Online bestellen und liefern lassen

Smartphone als Segen für Blinde

01.06.2017
Inzwischen gibt es mehr als hundert Apps, die Menschen mit einer Sehbehinderung den Alltag erleichtern. Allerdings sind noch nicht alle Geräte barrierefrei, kritisiert Thomas Kahlisch, Präsidiumsmitglied im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband.
Online zu bestellen ist für blinde Menschen eine große Erleichterung.
Online zu bestellen ist für blinde Menschen eine große Erleichterung.
Foto: Andrey_Popov - shutterstock.com

Blinde und stark sehbehinderte Menschen können nach Feierabend nicht einfach ins Auto springen, wenn die Milch im Kühlschrank ausgegangen ist. Shopping war für Thomas Kahlisch früher kaum ohne Begleitung eines Sehenden möglich. Der 54-Jährige aus Leipzig ist seit seinem 14. Lebensjahr blind. Doch seit kurzem sind Spontankäufe kein Problem mehr. Dafür nutzt er die App der Supermarktkette ReweRewe, sucht die Lebensmittel bequem zu Hause auf dem Sofa aus und lässt sie nach Hause liefern. Das Smartphone ist für Kahlisch ein unverzichtbarer Begleiter - "mein digitales Schweizer Taschenmesser", wie er im Vorfeld des Sehbehindertentages am 6. Juni sagt. Top-500-Firmenprofil für Rewe

Der Informatiker ist ein vielbeschäftigter Mann - als Leiter der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde zu Leipzig sowie ehrenamtlich als Präsidiumsmitglied des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV). Während einer Tagung im Landesbildungszentrum für Blinde in Hannover checkt er in Sitzungspausen seine E-Mails. Dies geht dank der für Nicht-Sehende revolutionären VoiceOver-Technologie in Sekundenschnelle. Eine weibliche Stimme liest die E-Mails vor, und Kahlisch befiehlt teils schon bei den ersten Worten der Betreff-Zeile: "Löschen!"

Die integrierte Sprach-Funktion in SmartphonesSmartphones und TabletsTablets erleichtere den Alltag ungemein, meint der Honorarprofessor an der Universität Leipzig. "Man wird mobiler, traut sich mehr zu und wird eigenständiger." Gleichzeitig betont Kahlisch: "Ohne weißen Stock bin ich verloren." So könnten Navigations-Apps ihm zwar sagen, in welcher Straße vor welcher Hausnummer er steht, aber nicht, ob sich dort ein Laternenpfahl oder eine schlecht gesicherte Baustelle befindet. Alles zu Smartphones auf CIO.de Alles zu Tablets auf CIO.de

E Book Reader für blinde Menschen

Inzwischen gibt es mehr als hundert Apps, die blinden und sehbehinderten Menschen helfen. Niemand muss mehr große Lupen oder Bildschirmlesegeräte mit sich herumschleppen. "Ich hätte früher nicht geglaubt, dass ein Blinder einen Touchscreen bedienen kann", sagt Franz Rebele, der noch etwa fünf Prozent Sehleistung hat. Der 77-Jährige macht in Berlin sehbehinderte Senioren in Kursen für die digitale Welt fit. Häufig nutzt Rebele die App "KNFB Reader", die gedruckte Texte in Sprachausgaben umwandelt - etwa, wenn er in einem schlecht beleuchteten Restaurant die Speisekarte oder in einer Bibliothek eine Informationstafel lesen möchte.

Während in der Vergangenheit nur wenige Bücher in Brailleschrift für Blinde zugänglich waren, können Romane und Sachbücher jetzt von einem E Reader vorgelesen werden. "Bei vielen digitalen Anwendungen gibt es allerdings noch Entwicklungsbedarf", sagt Kahlisch. "Den E Book Reader hätten wir gerne barrierefrei." Derzeit lasse sich zwar die Schrift des Buches, aber nicht die Menüleiste beliebig vergrößern.

Am diesjährigen Sehbehindertentag steht zudem das Thema "Hörfilmempfang" im Mittelpunkt. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bieten inzwischen bei vielen Filmen zusätzliche Beschreibungen von Gestik, Mimik oder Ausstattung für Blinde und Sehbehinderte an. Dies genügt nicht, meint Kahlisch: "Der DBSV wünscht sich, dass sich die Verkaufsberater in Elektromärkten und Fachgeschäften besser in das Thema einarbeiten und den Kunden bei der Einrichtung der Audiodeskription helfen." (dpa/rs)

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