IT-Manager besuchen China

China ist jetzt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten



Simon Hülsbömer betreut als Senior Project Manager Research Studienprojekte in der IDG-Marktforschung. Zuvor verantwortete er als Program Manager die Geschäftsentwicklung und die Inhalte des IDG-Weiterbildungsangebots an der Schnittstelle von Business und IT. Davor war er rund zehn Jahre lang als (leitender) Redakteur für die Computerwoche tätig und betreute alle Themen rund um IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz.
"China holt nicht mehr nur auf, China ist schon da" - gleichermaßen überrascht wie beeindruckt fasste ein Teilnehmer zusammen, was die knapp 20 IT-Entscheider, die mit CIO, WHU und Partner DXC Technology eine Woche nach Peking und Tianjin reisten, vor Ort erlebten.
  • Die chinesische Mentalität hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Es entwickelt sich ein neues Selbstbewusstsein.
  • Unternehmen sollten sich auf jeden Fall mit China beschäftigen und sich überlegen, dort trotz aller Widerstände Fuß zu fassen.
  • „China ist heute das, was die USA einmal waren - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten."

Wenn die Pläne der chinesischen Zentralregierung umgesetzt sind, leben und arbeiten im Großraum Peking-Tianjin, genannt "Jing-Jin-Ji", künftig 130 Millionen Menschen. Um diese Region zu erleben, sich mit Unternehmen vor Ort zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen, führte das Auslandsmodul des "Leadership Excellence Program" (LEP) den Teilnehmer-Jahrgang 2017/2018 in den Osten Chinas.

Dort stand zunächst ein einführendes interkulturelles Training durch Astrid Oldekop von der WHU - Otto-Beisheim School of Management auf dem Programm. Oldekop pendelt seit über 30 Jahren regelmäßig zwischen Deutschland und der Volksrepublik, hat in dieser Zeit auch etliche Jahre am Stück in Peking gelebt. Sie vermittelte den Teilnehmern die Grundzüge der chinesischen (Geschäfts-)Kultur, für die besonders die (Schrift-)Sprache ein ganz wesentliches Element darstelle. Wer kein Chinesisch beherrsche, habe keine Chance auf Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft und Wirtschaft.

Die Teilnehmer des Leadership Excellence Program des Jahrgangs 2017/18 verlebten eine intensive und spannende Woche in Peking und Tianjin.
Die Teilnehmer des Leadership Excellence Program des Jahrgangs 2017/18 verlebten eine intensive und spannende Woche in Peking und Tianjin.
Foto: WHU - Otto Beisheim School of Management

Fünf Jahre weiter als Deutschland

"China hat eine rasante Entwicklung durchgemacht - das Bild 'vom Chaos zur Warteschlange in kürzester Zeit' steht ein wenig sinnbildlich dafür", berichtete Oldekop. Sei es Ende der Achtziger Jahre noch ein Land ohne gesellschaftliche Regeln und ohne Know-how gewesen, habe China die westlichen Industriestaaten - auch Deutschland - heute längst überholt, was die Wirtschaftsfähigkeit und Innovationskultur angehe.

Das möchten die Westmächte zwar nicht wahrhaben, doch vor Ort zeigte sich der LEP-Gruppe, das dem wirklich so ist: Markus BenteleMarkus Bentele, Group-CIO des Automobilzulieferers MahleMahle International, beispielsweise äußerte bereits am dritten Tag des Programms die Feststellung, dass China schon jetzt fünf Jahre weiter sei als Deutschland. Top-500-Firmenprofil für Mahle Profil von Markus Bentele im CIO-Netzwerk

Dass diese Entwicklung in Europa so gut verborgen zu bleiben scheint, erklärte Oldekop vor allem mit der großen Sprach- und Kulturbarriere: Die meisten der 1,3 Milliarden Chinesen sprechen kein Englisch. Die Informationen, die uns dadurch über die Massenmedien erreichten, seien nicht selten falsch oder unvollständig und sorgten in vielen Punkten für eine verzerrte Wahrnehmung.

Kopieren bringt Innovation

Das berüchtigte "Faked in China", also Diebstahl von geistigem Eigentum, das gerade aus wirtschaftlicher Sicht viele Vorbehalte gegenüber China schüre, habe laut Oldekop seinen Ursprung übrigens auch in der Kultur des Landes: Das Kopieren bekannter und erfolgreicher Muster habe in China schon tausende Jahre lang Tradition - so lernten Chinesen schon immer, bevor sie darauf aufbauend eigenständig innovierten. Dahinter stehe nicht unbedingt böse Absicht, man kenne es einfach nicht anders. Auch Europa habe bis vor der Zeit der Industriellen Revolution kräftig Produkte aus der ganzen Welt kopiert - derzeit seien es eben die Chinesen, so die WHU-Dozentin.

