TradeLens, IBM Food Trust, We.trade

IBM erklärt seine Blockchain-Strategie

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 

Advisory Boards steuern die Blockchain-Plattformen

Wer entscheidet über die Aufnahme in das Advisory Board?

Schultze-Wolters: Diejenigen, die die Plattform gebaut haben. Für TradeLens also Maersk und IBM, für IBM Food Trust Walmart und IBM. Wir reden hier über eine Open Industry Platform, der offene Standards heilig sind. Deshalb brauchen wir eine möglichst repräsentative Zusammensetzung des Beirats. Es bringt ja nichts, wenn Maersk alle seine Freunde um sich schart. Wir brauchen auch die Stimme des Zolls mit seinen Eigenarten, unterschiedliche Logistikunternehmen, auch die großen Carrier, Häfen und Terminal-Betreiber auf verschiedenen Kontinenten. Wir wollen alle Prozessbeteiligten aus allen Regionen involvieren.

Sie sprechen über offene Standards. Werden ihre Plattformen irgendwann selbst eigene Standards setzen - einfach nur aufgrund ihrer Größe?

Schultze-Wolters: Wir orientieren uns an den offenen Standards, die es gibt. Mithilfe von Open Source und Open APIs werden wir so offen sein, wie es eben geht. Wir berücksichtigen auch die Standards aus den Branchen und bauen darauf basierend gemeinsam offene Lösungen, die für alle zugänglich sind.

Vor wenigen Wochen hat sich die Digital Container Shipping Association (DCSA) gegründet, eine Organisation von neun großen Reedereien, um IT-Standards, die es in der Container-Industrie bisher noch nicht gab, zu schaffen. Dies wurde jetzt in Hamburg auf der Global Liner Shipping Conference formal angekündigt. Mit dieser Organisation sind wir schon seit zirka einem halben Jahr im Gespräch,denn wenn sich die großen Reedereien endlich zusammentun und einen Standard schaffen für die Container-Schifffahrt, dann ist das hochrelevant für uns.

Wie überzeugt man Wettbewerber von Maersk, auf deren Plattform zu kommen?

Schultze-Wolters: Natürlich gibt es da zunächst immer gewisse Vorbehalte. Man sorgt sich, dass Maersk vielleicht deren Verträge, Frachtraten oder andere sensitive Daten einsehen könnte. Das ist aber kein Thema, wir reden über Blockchain-Technologie! Teilnehmer auf TradeLens oder IBM Food Trust können ihre eigenen Ökosysteme mit ihren Kunden, Lieferanten und Partnern abbilden.

Die Governance-Struktur definiert exakt, wer was kann und darf. Ein Rechte-Management steuert Lese- und Schreibzugriffe, dadurch ist sichergestellt, dass eine ungewünschte Transparenz nicht entstehen kann. Wir reden hierbei über einen "Distributed Ledger", das heißt die Daten bleiben im Gegensatz zu einer zentralen Datenbank verteilt, und die relevanten Transaktionen sind in der Blockchain dokumentiert.

Dahinter steckt eines unserer Grundprinzipien: Privacy is paramount (dt.: hat Vorrang). Wir steuern über die Governance-Struktur Zugriffsrechte. Es gibt keinen Supervisor oder Administrator, der Zugriffsrechte verteilt. Also gibt es auch keine Instanz, die diese Daten allein kennt und beaufsichtigt. Nur ein Advisory Board. Auch IBM weiß nicht mehr.

Teilnehmer zahlen in Dollars oder Daten

Erläutern Sie das IBM-Geschäftsmodell im Zusammenhang mit diesen Plattformen!

Schultze-Wolters: Bei globalen Plattformen wie TradeLens sind einige Unternehmen sogenannte Network Member. Sie bezahlen in Naturalien, also mit ihren Daten. Das gilt für die Häfen, die großen Carrier und die Zollbehörden - für diejenigen also, die Daten auf die Plattform bringen und sie damit zum Leben erwecken. Diejenigen, die die Daten nutzen wollen, zum Beispiel Logistikunternehmen, die damit ihre Prozesse optimieren können, oder Automobilhersteller, Retailer und Fertigungsunternehmen, die die Transportaufträge erteilen, zahlen pauschal 25 Dollar pro Container.

Gehen wir zu IBM Food Trust, also der Lebensmittel-Rückverfolgung: Da haben wir ein As-a-Service-Modell. Man zahlt je nach Unternehmensgröße einen bestimmten monatlichen Betrag pro Modul. Tracing ist ein solches Modul, damit kann ich bis ins Detail zurückverfolgen, von welcher Plantage beispielsweise eine Mango kommt. Dieser Service des Zurückverfolgens kostet für kleine Betriebe 100 Dollar pro Monat, für mittlere 1000 und für große mit über einer Milliarde Dollar Jahresumsatz 10.000 Dollar. Hier haben wir also ein Subscription-Modell. Wir lehnen das Geschäftsmodell grundsätzlich an die Struktur einer Plattform und den jeweiligen Mehrwert an.

Wie viele Mitarbeiter bei IBM beschäftigen sich mit der Blockchain?

Schultze-Wolters: Weltweit sind es rund 1.600, die Zahl steigt stetig. Wir haben mittlerweile mehr als 500 Projekte in Arbeit, davon 85 live und in Produktion in der Konstellation Join, Coordinate, Build. Was uns differenziert, ist, dass wir das Thema BlockchainBlockchain und die relevanten Lösungen End-to-End bedienen. Vertriebler, Berater, Architekten, die mit den Kunden in die Workshops gehen und MVPs bauen, gehören dazu und natürlich eine große Zahl an Entwicklern, die das dann umsetzen und betreuen. Alles zu Blockchain auf CIO.de

Welche Initiativen neben TradeLens und IBM Food Trust verfolgen Sie noch?

Schultze-Wolters: Besonders interessant ist sicherlich das zu Beginn genannte Projekt für den Automotive-Sektor, das wir zuerst mit Ford und einer chinesischen Minengesellschaft aufgesetzt haben. Es geht darum nachzuvollziehen, ob das für die Herstellung von Batterien wichtige und ziemlich seltene Schwermetall Kobalt unter fairen Produktionsbedingungen und ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Volkswagen ist kürzlich als erstes deutsches Unternehmen beigetreten. Kobalt ist nur der erste Werkstoff, auch dort werden wir über ein Advisory-Board entscheiden, mit welchen Metallen und Rohstoffen es weitergeht.

Auch für die Energiewirtschaft gibt es interessante Projekte, etwa zur dezentralen Gewinnung und Zwischenspeicherung von Energie oder zum Thema "Supplier Change", also einem schnellen Wechsel der Stromanbieter. Wir werden diese Themen im Build-Ansatz verproben, damit auf die branchenspezifischen Herausforderungen eingehen und es kundenindividuell umsetzen.

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