CIO-Studie "CIO-Agenda 2020"

Unternehmen spielen Catenaccio

Prof. Dr. Dries Faems ist Inhaber des Lehrstuhls für Entrepreneurship, Innovation und Technologische Transformation an der WHU - Otto Beisheim School of Management.



Simon Hülsbömer betreut als Senior Project Manager Research Studienprojekte in der IDG-Marktforschung. Zuvor verantwortete er als Program Manager die Geschäftsentwicklung und die Inhalte des IDG-Weiterbildungsangebots an der Schnittstelle von Business und IT - inhaltlich ist er nach wie vor für das "Leadership Excellence Program" aktiv. Davor war er rund zehn Jahre lang als (leitender) Redakteur für die Computerwoche tätig und betreute alle Themen rund um IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz.
Digitalisierung in Deutschland: Die Mehrheit der Unternehmen verfolgt eine "Catenaccio-Strategie", die rein auf Effizienzsteigerung und Gefahrenabwehr ausgerichtet ist.
Das eigene "Tor" zu verteidigen, ist häufig oberster Vorsatz für deutsche Unternehmen.
Das eigene "Tor" zu verteidigen, ist häufig oberster Vorsatz für deutsche Unternehmen.
Foto: Eugene Onischenko - shutterstock.com

Bis in die 1970er Jahre wandten vor allem italienische Fußballteams den Catenaccio als taktisches System an, das den Schwerpunkt auf die Verteidigung legte, weltweit aber der Benchmark für das erfolgreiche Spiel war. Bis heute ist "Catenaccio" als Synonym im Fußball gebräuchlich - allerdings eher negativ besetzt - für eine destruktive Spielweise, die nur auf Verteidigung und knappe 1:0-Siege ausgelegt ist.

Die aktuelle Studie "CIO-Agenda 2020" von CIO, WHU - Otto Beisheim School of Management und BechtleBechtle zeigt, dass der Catenaccio auch heute noch praktisch angewandt wird - in der Wirtschaft. Die Mehrheit der deutschen Unternehmen verfolgt nämlich eine Catenaccio-Strategie, die vor allem auf Effizienzsteigerung und Abwehr der Schattenseiten der DigitalisierungDigitalisierung ausgerichtet ist. Für diese Unternehmen ist es eine Kernherausforderung, die notwendigen Kompetenzen zu finden, einen "digitalen Catenaccio" umzusetzen. Obwohl solch eine defensive Strategie sicherlich helfen kann, bestehende Produktionsprozesse und Angebote zu verbessern, ist es ebenso wichtig, digitale Innovationen zu entwickeln, um das langfristige Überleben und den Erfolg zu sichern. Top-500-Firmenprofil für Bechtle Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Investitionen in die Verteidigung

Digitale Technologien verändern das Geschäftsleben grundlegend. Die Befragten der "CIO-Agenda 2020" sind sich einig, dass sich alle Geschäftsfunktionen durch die Digitalisierung in den kommenden drei Jahren verändern werden. So erwarten 82 Prozent der Befragten beispielsweise Veränderungen in der Personalfunktion, ähnliche Zahlen werden für Funktionen wie Vertrieb, Produktion, Finanzen und Forschung vermutet. Die Unternehmen sind sich auch bewusst, dass diese Veränderungen zusätzliche Investitionen in digitale Technologien erfordern werden. 66 Prozent der Befragten erwarten, dass das IT-BudgetIT-Budget in den nächsten drei Jahren weiter steigen wird. 27 Prozent gehen davon aus, dass das Budget relativ stabil bleibt, während nur 7 Prozent mit einem Rückgang des IT-Budgets rechnen. Alles zu IT-Budget auf CIO.de

Im Catenaccio-Fußball konzentrieren sich die Teams vor allem auf den Aufbau einer gut organisierten und effektiven Backline-Verteidigung, die darauf ausgerichtet ist, gegnerische Angriffe auszuschalten und Torchancen zu verhindern. In ähnlicher Weise widmen deutsche Unternehmen dem Aufbau einer starken Abwehr gegen die Schattenseiten der Digitalisierung große Aufmerksamkeit. Auf die Frage nach den wichtigsten IT-Themen für ihr Unternehmen, nennen die Befragten DatenschutzDatenschutz und Datensicherheit als die wichtigsten Themen. Bei der Frage nach den wichtigsten Digitalisierungszielen heben die Befragten zudem hervor, wie wichtig es ist, die bestehenden Produktions- und Lieferprozesse weiter zu verbessern und die Erfahrung der bestehenden Kunden zu verbessern. Mit anderen Worten: Die Unternehmen wollen mit ihren digitalen Investitionen vor allem das verteidigen und verbessern, was sie bereits haben. Alles zu Datenschutz auf CIO.de

