Zeitenwende

Was ein Jahr Krieg in der Wirtschaft bewegt hat - und was nicht

21.02.2023
Bei der Energieversorgung, in der Arbeitswelt, bei Entscheidungen über Investitionen: Der Krieg in der Ukraine hat in der deutschen Wirtschaft alte Glaubenssätze gekippt und neue Türen aufgestoßen. Doch was hat sich seit dem 24. Februar 2022 konkret getan?

Ob beim Blick auf die Gasrechnung oder auf das Preisschild im Supermarktregal: Die Inflation ist für viele Menschen in Deutschland wohl der am stärksten spürbare Effekt des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Auch ein Jahr nach Kriegsbeginn liegen die Preise weit über dem Niveau der letzten Jahre. Der erhoffte Wirtschaftsaufschwung nach Corona blieb zudem aus. Und auch dass die Bundesregierung für 2023 leichtes Wachstum prognostiziert, dürfte sich aus Sicht von Fachleuten kaum positiv im Geldbeutel der Menschen niederschlagen.

Der Ukrainekrieg hat in der deutschen Wirtschaft Spuren hinterlassen.
Der Ukrainekrieg hat in der deutschen Wirtschaft Spuren hinterlassen.
Foto: Milan Sommer - shutterstock.com

"Wir dürfen nicht den Fehler begehen, Wirtschaftswachstum mit Wohlstand zu verwechseln", mahnt etwa der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Während Konzerne Rekordgewinne eingefahren hätten und auch noch überproportional von den staatlichen Entlastungen profitierten, hätten insbesondere untere Einkommensgruppen das Nachsehen.

Doch auch wenn der 24. Februar 2022 mit Russlands Überfall auf die Ukraine große Sorgen in Deutschland ausgelöst hat - in einigen Bereichen kam es nicht so schlimm, wie befürchtet, einige Entwicklungen machen sogar Hoffnung. Und vor allem: Plötzlich sind alte Glaubenssätze passé und es öffnen sich neue Türen. Ob diese aber auch wirklich alle durchschritten werden, steht auf einem anderen Blatt.

Deutschland macht sich unabhängig von russischem Gas...

Jahrelang hing die deutsche Industrie am billigen russischen Erdgas. Das Ende ist inzwischen hinlänglich bekannt. Dass dieses aber nicht abrupt und mit verheerenden Folgen für die Wirtschaft kam, zählen Fachleute zu den wichtigsten Erfolgen des vergangenen Jahres. "Das ist wirklich bemerkenswert und es hätte wohl niemand gedacht, dass die Gasspeicher bis zu hundert Prozent gefüllt werden können", sagt Fratzscher. Damit seien Unsicherheiten reduziert worden und die Energiekosten seien schneller wieder gesunken als gedacht.

Mit dem Tempo, in dem Deutschland sich von russischem Gas unabhängig gemacht hat, habe sie nicht gerechnet, sagt auch die Leiterin des Ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, Karen Pittel. Sich deswegen zurückzulehnen sei aber nicht angebracht. Auch der kommende Winter bleibe eine Herausforderung für die Energiesicherheit. Und auch die Gaspreise dürften ihrer Einschätzung nach hoch bleiben. "Langfristig ist es unwahrscheinlich, dass wir auf das alte Niveau der Gaspreise kommen." Immerhin: Die Betreiber der Gasspeicher rechnen für den Herbst wieder mit vollen Speichern.

... und muss seine Energieversorgung auf neue Füße stellen

Dazu soll auch das Flüssiggas (LNG) beitragen, das seit Dezember in Norddeutschland anlanden kann. Nicht einmal zehn Monate dauerten Planung und Aufbau des ersten Terminals, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach von einem neuen "Deutschland-Tempo". Und das erscheint angesichts der schleppend verlaufenden Energiewende dringend nötig. Kommt nun also auch der Erneuerbaren-Turbo? Ende Januar einigte sich das Kabinett immerhin auf einen vereinfachten Ausbau der Windkraft - viele Umweltverträglichkeitsprüfungen etwa sollen künftig wegfallen.

Expertinnen wie Pittel mahnen dennoch zur Vorsicht: "Damit erkauft man sich ein Ziel auf Kosten von anderen Zielen." Der schnelle Aufbau der LNG-Terminals sei kurzfristig richtig gewesen, auch wenn dadurch mehr Kohlendioxid (CO2) emittiert werde, als anderweitig möglich gewesen wäre. Auch, dass Firmen teils von Gas auf Öl umstiegen, habe dem Klimaschutz nicht geholfen. Aber: "Ich denke, dass die Krise langfristig die Chance zur Erreichung der Klimaziele erhöht." Zum reinen Klimaschutzmotiv komme nun auch die Sorge um die Versorgungssicherheit und der Schutz vor schwankenden Preisen.

