Mit viel Fleiß und etwas Glück

Gefährdete Forscher unter Druck

19.07.2017
Krieg, Verfolgung und Unfreiheit hindern sie daran, ihre Forschung im Heimatland fortzusetzen. Viele gefährdete Forscher aus dem Ausland suchen daher ihre Chance an den Hochschulen in Niedersachsen und Bremen. Das stellt beide Seiten vor Herausforderungen.

"Wenn ich in mein Heimatland reise, wird dort mein Pass annulliert und ich kann nicht wieder ausreisen", erzählt die Türkin Hatice Pinar Senoguz. Für die Wissenschaftlerin ist das nicht nur eine persönliche Katastrophe. Um ihre Forschung über das Leben in einer türkischen Kleinstadt nahe Syriens fortsetzen zu können, müsste sie eigentlich dorthin reisen. Doch seit sie eine Friedens-Petition unterzeichnet hat, steht sie als Regime-Gegnerin auf einer Liste der türkischen Regierung.

Arbeitsplätze in der Forschung sind begehrt. Ausländische Bewerber tun sich in Deutschland besonders schwer.
Arbeitsplätze in der Forschung sind begehrt. Ausländische Bewerber tun sich in Deutschland besonders schwer.
Foto: anyaivanova - shutterstock.com

Seit einem Jahr arbeitet die Ethnologin an der Universität in Göttingen. "Es ist schwierig, innovative Forschung zu betreiben, ohne die Literatur, die Gesetze oder die Sprache des Landes zu kennen", sagt Senoguz. Sie ist Stipendiatin der Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung, die gefährdeten Wissenschaftlern einen Einstieg ins deutsche Wissenschaftssystem verschafft.

Derzeit fördert die Initiative 68 Stipendiaten, 13 davon in Niedersachsen und Bremen. Im August kommen bundesweit 56 weitere hinzu. Die Nachfrage steigt: Bewarben sich auf die erste Ausschreibungsrunde im Jahr 2016 nur 62 Personen, so waren es in der aktuellen Runde 114. Mittlerweile machen nicht mehr Syrer den Großteil der Bewerber aus, sondern Türken. Sozial- und Geisteswissenschaftler sind besonders häufig gefährdet, weil sie sich oft kritisch mit politisch relevanten Themen beschäftigen.

Hiltraud Casper-Hehne von der Uni Göttingen bestätigt den großen Bedarf: "Bei einigen Professoren häufen sich zur Zeit Anfragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die ihr Land verlassen möchten und eine Anstellung in Göttingen suchen - mit der Begründung, die Verhältnisse in ihrem Land seien unerträglich." In Hannover und Bremen hat man ähnliche Erfahrungen gesammelt.

Reguläre Stellen kommen für die ausländischen Wissenschaftler meist nicht infrage. "Der Druck im deutschen akademischen System ist extrem groß. Da oft Sprachbarrieren bestehen und die ausländischen Bewerber aus anderen akademischen Umfeldern kommen, haben sie kaum eine Chance gegen deutsche Bewerber", sagt Andreas Volk, der an der Universität Bremen für geflüchtete Wissenschaftler zuständig ist.

Der Einstieg über ein Förderprogramm sei deshalb der absolute Regelfall, erklärt der Generalsekretär der Volkswagenstiftung Wilhelm Krull. Auch die Volkswagenstiftung fördert geflüchtete und bedrohte Wissenschaftler, derzeit läuft eine Ausschreibung über 30 Stipendien.

Nach der zwei- oder dreijährigen Förderperiode müssen die Forscher eigene Projektmittel einwerben, sich einen Platz in laufenden Projekten verschaffen oder sich auf reguläre Stellen bewerben. Es sei hierzulande schwierig, an langfristige Jobs in der Wissenschaft zu kommen, sagt Senoguz.

Als sie sich auf ihr Stipendium bewarb, hielt sich die türkischstämmige Ethnologin noch in ihrem Heimatland auf. Besonders für Wissenschaftler wie sie besteht laut Andreas Volk großer Förderungsbedarf. Senoguz bestätigt das: Besonders schwierig sei es für viele türkische Kollegen, bereits aus dem Ausland Kontakte zu hiesigen Wissenschaftlern zu knüpfen. Für die meisten Förderprogramme ist es erforderlich, sich gemeinsam mit einem Mentor einer deutschen Universität zu bewerben. Sie selbst hatte Glück: Auf einer Konferenz im türkischen Izmir lernte sie eine Göttinger Migrationsforscherin kennen, die kurze Zeit später ihre Mentorin wurde.

"Die Universitäten sind gefordert, eine sorgfältige und verantwortungsvolle Auswahl derer zu treffen, die gefördert werden. Es wäre verantwortungslos, Leute nur für zwei oder drei Jahre zu beschäftigen, wenn sie keine langfristigen Perspektiven im Wissenschaftssystem haben", betont Wilhelm Krull.

Auch Sprachkurse und psychische Betreuung an den Hochschulen seien notwendig, um eine nachhaltige Integration ins System zu gewährleisten, sagt Andreas Volk von der Bremer Universität. Viele Betroffene kämpften mit Traumata oder einem interkulturellen Schock.

Außerdem sollten sich die Hochschulen nicht ausschließlich auf externe Förderer verlassen, sagt Andreas Volk: "Der Bedarf ist da. Die Förderprogramme werden nicht ewig laufen. Die Universitäten müssen selbst Mittel einwerben und bereitstellen - aus Solidarität und aus Respekt vor den Entwicklungen in der Welt." (dpa/ad)

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