Astrid Oldekop von der WHU - Otto-Beisheim School of Management übernahm vor Ort die inhaltliche Leitung des Programms.
Astrid Oldekop von der WHU - Otto-Beisheim School of Management übernahm vor Ort die inhaltliche Leitung des Programms.
Foto: Simon Hülsbömer

Politik und Wirtschaft verschmelzen

Über allem steht aber natürlich das restriktive politische System. "Kommunismus heißt immer, dass der Einzelne niemals so viel wert ist wie das Ganze", erläuterte Bernd Pichler, Chief Marketing Officer des chinesischen Elektroauto-Startup Iconiq Motors im Rahmen einer Podiumsdiskussion mit deutschen Unternehmern, die seit Jahren in China arbeiten.

Diese Prämisse werde hier gerade konsequent umgesetzt. Heißt: Der Staat gibt in Fünf-Jahres-Schritten den großen Plan vor, Wirtschaft und Gesellschaft setzen ihn bis in das letzte Detail um. Deutsche Unternehmen, die in China Geschäft machen möchten, müssen sich damit arrangieren - mit Verboten, Über-Nacht-Schließungen, Joint-Venture-Vorgaben, Überwachungsgesetzen, Eigenheiten der chinesischen Kultur - oder eben gehen.

Nach ersten Unternehmensbesuchen vor Ort arbeiteten die Teilnehmer an einer Case Study, um das Gesehene in die eigene Praxis umzusetzen.
Nach ersten Unternehmensbesuchen vor Ort arbeiteten die Teilnehmer an einer Case Study, um das Gesehene in die eigene Praxis umzusetzen.
Foto: Simon Hülsbömer

Die chinesische Mentalität habe sich in den letzten Jahren seit der Machtübernahme durch Xi Jinping extrem gewandelt - zurück zum Nationalismus, zur Rückbesinnung auf die eigene Geschichte und Kultur, das Binnen-Wirtschaftssystem, die eigenen Werte. Es kommt ein neues chinesisches Selbstbewusstsein auf. "China braucht uns nicht - wir sollten nicht so arrogant sein, zu meinen, dass wir diesem großen Land irgendetwas vorgeben können", berichteten alle deutschen Wirtschaftsvertreter, die die Gruppe die Woche über traf. Wem das nicht passe, der könne gehen - es werde schließlich niemand gezwungen, in China Geld zu verdienen.

Diese Erkenntnis kam dann für die meisten der Seminarteilnehmer doch etwas überraschend. Doch vor dem Hintergrund der enormen Wirtschaftskraft und dem "Masterplan" der Regierung, China bis 2049 - bis zum 100-jährigen Bestehen der Volksrepublik - zur Weltmacht Nummer Eins zu machen, leuchtete sie aber allen schnell ein. Gepaart mit den Eindrücken aus Peking und Tianjin umso mehr.

Chinesische Startups beeindrucken

Die Woche über war die Gruppe in der Hauptstadt und der nahegelegenen Hafenmetropole (Tianjin allein hat die Fläche von Bayern) unterwegs, um Unternehmen vor Ort zu besuchen. Es ging unter anderem in das A320/330-Werk von AirbusAirbus - übrigens 1:1 dem aus Toulouse nachempfunden. In Tianjin stand ein Besuch bei Haver Technologies an - einem deutschen Mittelständler, der Packmaschinen baut. Top-500-Firmenprofil für Airbus

Überall nahmen sich die General Manager ausgiebig Zeit für die LEP-Teilnehmer und überraschten mit ihrem Pragmatismus gerade auf die Fragen nach dem Überwachungsstaat, der Gängelung durch die Behörden und ihrer eingeschränkten unternehmerischen Freiheit. "Wer eine Zeit lang in China lebt, der stellt sich diese Fragen nicht mehr, er lernt damit umzugehen", war die einhellige Aussage - auch im Gespräch mit Mitgliedern der Deutschen Außenhandelskammer, mit denen man sich in Tianjin zum Abendessen traf.

Neben den eher klassischen Unternehmen besichtigte die Gruppe noch zwei chinesische Startups: XCharge, das Schnellladesäulen für Elektroautos entwickelt und Noitom, das unter anderem Virtual Reality für den Business-Einsatz innoviert. Beeindruckend war für die IT-Manager hier die Geschwindigkeit, mit der in China eine Geschäftsidee skaliert werden kann: XCharge, dessen Ladesäulen E-Autos innerhalb einer halben Stunde komplett aufladen können, hat gerade erst mit dem Business begonnen, aber bereits Ladestellen im mittleren fünfstelligen Bereich verkauft. Die aus allen Nähten platzenden "Büroräume" gleichen trotzdem noch immer mehr einem studentischen Hinterhof-Startup mit Abstellkammer als einem modern eingerichteten Unternehmenskomplex.

