Studie "CIO-Agenda 2021"

Die digitale Kluft wird größer

Prof. Dr. Dries Faems ist Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship, Innovation und Technologische Transformation an der WHU - Otto Beisheim School of Management. Er ist Mitglied des Expertenbeirats von IDG Research Services.



Simon Hülsbömer betreut als Senior Project Manager Research Studienprojekte in der IDG-Marktforschung. Zuvor verantwortete er als Program Manager die Geschäftsentwicklung und die Inhalte des IDG-Weiterbildungsangebots an der Schnittstelle von Business und IT - inhaltlich ist er nach wie vor für das "Leadership Excellence Program" aktiv. Davor war er rund zehn Jahre lang als (leitender) Redakteur für die Computerwoche tätig und betreute alle Themen rund um IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz.
Unternehmen, die sich selbst als Vorreiter der Digitalisierung sehen, gewinnen durch die Corona-Pandemie noch weiter an Fahrt, während der Rest zunehmend abgehängt wird.

Im Jahr 2020 haben Unternehmen umfangreich in digitale Architekturen, Tools und Prozesse investiert, um die enormen Herausforderungen der Covid-19-Krise zu bewältigen. Diese Digitalisierungswelle scheint jedoch nicht zu einer Konvergenz der digitalen Landschaft zu führen. Stattdessen zeigt die aktuelle Studie "CIO-Agenda 2021" von IDG Research Services / CIO-Magazin und WHU - Otto Beisheim School of Management eine zunehmende Divergenz in Bezug auf ihre Bereitschaft, in die digitale Zukunft zu investieren.

Die Ergebnisse der Befragung von 275 (IT-)Entscheidern aus DACH-Unternehmen zeigen, dass diejenigen, die sich selbst als "Digital Leader" sehen, deutlich höhere IT-Investitionen planen als die "Digital Follower" und "Digital Laggards" (digitale Nachzügler). Statt aufzuholen, laufen die aktuellen Digital Follower und Digital Laggards daher Gefahr, im digitalen Wettbewerb hoffnungslos ins Hintertreffen zu geraten.

Wer sich heute sowieso schon als Gewinner und Vorreiter der Digitalisierung sieht, wird durch die Pandemie den "Nicht-Pionieren" in nächster Zeit wohl noch weiter davonziehen.
Wer sich heute sowieso schon als Gewinner und Vorreiter der Digitalisierung sieht, wird durch die Pandemie den "Nicht-Pionieren" in nächster Zeit wohl noch weiter davonziehen.
Foto: Petr Smagin - shutterstock.com

Vorreiter, Mitläufer und Nachzügler

Mehr als ein Fünftel der Befragten (22 Prozent) gibt an, dass ihr Unternehmen als Vorreiter der digitalen Transformation gesehen werden könne. Im Gegensatz zu diesen digitalen Vorreitern bezeichnet etwas mehr als die Hälfte der Befragten (52 Prozent) ihr Unternehmen als digitalen Mitläufer. Diese Unternehmen initiieren keine neuen digitalen Trends, sind aber in der Lage, auf digitale Initiativen von Wettbewerbern adäquat zu reagieren. 26 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Unternehmen Schwierigkeiten habe, auf neue digitale Initiativen von Wettbewerbern zu reagieren, nicht in der Lage sei, eine digitale Antwort zu formulieren, oder die Relevanz der DigitalisierungDigitalisierung für die eigene Branche verneine. Diese letzte Gruppe von Unternehmen wird als digitale Nachzügler bezeichnet. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Wie unterscheiden sich digitale Leader von digitalen Followern und digitalen Nachzüglern? Die Ergebnisse weisen auf drei wichtige Merkmale hin. Erstens: Während die Mehrheit der Digital Leaders (74 Prozent) eine stark ausgeprägte digitale Strategie oder Roadmap hat, ist eine solche klare digitale Vision bei den Digital Followers (37 Prozent) und Digital Laggards (11 Prozent) eher selten. Zweitens sehen wir erhebliche Unterschiede in der Nutzung von Strukturen und Prozessen zur Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle. Beispiele für solche Strukturen und Prozesse sind das Vorhandensein einer eigenen digitalen Innovationseinheit, die Anwendung agiler Entwicklungsprinzipien und die Anwendung von Lean-Startup-Prinzipien.

Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass die Digitalisierung in den Unternehmen schneller voranschreitet. (Die dargestellten Prozentwerte beziehen sich auf die Gesamtheit der Befragten der Studie "CIO-Agenda 2021" und entsprechen nicht den im Text aufgeführten vorgefilterten Werten.)
Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass die Digitalisierung in den Unternehmen schneller voranschreitet. (Die dargestellten Prozentwerte beziehen sich auf die Gesamtheit der Befragten der Studie "CIO-Agenda 2021" und entsprechen nicht den im Text aufgeführten vorgefilterten Werten.)
Foto: IDG Research Services / Daniela Petrini - petrinidesign.at

An Open Innovation scheiden sich die Geister

Die Mehrheit der Digital Leaders (89 Prozent) hebt hervor, dass sie sich weitgehend auf diese Art von Strukturen und Prozessen verlassen. Dagegen nutzt nur eine Minderheit der Digital Followers (32 Prozent) und Digital Laggards (6 Prozent) diese Strukturen und Prozesse intensiv. Während der Mehrheit der Digital Leaders eine Open-Innovation-Strategie für digitale Projekte verfolgt, ist die Zusammenarbeit mit externen Partnern für die Digitalisierung bei den Digital Followers und Laggards deutlich weniger präsent. Während beispielsweise eine Mehrheit der Digital Leaders (69 Prozent) bei digitalen Projekten mit Kunden zusammenarbeitet, findet diese Art der Zusammenarbeit nur bei einer Minderheit der Digital Followers (48 Prozent) und Digital Laggards (40 Prozent) statt.