Die deutsche Wirtschaft überdenkt ihre Abhängigkeiten..

Doch nicht nur die Energieversorgung, sondern auch die Verfügbarkeit von so ziemlich allen Vorprodukten ist nun Thema in den Chefetagen. "Plötzlich müssen wir uns fragen: Moment, ist denn alles verfügbar - nicht nur technologisch, sondern auch bei den Rohstoffen? Haben wir genügend Kupfer? Haben wir genügend Aluminium? Haben wir genügend Nickel?", zählt beispielsweise Bosch-Chef Stefan Hartung auf. In der neuen geopolitischen Konstellation lasse sich im Zweifel nicht mehr so einfach Ersatz beschaffen. Diese Fragen seien neu aufgekommen und es sei wichtig, dass nun ein Bewusstsein dafür entstehe.

Das sieht auch der amtierende Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Holger Görg, so. Vielen Unternehmen sei mit der russischen Invasion klar geworden, dass sie ihre Abhängigkeiten und Lieferketten überdenken müssten. Risiken streuen, Produktion ein Stück weit wieder nach Europa holen, mehr selbst produzieren - das sei nun in aller Munde. "Dieses Bewusstsein war vor drei Jahren noch nicht so ausgeprägt wie jetzt." Und das sei gut, weil man sich auf der Basis auch Strategien überlegen könne. Den Wegfall des Russland-Geschäfts haben die meisten Firmen ohne große Probleme weggesteckt. Dass sich mit Blick auf China angesichts des Säbelrasselns in Richtung Taiwan irgendwann ähnliche Fragen stellen könnten, scheint aber für so manchen noch in weiter Ferne.

... und hat noch einen weiten Weg vor sich

"Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was man hört und was erzählt wird, und dem, was Unternehmen jetzt schon machen", sagt Görg. In den Daten sei von einer Diversifizierung noch nicht viel zu sehen. Und die frisch angekündigten Milliarden-Investitionen großer Unternehmen wie BASF oder Bosch deuteten auch nicht auf einen Rückzug aus der Volksrepublik hin. Das könne daran liegen, dass strategische Entscheidungen angesichts der aktuellen Krisen aufgeschoben werden. "Es kann aber natürlich auch daran liegen, dass die Probleme für die Einzelunternehmen doch nicht so groß sind, wie man annimmt." In der Politik sei hingegen bereits ein größeres Problembewusstsein entstanden, so Görg. Er gehe daher davon aus, dass sich bei dem Thema noch was tue - im Zweifel mit politischen Impulsen.

Skeptisch klingt auch DIW-Chef Fratzscher. Ein Konzern wie Volkswagen könne seinen Umsatzanteil in China nicht einfach binnen fünf Jahren von 40 auf 15 Prozent reduzieren. "Die Abhängigkeit ist so massiv, dass man lediglich Schadensbegrenzung machen kann und beten und hoffen kann, dass nichts schief geht." Viele Unternehmen hätten sich in der Hoffnung auf kurzfristige Gewinne erpressbar gemacht. "Und wenn das in die Hose geht, wird man sehr schnell mit dem Finger auf den deutschen Staat zeigen, so wie in den vergangenen Krisen auch."

Der Wandel in der Arbeitswelt bekommt einen Schub

Digitalisierung, Elektrifizierung und Dekarbonisierung - all diese Themen kamen nicht erst mit dem Krieg auf. Dennoch habe die Transformation in der Arbeitswelt nun einen Schub erhalten, beobachtet der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allein, um die Energiewende umzusetzen, brauche es IAB-Berechnungen zufolge 400 000 zusätzliche Arbeitskräfte. Die rasante Entwicklung neuer Geschäftsfelder - etwa im Bereich Wasserstoff und bei der Dekarbonisierung - sei ein Sprung im Vergleich zur eher graduellen Entwicklung der 2010er Jahre.

Auch wenn viele Beschäftigte - etwa in der Verbrennerproduktion - Herausforderungen entgegenblicken, erwarte der Arbeitsmarktforscher unterm Strich mehr Beschäftigung: "Was unsere Studien zeigen: Es gibt einen Umbruch, es ändern sich Dinge, aber es gibt keinen Einbruch." Es entstünden auch nicht nur Billigjobs, sondern "wirklich gute Jobs". Schon während der letzten Krisenjahre habe der Arbeitsmarkt die Wirtschaft getragen und sei nicht wie früher eingeknickt. Der Grund: Wegen des Arbeitskräftemangels werde in Krisenzeiten weniger entlassen - aus Angst, die Stelle später nicht mehr besetzen zu können. "Wenn der Arbeitsmarkt stabil bleibt, dann stützt das auch die Einkommen, dann stützt das auch die Konsumbereitschaft." (dpa/ad)

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