XCharge-Gründer Simon Hou präsentierte die Zukunft der Elektromobilität und wie sich Schnellladesäulen für E-Autos derzeit in China flächendeckend durchsetzen.
XCharge-Gründer Simon Hou präsentierte die Zukunft der Elektromobilität und wie sich Schnellladesäulen für E-Autos derzeit in China flächendeckend durchsetzen.
Foto: Simon Hülsbömer

Allzweckwaffe WeChat

Neben den Gesprächsrunden in den Unternehmen fiel den mitreisenden CIOs besonders die Tatsache auf, dass in China weder mit Bargeld noch mit Kreditkarte bezahlt wird, sondern mit WeChat Pay. Jeder noch so kleine Markt oder Getränkeautomat lässt sich über die App ansteuern und hierüber Transaktionen durchführen. "Das komplette digitale Leben der Chinesen spielt sich über WeChat ab - seien es Kommunikation, Shopping, Bezahlvorgänge, Partnervermittlung, Informationsaustausch oder sonstiges", erklärte Oldekop.

Das sei aber auch kein Wunder, WeChat habe sich binnen kürzester Zeit zum "Schweizer Taschenmesser" entwickelt, sei vor allem bequem und unterstütze zudem den politischen Willen nach der Totalüberwachung der Bevölkerung. WeChat beschäftige laut Oldekop 6000 Zensoren, die die komplette Kommunikation mitlesen und filtern würden.

Im "VR Experience Room" beim Startup Noitom erlebten die IT-Executives, wie sich Virtual Reality künftig einsetzen lässt.
Im "VR Experience Room" beim Startup Noitom erlebten die IT-Executives, wie sich Virtual Reality künftig einsetzen lässt.
Foto: Simon Hülsbömer

"In Deutschland würden wir die Wände hochgehen, weil wir aufgrund unserer Geschichte ganz anders gepolt sind - aber die Chinesen kennen es nicht anders und beschäftigen sich mit so Dingen wie DatenschutzDatenschutz und freier Meinungsäußerung überhaupt nicht", erklärte Mirko Wormuth von OmniChannel China, im Rahmen der bereits erwähnten Podiumsdiskussion mit deutschen Unternehmen. Wormuth war lange als Anwalt in China tätig, gründete dann zusammen mit seiner Frau im Fashion-Bereich und ist heute vor allem als Berater und Sprecher im Bereich des Chinageschäfts unterwegs. Alles zu Datenschutz auf CIO.de

China lohnt sich

Was bleibt an wirtschaftlicher Perspektive? Einig waren sich die Gesprächspartner vor Ort darin, dass die nachwachsende, zunehmend im Ausland ausgebildete chinesische Generation YGeneration Y mittelfristig zumindest für eine Annäherung an demokratische Werte führen werde. Erste Schritte in diese Richtung äußerten sich heute bereits insofern, als junge Chinesen im Gegensatz zu früheren Generationen ein Faible für eher westlich inspirierte Kunst und Mode haben, was in Pekings Straßen und Gebäuden auch stark zum Ausdruck kam. Alles zu Generation Y auf CIO.de

Hintergrund dieser Entwicklung sei die gezielte Öffnung Chinas für den Konsum ausländischer Waren - der Plan der Regierung dahinter sei das "Ruhigstellen" von potenziellen Widerständlern gegen das politische System, so Oldekop. Ob dieser Plan langfristig aufgeht, müsse sich aber erst noch zeigen.

Für deutsche Unternehmen aus dem Mittelstand, die noch nicht in China aktiv seien, sei es in jedem Fall sinnvoll, sich zumindest gedanklich mit China zu beschäftigen - der Markt sei dermaßen groß, dass für alle etwas möglich sei. Dazu Bernd Pichler von Iconiq Motors: "Sich mit dem chinesischen Markt zu beschäftigen, muss Chefsache sein. Wer noch nicht hier ist, sollte sich überlegen, herzukommen - trotz aller Widerstände. Es lohnt sich." Abschließend sagte er noch einen Satz, der sich den Teilnehmern ins Gedächtnis brennt: "China ist heute das, was die USA einmal waren - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten."

Jörg Ringmeir, IT-Verantwortlicher bei Hirschvogel Automotive, zog stellvertretend für viele Teilnehmer ein positives Resümee des diesjährigen LEP-Auslandsmoduls - sowohl aus beruflicher als auch aus persönlicher Sicht: "Bei mir hat durch die Woche ein 180-Grad-Sinneswandel stattgefunden. Ich hatte viele Vorbehalte, verstehe nun aber, warum hier manches so ist, wie es ist. Ich sehe China mit komplett anderen Augen. Danke, dass ich dabei sein durfte!"

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