Fraunhofer bietet Warehouse-Datenbank

Suchhilfe für WMS

31.07.2007
Von Andreas Schmitz
Mehr als 120 verschiedene Warehouse-Management-Systeme (WMS) machen es Unternehmen schwer, die geeignete Software für ihre Warenbestände zu finden. Eine Datenbank von Fraunhofer erleichtert CIOs nun die Suche. Der Zentrallogistik von Langenscheidt half dies bei der Auswahl.
Michael Hofmann, Prokurist, Thüringer Verlagsauslieferung Langenscheidt: "Wir machen 30 Prozent unseres Geschäfts auf dem Drittmarkt, da muss man flexibel sein und Anpassungen mit geringen Kosten bewerkstelligen."
Michael Hofmann, Prokurist, Thüringer Verlagsauslieferung Langenscheidt: "Wir machen 30 Prozent unseres Geschäfts auf dem Drittmarkt, da muss man flexibel sein und Anpassungen mit geringen Kosten bewerkstelligen."

Mehr als zehn Jahre machte sich der Prokurist der Thüringer Verlagsauslieferung TVA Langenscheidt Michael Hofmann keine Gedanken um seine Systeme für die Lagerverwaltung. Doch plötzlich kam die Wartung der Systeme ins Stocken. Der Münchener Schulbuchverlag hatte eine Datenbank im Einsatz, die zwischendurch von OracleOracle gekauft wurde, eine Hardware von Digital Equipment, einer Firma, die es nicht mehr gibt, und eine Logistiksoftware in Gotha, die mit Fortran programmiert war. Im automatischen Logistiklager war die Software Helas 1 der Firma Heyde im Einsatz, die nach ihrem Konkurs unter Inconso firmiert und die dritte Version von Helas vertreibt. Alles zu Oracle auf CIO.de

"Eine Renovierung des Systems war überfällig", sagt Hofmann und ergänzt: "Die Software-Architektur für Helas 3 ist eine andere als damals." Doch die Selektion eines neuen Systems war nicht einfach. Mehr als 120 Anbieter von Warehouse-Management-Systemen (WMS) gibt es allein auf dem deutschen Markt. "Es sprach sich in der Branche schnell herum, dass wir eine neue Software suchten", erläutert Hofmann, "entsprechend kamen immer wieder irgendwelche Firmen auf uns zu und boten ihre Software an."

Harte Selektion der Anbieter

Das Problem: Niemand konnte so recht einschätzen, welche Software geeignet war. Klar war, dass sie objektorientiert sein sollte, plattformunabhängig, anpassungsfähig und flexibel - Attribute, die jedoch viel zu viele Anbieter ihren Systemen zuschrieben. Zu Hilfe kam Hofmann die Datensammlung sämtlicher Systeme vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML): "Wir haben zusammen mit Fraunhofer ein Lastenheft geschrieben." Darin stand schwarz auf weiß, welche Anforderungen die TVA-Langenscheidt KG an ein neues und modernes WMS stellte.

Nach der Suche in der Datenbank reduzierte sich die Auswahl der Anbieter auf sechs. Die Anbieter SAPSAP und Manhatten fielen für die TVA gleich raus - "zu teuer und unflexibel". "Zudem müssen wir das können, was große Logistiker mit SAP nicht können", so Hofmann, der die Fraunhofer-Auswahl durch die zwei im Haus bekannten Anbieter ergänzte - Exorpro und S+P. Schließlich fiel die Entscheidung des Warehouse-Management-Systems für das Produkt Calvin von Exorpro. Alles zu SAP auf CIO.de

"Der Markt ist zwar ein Stück weit konsolidiert, aber immer noch sehr undurchsichtig für Anwender", sagt Oliver Wolf. "Deshalb füllen wir seit sieben Jahren eine Datenbank mit den nötigen Angaben der Anbieter und können so je nach Anforderung des einzelnen Unternehmens eine Selektion treffen."

Warehouse Management: Der Markt wächst.
Warehouse Management: Der Markt wächst.

Die Marktverteilung ist ziemlich paritätisch. Die Anbieter, die im Mittel etwa 25 Mitarbeiter haben und vor Ort ihre Software installieren, teilen den Markt quasi zu gleichen Teilen unter sich auf. Wolf, der 1999 mit dem Aufbau der WMS-Datenbank begann, unterscheidet drei verschiedene Anbietergruppen auf dem Markt:

  • "Pure" WMS-Anbieter wie S&P, Prologistic und W3 Logistik: Sie bieten ausschließlich WMS und lagerrelevante Software wie Staplerleitsysteme und Kommissioniersysteme an. Die softwaretechnisch-funktionale Unterstützung komplexer Abläufe für manuelle und hochautomatische Lager ist das Kerngeschäft.