Die "CIO Agenda 2020" zeigt: Investiert wird vor allem in Security, Daten, Cloud und Prozesse.
Die "CIO Agenda 2020" zeigt: Investiert wird vor allem in Security, Daten, Cloud und Prozesse.
Foto: IDG Research Services / Daniela Petrini

Dieser Fokus auf die Verteidigung stimmt auch mit dem Selbstverständnis der meisten deutschen Unternehmen überein. 46 Prozent der Befragten kategorisieren sich als "erfolgreiche Digital Follower" - das heißt, sie sind in der Lage, sich auf neue digitale Initiativen, die von anderen gestartet werden, einzustellen. Nur 17 Prozent sehen sich selbst als "digitale Vorreiter", was bedeutet, dass sie selbst digitale Veränderungen initiieren. 25 Prozent der Befragten bezeichnen sich als "erfolglose Digital Follower", die restlichen 12 Prozent sehen sich als "digitale Nachzügler".

Fehlende digitale Kompetenzen als zentraler Hemmschuh

Eine erfolgreiche Catenaccio-Fußballmannschaft lebt von Spielern, die Erfahrung und Kompetenzen mitbringen, diese Strategie umsetzen zu können. In ähnlicher Weise erfordert der Aufbau einer sicheren und effizienten digitalen Architektur nicht nur finanzielle Investitionen, sondern auch qualifizierte und erfahrene Mitarbeiter. Die Frage nach den Kernfaktoren, die Unternehmen bei der Realisierung ihrer digitalen Ambitionen behindern, wird von 38 Prozent der Befragten mit dem Mangel an Kompetenzen und Fähigkeiten beantwortet. Die Altlasten vergangener technologischer Investitionen (31 Prozent) und die mangelnde Veränderungsbereitschaft innerhalb der Organisation (29 Prozent) werden als weitere Hemmschuhe benannt, die die Fähigkeit der Unternehmen zur digitalen Transformation behindern.

Besonders das fehlende interne Know-how behindert in vielen Unternehmen den Transformationsprozess, aber auch Legacy-Systeme, die weiterhin Geld verschlingen. Dabei möchten die Unternehmen vor allem ihren (Kosten-)Effizienz verbessern und digitale Geschäftsmodelle entwickeln.
Besonders das fehlende interne Know-how behindert in vielen Unternehmen den Transformationsprozess, aber auch Legacy-Systeme, die weiterhin Geld verschlingen. Dabei möchten die Unternehmen vor allem ihren (Kosten-)Effizienz verbessern und digitale Geschäftsmodelle entwickeln.
Foto: IDG Research Services / Daniela Petrini

Persönlicher Kommentar von Prof. Faems

Die Ergebnisse der Studie "CIO-Agenda 2020" zeigen, dass die Mehrheit der Unternehmen erkannt hat, dass eine bessere Wettbewerbsposition im Markt nur über Investitionen in digitale Technologien möglich ist. Ich bewerte die Aufmerksamkeit für Themen wie Datenschutz und Datensicherheit ebenso positiv: Ich denke, wir sind an einem Wendepunkt angelangt, an dem Unternehmen es sich nicht mehr leisten können, naiv mit Themen wie Lösegeld, Cyber-Spionage und Datenschutz umzugehen. Die Tatsache, dass Entscheider diesen Themen Priorität einräumen, ist eine positive und wichtige Entwicklung.

Gleichzeitig würde ich mir aber wünschen, dass man sich nicht nur auf einen rein defensiven Ansatz beschränkt: Es genügt nicht, nur in digitale Technologien zu investieren, um bestehende Werte zu erhalten. Das wird den Unternehmen das langfristige Überleben nicht sichern. Wir stellen schon heute in verschiedenen Branchen Disruptionen durch digitale Technologien und alternative Geschäftsmodelle fest. In einem solchen Umfeld ist eine rein defensive Strategie wahrscheinlich nicht ausreichend.

Es braucht einen proaktiveren Ansatz, bei dem Unternehmen neue technologische Möglichkeiten erforschen. Die gute Nachricht ist, dass sie sich im Gegensatz zum Fußball nicht nur auf ihre eigene Mannschaft verlassen müssen, um offensiver zu werden. Es ist möglich, mit externen Akteuren wie Startups zusammenzuarbeiten, um neben einer starken Verteidigung gegen digitale Bedrohungen eine ebenso offensivstarke Mannschaft zu entwickeln. Auf diese Weise lässt sich eine erfolgreiche Catenaccio-Strategie mit offensiveren Ansätzen kombinieren, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Hintergrund zur Studie

Die Studie "CIO-Agenda 2020" wurde vom 14. November bis zum 18. Dezember 2019 von IDG Research Services (COMPUTERWOCHE/CIO) in Zusammenarbeit mit der WHU und der Bechtle AG durchgeführt. Es nahmen 265 CIOs, Geschäftsführer, Vorstände, C-Führungskräfte und Abteilungsleiter aus verschiedenen Unternehmensbereichen aller Branchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Online-Befragung teil.

Zur Startseite