nicht abgeschaltet. Jeder Mitarbeiter im Konzern kann weiter an den Ideen mitarbeiten. "Alle Teams werden weiter für ihre Idee kämpfen und ihre Vorgesetzten damit 'bedrängen', weil sie davon überzeugt sind", ist sich CIO Ludwig sicher. Davon geht auch Stefan Jost-Dummer aus: "Wir werden den 'digitalen Zaun' weiterentwickeln und versuchen, einen Business Case dafür zu finden, der in die Produktion gehen kann." CIO Ludwig schätzte nach der ersten Sichtung aller Teams, dass sich aus dem Hackathon eine zweistellige Zahl von Patenten ergeben könnte.

Innovationsförderung bei Siemens

Die Hackathon Days sollen keine einmalige Veranstaltung bleiben, sondern weitergeführt werden. Hackathons sind ein Baustein der vielfältigen Aktivitäten rund um die Innovationsförderung bei Siemens. So investiert beispielsweise die im vergangenem Jahr gründete Einheit Next47 über fünf Jahr eine Milliarde Euro in Startups oder Unternehmen mit Startup-Charakter.

In den vergangenen drei Jahren hat Siemens das F&E-Volumen um 25 Prozent erhöht, allein in diesem Jahr geben die Münchner nochmals zusätzlich 300 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus. Die DigitalisierungDigitalisierung schlägt sich auch in den Zahlen nieder. So steuerte im abgelaufen Geschäftsjahr der Softwarebereich 3,3 Milliarden zum Gesamtumsatz bei, hinzu kam eine Milliarde Euro aus dem Geschäft mit digitales Services. Und diese Zahlen sollen noch deutlich steigen, CIO Ludwig nennt das Ziel: "Siemens will das führende digitale Unternehmen der Welt werden." Alles zu Digitalisierung auf CIO.de