  • Suite-Anbieter wie SAP, GUS, Oracle und Aldata: Das WMS ist Teil einer Software-Suite, die aus Modulen wie Finanzbuchhaltung, Controlling und Einkauf besteht. Der Anbieter kommt meist aus der Betriebswirtschaft und hat erst spät zur Vervollständigung die Lagerverwaltung ins Angebotsprogramm mit aufgenommen. Kerngeschäft sind manuelle oder teilautomatische Lager mit eher einfacheren Abläufen. Die Entwicklung zugehöriger WMS-Module wird intensiviert.

  • Lagertechnikanbieter wie Dematik, PSB, Kasto und Ecolog: Sie sind ursprünglich im Metallbau zu Hause. Wegen der Automatisierung der Lager gab es immer mehr Bezugspunkte zur Elektronik. Hieraus entwickelten sich die Lagerverwaltungssysteme (LVS). Der Funktionsumfang der Software ist im Vergleich geringer. Ein Fokus der Entwicklung wurde auf Strategien zur Steuerung und Optimierung der Lagertechnik gelegt. Kerngeschäft sind hochautomatisierte Lager mit komplexen Abläufen, wobei der Verkauf der Lagertechnik Vorrang vor dem Verkauf des LVS hat.

Haben Anwender erst einmal eine Schneise ins Dickicht der Angebote geschlagen, können sich Unternehmen auf das eigentliche Angebot konzentrieren. Zwischen 50.000 und 300.000 Euro kalkulieren sie durchschnittlich für die Umstellung ihres WMS-Systems, die in der Regel in drei bis neun Monaten über die Bühne gebracht wird. "Zwischen 2001 und 2002", registrierte Wolf, "wurden neue Systeme herausgebracht, die die erste Generation nach und nach ergänzten und ablösten." Sie zeichnen sich dadurch aus, Java-basiert, betriebssystemunabhängig und offen zu sein, Web-Services zu unterstützen und manchmal auch SOA-fähig zu sein.

Acht Tipps fürs Warehouse Management.
Acht Tipps fürs Warehouse Management.

Auch für den TVA-Langenscheidt-Mann Hofmann hat die Flexibilität einen hohen Stellenwert: "Wir machen 30 Prozent unseres Geschäfts auf dem Drittmarkt", berichtet er, "da muss man flexibel sein und Anpassungen mit geringen Kosten bewerkstelligen können." So betreiben die Langenscheidter Logistiker inzwischen verschiedene Online-Shops wie bewerbungsshop24.de, webkauf.de und wissenswert24.de, wofür Hofmann das gesamte Fulfillment von der Fakturierung bis zur Abwicklung macht.

Mit über 500.000 Euro kalkuliert der Prokurist relativ hohe Anschaffungskosten für das neue WMS. Dafür bekommt er ein flexibles Client-Server-System: "Die nächsten fünf Jahre kommen noch mal die gleichen Kosten auf uns zu", so Hofmann, der davon ausgeht, dass zu den Kosten für das Standardgerüst noch mal so hohe Kosten für individuelle Anpassungen hinzukommen.

Deshalb spricht Fraunhofer-Mann Wolf beim meistnachgefragten System vom individuellen Standard-WMS. Das soll individuelle Geschäftsprozesse funktional abdecken, ohne gleichzeitig eine kostenintensive Individuallösung zu sein. "Diesem Anspruch tragen die Anbieter Rechnung, indem sie Systeme entwickeln, die einen modularen Aufbau besitzen, sich vom Kunden parametrisieren lassen und definierte Programmroutinen vorweisen, die individuell programmierte Funktionen in das System integrieren", erläutert Wolf.

Noch ist TVA Langenscheidt mit der Umstellung auf das innovative System nicht fertig. Derzeit erstellt Hofmann gemeinsam mit Fraunhofer ein Pflichtenheft.

Dessen erstes Kapitel ist bereits freigegeben. Damit wird die Software Calvin nun bereits als Modul im Wareneingang eingesetzt. "Bis Herbst" will Hofmann den Kern des bisherigen Systems abgelöst haben - und somit auch für das Weihnachtsgeschäft gerüstet sein. Zwar wird die Umstellung ein "Big Bang", also eine Ablösung der Systeme von einer auf die andere Sekunde. Doch hält Prokurist Hofmann den Startschuss dennoch für einen "smarten Übergang". Der Grund: Schon heute laufen Massenbelastungstests an Wochenenden und Schulungen für die Mitarbeiter - unliebsame Überraschungen mit der neuen Software will Hofmann so vermeiden.

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