Ein ähnliches Muster ist bei der Zusammenarbeit mit Wettbewerbern zu beobachten. Während 62 Prozent der Digital Leaders bei digitalen Projekten mit Wettbewerbern zusammenarbeiten, ist diese Art der Zusammenarbeit bei Digital Followers (35 Prozent) und Digital Laggards (30 Prozent) eher unüblich.

Hemmende Faktoren

Wir haben die Befragten auch gebeten, über die wichtigsten Faktoren nachzudenken, die ihre Fähigkeit behindern, ihre digitalen Ziele zu verwirklichen. Fehlende Kompetenzen ist der wichtigste hemmende Faktor. Allerdings bestehen signifikante Unterschiede zwischen den digitalen Leadern, Followern und Nachzüglern: 37 Prozent der digitalen Follower und 53 Prozent der digitalen Nachzügler geben an, dass fehlende Kompetenzen ein wichtiger hemmender Faktor sind. Nur 27 Prozent der digitalen Vorreiter sehen fehlende Kompetenzen als hinderlichen Faktor an.

Ein zweiter wichtiger hemmender Faktor ist die Existenz von technologischen Altlasten (Legacy). Dieses Problem ist in der Gruppe der Digital Follower am deutlichsten ausgeprägt, in der ein Drittel der Befragten die Existenz bestehender technologischer Investitionen als wichtigen hemmenden Faktor hervorheben. Unter den Digital Leadern sind 26, bei den Digital Laggards 28 Prozent.

Das dritte große Hemmnis ist die mangelnde interne Bereitschaft zur Veränderung - besonders stark ausgeprägt bei den digitalen Nachzüglern, von denen 39 Prozent diesen Punkt nennen. Bei den digitalen Followern sind es indes nur 20, bei den digitalen Vorreitern lediglich 16 Prozent.

In Rückstand geraten statt aufholen

Die Covid-19-Krise hat Unternehmen dazu gebracht, die digitale Transformation einzuleiten oder zu beschleunigen. Um eine solche digitale Transformationsstrategie zu realisieren, ist der Aufbau einer soliden IT-Infrastruktur eine notwendige Voraussetzung. Daher sollten wir in den kommenden Jahren einen deutlichen Anstieg der IT-Investitionen erwarten.

Wenn wir jedoch zwischen digitalen Vorreitern, Mitläufern und Nachzüglern unterscheiden, lassen sich einige signifikante Unterschiede ausmachen. So planen 59 Prozent der von uns befragten digitalen Vorreiter, ihr IT-BudgetIT-Budget in den kommenden drei Jahren deutlich zu erhöhen. Die digitalen Mitläufer planen dies indes nur in 17 Prozent, die digitalen Nachzügler in 19 Prozent der Fälle. Mit anderen Worten: Es ist vor allem die Gruppe der aktuellen "Digital Leader", die spürbare Investitionen in ihre IT plant. Alles zu IT-Budget auf CIO.de

Im Jahr 2021 gibt es deutlich mehr IT-Geld fürs Business. (Die dargestellten Prozentwerte beziehen sich auf die Gesamtheit der Befragten der Studie "CIO-Agenda 2021" und entsprechen nicht den im Text aufgeführten vorgefilterten Werten.)
Im Jahr 2021 gibt es deutlich mehr IT-Geld fürs Business. (Die dargestellten Prozentwerte beziehen sich auf die Gesamtheit der Befragten der Studie "CIO-Agenda 2021" und entsprechen nicht den im Text aufgeführten vorgefilterten Werten.)
Foto: IDG Research Services / Daniela Petrini - petrinidesign.at

Fazit / Kommentar

Im vergangenen Jahr wurden die Unternehmen dazu gedrängt, ihre Infrastruktur und ihre Geschäftsmodelle (weiter) zu digitalisieren. Die Covid-19-Krise lässt sich daher als eine Art "Weckruf" beschreiben, der digitale Follower und Nachzügler antreibt, zu den digitalen Vorreitern in ihrer jeweiligen Branche aufzuschließen. Wir könnten somit hoffen, dass die Nicht-Vorreiter motiviert sind, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen, um den Vorreitern in diesem Punkt näherzukommen. Tatsächlich aber sehen wir, dass die digitalen Vorreiter in Bezug auf ihre künftigen IT-Investitionspläne am ehrgeizigsten sind.

Statt einer digitalen Konvergenz könnten wir daher eine zunehmende digitale Ungleichheit zwischen den Unternehmen erleben, bei der der Abstand zwischen den digitalen Leadern und anderen Unternehmen weiter wächst. Dieser besorgniserregende Trend erfordert die Aufmerksamkeit von Managern, Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern gleichermaßen. Wir sollten eine Situation vermeiden, in der eine ausgewählte Gruppe von Digital Leaders die Vorteile der digitalen Transformation voll ausschöpft, während andere in einer Art "digitaler Todeszone" landen.

Hintergrund zur Studie

Die Studie "CIO-Agenda 2021" wurde vom 17. November bis zum 10. Dezember 2020 von IDG Research Services (COMPUTERWOCHE/CIO) in Zusammenarbeit mit der WHU durchgeführt. Es nahmen 276 CIOs, Geschäftsführer, Vorstände, C-Führungskräfte und Abteilungsleiter aus verschiedenen Unternehmensbereichen aller Branchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Online-Befragung teil. Die vollständigen Ergebnisse werden in allen im Jahr 2021 neu erscheinenden Marktstudien von IDG Research Services veröffentlicht.

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