Der Abstieg eines Auto-Perfektionisten

Ex-VW-Chef Winterkorn wird 70

18.05.2017
Erst eine lange Serie von Superlativen, dann der jähe Fall: "Dieselgate" ist auch mit dem Namen Martin Winterkorn verbunden. Viele Fragen bleiben. Ebenso aber der Rückblick auf eine steile Karriere des 70-Jährigen, der den Weltkonzern Volkswagen formte.
Kaum ein Top-Manager ist binnen so kurzer Zeit so tief gestürzt wie der ehemalige Volkswagen-Chef Martin Winterkorn.
Kaum ein Top-Manager ist binnen so kurzer Zeit so tief gestürzt wie der ehemalige Volkswagen-Chef Martin Winterkorn.
Foto: VW Group

Vor zwei Jahren sonnte sich Martin Winterkorn noch in den Erfolgen einer Rekordjagd, die kein Ende zu nehmen schien. Doch schon wenige Wochen nach seinem Rücktritt wegen der Abgas-Affäre im September 2015 war für "Mr. VolkswagenVolkswagen" nichts mehr wie vorher. Und auch zum 70. Geburtstag am Mittwoch (24. Mai) dürfte dem Ex-VW-Chef nicht unbedingt nur nach Feiern zumute sein. Top-500-Firmenprofil für Volkswagen AG

"Wie konnte so etwas passieren?", haderte Winterkorn im Januar halb trotzig, halb demütig im Diesel-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Es war ein Spießrutenlauf: Abgeordnete löcherten ihn mit Fragen zum Ursprung des millionenfachen Stickoxid-Betrugs. Winterkorn beteuerte, vor dem Bekanntwerden des Skandals nichts von illegalem Tun gewusst zu haben. Am Ende musste er seine fast neunjährige Amtszeit an der Spitze des größten deutschen Industriekonzerns rechtfertigen: Er habe zu akzeptieren, dass sein "Name verbunden ist mit der sogenannten Diesel-Affäre".

Das Ende der Ära "Wiko"

Der Schatten, der infolge zwischenzeitlicher Milliardenverluste, immenser Strafgelder und Risiken für den Ruf der gesamten Autobranche nun auf der Ära Winterkorn liegt, ist nicht wegzudiskutieren. Dass es zu solch einem Erdrutsch kommen würde, hätten sich selbst VW-Kritiker vor eineinhalb Jahren nicht vorstellen können. Aus dem Konzern heißt es, die Leistungen des einstigen Chefs dürften jedoch nicht vergessen werden: Unter ihm seien beispielsweise mehr als 140000 neue Jobs entstanden, Umsatz und Ergebnis hätten sich verdoppelt.

"Wiko" - wie er intern vom Bandarbeiter bis zum Vorstandskollegen locker-ehrfürchtig genannt wurde - war ein gefeierter Star in der deutschen Wirtschaftselite und lange der mit Abstand am besten verdienende Manager aller Dax-Konzerne. Jahresgehälter von bis zu 17 Millionen Euro und eine Rente von üppigen 3100 Euro pro Tag entfachten die Debatte um raffgierige Führungskräfte neu.

Die Belegschaft ließ allerdings meist nichts auf ihren Chef kommen. Winterkorn pflegte einen engen Draht zum Betriebsrat und ungeachtet des Zitterns vieler Ingenieure und Designer vor seinem Urteil war er insgesamt hoch anerkannt. Das hatte auch mit Begeisterung für "sein" Unternehmen VW zu tun. Der Workaholic stand um 5.00 Uhr auf, dann erst jede Menge Briefings, nach zig Besprechungen grünes Licht für ein neues Modell, mittags zum Test nach Schweden, abends ins Flugzeug zum nächsten US- oder China-Termin - so sahen Arbeitstage oft aus.

Wer wollte es ihm da missgönnen, nach stressigen Messeauftritten Zigarre schmauchend zu entspannen oder viel Geld anzuhäufen? Jahr für Jahr sorgten er und sein Team schließlich auch für Gewinne bei VW. Bis die Maschine heiß lief. Und im Nachhinein der Eindruck entstand, jene Sucht nach Wachstum könnte mit ein Grund dafür gewesen sein, dass man die US-Dieseloffensive nur mit Lug und Trug umsetzen konnte.

Volkswagen-Netzwerk von Tricksern und Täuschern

Auch die Kehrseite einer Befehl-und-Gehorsam-Mentalität wurde unter dem Brennglas von "Dieselgate" deutlicher. Winterkorns Nachfolger Matthias Müller predigt mehr Transparenz, weniger Zentralismus und eine offene Kritikkultur: Niemand müsse vor dem Chef kuschen. Der Vorgänger entgegnet, es habe "kein Schreckensregime" bei ihm gegeben.