Zahlungsabwickler

Wirecard-Geschäfte wachsen unbeirrt weiter rasant

06.08.2019
Der Zahlungsabwickler Wirecard hat die Wirren um Bilanzierungsprobleme einer Konzerntochter in Singapur zumindest im laufenden Geschäft gut verdaut.
Wirecard-Chef Markus Braun sieht das operative Geschäft nicht beeinträchtigt.
Wirecard-Chef Markus Braun sieht das operative Geschäft nicht beeinträchtigt.
Foto: Wirecard

Ende Januar war WirecardWirecard in große Schwierigkeiten geraten - was aber vor allem damit zu tun hatte, dass sich Anleger nach Berichten der "Financial Times" wieder Fragen rund um das Geschäftsgebaren der Firma stellten. Konnte Wirecard bisher immer alle Verdächtigungen abschütteln, musste der Konzern diesmal zumindest einräumen, dass es "Qualitätsmängel" in der Buchhaltung gab und dass einige Buchungen korrigiert werden mussten. Möglicherweise haben sich auch einige Mitarbeiter in Singapur strafbar gemacht. Top-500-Firmenprofil für Wirecard

Betrug und systematische Luftbuchungen sieht das Unternehmen aber als ausgeschlossen an. Bei mehreren Behörden laufen noch Ermittlungen zu dem Fall. Sowohl die Münchner Staatsanwaltschaft als auch die Finanzaufsicht Bafin gehen zudem davon aus, dass es eine gezielte illegale Attacke von Börsenspekulanten gab. Der renommierten Wirtschaftszeitung "FT" wirft Wirecard Gemauschel mit sogenannten Short-Sellern vor, die mit fallenden Aktienkursen Geld verdienen.

Wirecard-Chef Markus Braun sieht das operative Geschäft nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: Der Konzern steuere auf ein absolutes Rekordhalbjahr zu, hatte er Mitte Juni auf der Hauptversammlung gesagt. Nun ist das bei einem Unternehmen wie Wirecard, das Wachstum wie am Schnürchen produziert, keine Überraschung.

Doch die Pipeline mit Neukunden sieht Braun gut gefüllt. Kürzlich präsentierte Wirecard mit den deutschen Aldi-Märkten einen gewichtigen neuen Kunden, an diesem Dienstag kam eine erweiterte Zahlungsabwicklung für online gebuchte Reisen beim Anbieter lastminute.com hinzu. Für Analysten ist das potenzielle Transaktionsvolumen neuer Kunden ein guter Gradmesser für künftiges Wachstum.

Der Konzern hatte Ende vergangenen Jahres rund 280.000 überwiegend kleine Händler an die eigene Plattform angeschlossen. Knapp 200 von ihnen generierten demnach Zahlungsabwicklungen von über 100 Millionen Euro jährlich, lediglich 16 erzeugten 2018 mehr als eine Milliarde Euro an Transaktionen. Nach dem ersten Quartal war die Zahl der Händler auf 293.000 gestiegen. Wirecard macht sein Geld damit, dass es von den abgewickelten Transaktionen eine Gebühr einbehält, die laut Vorstandschef Markus Braun im Schnitt zwischen 1,4 und 1,7 Prozent liegt.

Große Chancen rechnet sich Wirecard auch von dem Einstieg des Tech-Investors Softbank aus. Die Aktionäre stimmten zuletzt der Ausgabe einer Wandelanleihe zur Beteiligung des japanischen Mischkonzerns im Umfang von 900 Millionen Euro zu. Das Geld will das Unternehmen für Investitionen, Aktienrückkäufe und Schuldenrückzahlung verwenden - in welchem Ausmaß jeweils, das ist noch offen.

Mit dem Geschäft will sich Wirecard nicht zuletzt Zugang zu den Beteiligungen von Softbank sichern, um mit ihnen Geschäft zu machen. Zudem könnte der Partner beim Markteintritt in Japan und Südkorea helfen. Mit dem Gebrauchtwagenhändler Auto1 zog Wirecard bereits die erste größere Kooperation mit einer Softbank-Beteiligung an Land.

Damit rechnet der Konzern

Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll in diesem Jahr auf 760 bis 810 Millionen Euro ansteigen nach 568 Millionen 2018.

Was uns 2030 erwartet

Wirecard hat sich bereits Ziele für die kommenden Jahre gesetzt: Der Umsatz soll 2020 mehr als 3 Milliarden Euro betragen - bei einem Transaktionsvolumen von 215 Milliarden Euro und einer Ebitda-Marge von 30 bis 35 Prozent als Richtwert. 2025 soll der Umsatz auf mehr als 10 Milliarden Euro klettern, das Ebitda auf mehr als 3,3 Milliarden. Das Transaktionsvolumen veranschlagt Braun dabei auf mehr als 710 Milliarden Euro.

Das sagen Analysten

Anleger dürften auf die halbjährlich vorgelegte Neugeschäftsbilanz blicken, schrieb UBS-Analyst Hannes Leitner. Zudem dürfte es interessant werden, wie sich das neue Produkt der Händlervorfinanzierung mache, bei dem Wirecard für eine höhere Gebühr den Händlern eher ihr Geld zukommen lässt. Baader-Bank-Experte Knut Woller rechnet mit anhaltend starkem Wachstum aus eigener Kraft. Der Trend zu einem noch schnelleren Wachstum des operativen Ergebnisses sollte bestehen bleiben. Für Hauck & Aufhäuser-Analyst Robin Brass lauert sogar eine weitere Prognoseerhöhung.

Das operative Ergebnis im Gesamtjahr erwarten die von Bloomberg bis Dienstag befragten 13 Experten bei 787 Millionen Euro. Die Obergrenze der aktuellen Prognose liegt mit 810 Millionen Euro zwar noch etwas darüber, aber das war für Wirecard nach dem ersten Quartal auch kein Grund, die Prognose nicht zu erhöhen. Für den Umsatz im zweiten Quartal gehen die Analysten von einem Anstieg um knapp ein Drittel auf 631,7 Millionen Euro aus, das operative Ergebnis soll demnach um fast 39 Prozent auf 184,8 Millionen Euro klettern.

So lief die Aktie zuletzt

Abgesehen von kleineren Ausreißern nach unten hat sich das Papier in den vergangenen Wochen ungewohnt stabil gezeigt und pendelte um 150 Euro. Das täuscht aber etwas über den turbulenten Jahresverlauf in den vergangenen Monaten hinweg. Seit Beginn des Jahres können sich Anleger aber insgesamt über ein solides Plus von gut 12 Prozent freuen. Im Vergleich mit dem Stand vor einem Jahr müssen sie aber ein fast ebenso großes Minus hinnehmen. Auf längere Sicht hat die Aktie in den vergangenen drei (+275 Prozent) und den vergangenen fünf Jahren (+440 Prozent) jedoch deutliche Zuwächse zu verzeichnen. Vom Rekordhoch bei 199 Euro kurz vor dem Dax-Aufstieg Anfang September vergangenes Jahr ist die Aktie mit 146 Euro weit entfernt. (dpa/rs)

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