Expat CIO Altgassen in Belgien

Die Kirschbier-Community

Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Dirk Altgassen ist seit 2015 Group-CIO der belgischen Baustoffkonzern Etex. Hier sagt der deutsche Expat, was ihm an Belgien gefällt – und was gar nicht geht.
  • Der 2,9 Milliarden Euro schwere Baustoffkonzern Etex produziert Dachpfannen, Dämmstoffe und die berühmten Eternitplatten.
  • Der CIO reist 60 Prozent seiner Zeit durch die Welt, und für eine zentralere und standardisiertere IT zu werben.
  • Zum Konzern gehören 102 Gesellschaften in 42 Ländern.
  • In Belgien, so seine Erfahrung, läuft viel über direkte Kommunikation, anders als in Deutschland.
Dirk Altgassen arbeitet seit September 2015 als CIO beim belgischen Baustoffkonzern Etex.
Dirk Altgassen arbeitet seit September 2015 als CIO beim belgischen Baustoffkonzern Etex.
Foto: Etex

Belgien ist voll - aber keiner merkt es: 371 Einwohner teilen sich hier einen Quadratkilometer. Kaum ein Land der Welt ist dichter besiedelt. 11,3 Millionen Belgier genießen Schokolade und Biere, die nach Kirsche oder Erdbeere schmecken. Gut eine Million Menschen leben - meist friedlich - in der Hauptstadt Brüssel. Wer mit dem Fahrrad vier Stunden nach Süden strampelt, erreicht Frankreich. Bis nach Holland im Norden sind es nur drei bis vier Stunden auf dem Radweg - je nachdem, wie der Wind weht.

Flamen und Wallonen bilden hier seit 187 Jahren ihren eigenen Staat, meist unbeachtet von der Weltgeschichte. Wenn sich nicht gerade Großmächte in Waterloo oder den Ardennen bekriegen, kleinere Mächte aus der EU austreten oder Terroristen Banden bilden, findet Belgien in der öffentlichen Wahrnehmung nicht statt. "Das Land ist klein", sagt Dirk AltgassenDirk Altgassen, CIO und CDO des belgischen Baustoffkonzerns Etex: "Es ist ein kleiner Markt, aber dafür sehr aktiv - mit jeder Menge hidden champions". Profil von Dirk Altgassen im CIO-Netzwerk

Etex zählt dazu.

Dachpfannen, Dämmstoffe und die berühmten Eternitplatten

Ist Eternit wirklich eine Gesellschaft von Etex? Liegt dieses Brüssel tatsächlich noch in Belgien? Bei der Anreise zum Etex-Headquarter gerät der Besucher ins Zweifeln: Die Straße schlängelt sich durch eine englische Parklandschaft nur wenige Kilometer abseits der europäischen Machtzentrale. Rechts ein See mit Ruderbooten und dann, versteckt zwischen alten Bäumen, eine Villa im englischen Landhausstil: Hier residiert der 2,9 Milliarden Euro schwere Baustoffkonzern Etex, der unter anderem Dachpfannen, Dämmstoffe und eben die berühmten Eternitplatten produziert.

Zur Erklärung für Fachfremde: Eternit, das steht für große graue Faserzementwellplatten, die zeitweilig das halbe Deutschland abgedeckt haben. Kaum ein Industriegebiet sah von oben nicht mausgrau aus. Kaum ein Bauer hat nicht mindestens einen Stall mit den günstigen Platten abgedeckt.

Eternit hat seit 1903 den Markt aufgerollt: Es war leichter als die bis dahin üblichen Dachziegel. Es war feuersicher durch die damals höchst beliebten Asbest-Fasern. Es bildet kein Schwitzwasser wie etwa Wellblech über einer dampfenden Viehherde. Bauern lieben Eternit. Schweine lieben Eternit. Feuerwehrleute liebten Eternit - jedenfalls bis die Sache mit dem krebserregenden Asbest rauskam. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und hier nun im Brüsseler Villen-Vorort: Nix zu sehen von der Eternit-Platte, der Killer-App aus dem Baustoff-Lager. Paul Van Oyen, CEO seit 2015, ist das ganze Landhaus-Idyll schon wieder zu idyllisch. Lieber wäre ihm etwas Modernes in Flughafennähe. Aber er hätte ja auch gerne, dass Etex mehr als nur eine Finanzholding ist. Davon kann im Augenblick noch nicht die Rede sein.

Alle 102 Gesellschaften führen ihr Eigenleben

Derzeit leben 102 Firmen aus 42 Ländern in vier Divisionen unter dem Etex-Dach. Viele haben prominente Eigenprodukte wie Eternit, alle haben ihr Eigenleben. "Wir leben gerade eine kleine Thyssenkrupp-Geschichte nach", meint Dirk Altgassen, CIO von Etex: "Auch wenn es bei uns nur um drei Milliarden Umsatz geht - und nur um 100 Unternehmen."

Vor 15 Jahren hat die Etex Holding SAP eingeführt, das hat ein wenig Ordnung in das Unternehmensgeflecht gebracht. "Rund 90 Prozent aller Umsätze laufen über das SAP-System", schätzt Altgassen. Aber noch immer arbeiten "nur" 120 Mitarbeiter Altgassens in Belgien. Weitere 130 sind über die Welt verstreut und berichten über eine dotted line an ihn.

Foto: Etex

Altgassen ist gerade auf Ochsentour durch die Länder: 60 Prozent seiner Tage verbringt er auf Reisen, um Office 365Office 365 und andere Lösungen aus der Zentrale zu predigen. Gerade tourt er durch Frankreich, UK und Chile. 10.000 User nutzen jetzt schon Microsoft aus der Cloud, also alle der 15.000 Mitarbeiter, die überhaupt am Rechner arbeiten. "Das war der Köder", sagt Altgassen, der die ausländischen Niederlassungen zu mehr Zentralisierung motivieren will. Zusammen mit seinen neun Direct Reports will er noch mehr Synergieeffekte durch IT heben. Alles zu Office 365 auf CIO.de

Ein typisch internationales Umfeld für den CIO in Belgien

Altgassens Umfeld ist typisch für Belgien. Die Direct Reports sind ein Engländer, zwei Deutsche und sechs Belgier. "Ob Flame oder Wallone spielt bei uns keine Rolle", sagt Altgassen. "Da sowieso alle Englisch sprechen, merkt man das gar nicht." In einem Land, das sich in sieben Stunden durchradeln lässt, muss sich jede Firma internationalisieren. Gleichzeitig rotten sich die IT-Locals aber auch gerne zusammen, um Eigenheiten (Kirschbier) zu pflegen, oder um zum Beispiel den belgischen "CIO des Jahres" zu wählen.

Das IT-Leitmedium "data news" hatte Altgassen dafür nominiert, obwohl er Deutscher ist. "Belgien hat eine helfende Kultur", kommentiert der CIO. Am Ende hat dann aber doch Bjorn Van Reet, CIO von der Kinepolis Group, gewonnen - vielleicht auch, weil der Kinobetreiber deutlich bekannter ist als der Baustoffproduzent.

Besonderheiten beim Arbeiten in Belgien

Altgassen meint, in der belgischen Zeitschrift sind die Themen die gleichen wie woanders auch: "Wir sind ja hier nicht auf einem anderen Stern". Bei längerem Nachdenken fallen ihm aber doch einige belgische Besonderheiten auf:

  • "Wenn Belgier über Digitalisierung reden, reden sie mehr über neue Geschäftsmodelle - und weniger über Prozesse oder darüber, wie man die Kundenbeziehung verbessert."

  • "Belgier sind sehr affin für Innovationen. Wir reden hier viel über neue Produkte, Services und Plattformen."

  • "Ich habe das Gefühl, dass Belgier eher beziehungs- als prozessorientiert sind. Oder besser gesagt: Es läuft viel mehr über die direkte Kommunikation mit den Betroffenen als zum Beispiel in Deutschland."

  • "Mein Eindruck im Consulting-Umfeld ist, dass die Big Five stärker vertreten sind, als anderswo - was nicht heißt, dass die Tagessätze von Deloitte, KPMG, PWC, E&Y und Accenture andere wären."

  • "Der Mobilfunk ist teurer - und schlechter"

Lob durch Belgier hat Altgassen bisher an drei Stellen erfahren:

  • Die Strategie-Roadmap wird auch umgesetzt - was geplant wird, wird auch gemacht.

  • Dinge, die vorher sehr lange dauerten, werden heute viel schneller umgesetzt

  • Verantwortung wird eindeutig verteilt: "Einer muss den Hut aufhaben", sagt Altgassen.

Externe Berater empfanden die Direct-Reports als Bedrohung

Tadel durch Belgier kam an einer Stelle: Die Direct Reports fanden die Consultants überflüssig, die Altgassen ins Haus geholt hatte. Laut CIO hätten sie nur andere Meinungen einbringen sollen. Bei den Mitarbeitern erzeugten sie jedoch ein Gefühl der Bedrohung. Das ließ sich erst wieder beim Bier abbauen, bei dem Belgien weltweit die wildesten Geschmacksrichtungen anbieten kann. "Kirschbier geht gar nicht", findet Altgassen. Aber "Vedett extra blond" - davon nehme er sogar Flaschen mit nach Hause, sagt der CIO, der am Wochenende immer noch nach Deutschland pendelt. Nach Düsseldorf.

Belgien im Kurzcheck - so urteilt der Expat

Dirk Altgassen ist als Berater, als CIO des deutschen Unternehmens Grohe und jetzt als Group-CIO von Etex viel durch die Welt gekommen. Als deutscher Expat beurteilt er die Lebensqualität in Belgien auf einer Skala von 1 (Weltspitze) bis 5 (nicht so prickelnd):

Arbeit: 2

Wohnen: 2

Essen: 2

Feiern: 2

Sprache: 4

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