Work Life Blending

Wo hört Arbeit auf, wo fängt Leben an?

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Berufs- und Privatleben verschmelzen für Führungskräfte und Mitarbeiter zunehmend. Im Job private Nachrichten beantworten, zuhause die Präsentation fertig machen ist oft Usus. Die Chefs von kursfinder.de bemühen sich um die richtige Balance zwischen Job und Privatleben und haben unterschiedliche Antworten gefunden.

In Stellenanzeigen auf geregelte Arbeitszeiten hinzuweisen, erscheint auf den ersten Blick nicht sehr zeitgemäß. Für die Weiterbildungssuchmaschine kursfinder.de sind geregelte Arbeitszeiten die Basis für eine ausgewogene Balance zwischen Job und Privatleben.

Ingmar Bertram und Berit Moßbrugger, Chefs von kursfinder.de, gehen unterschiedlich mit dem Thema Work-Life-Blending beziehungsweise Work-Life-Balance um.
Ingmar Bertram und Berit Moßbrugger, Chefs von kursfinder.de, gehen unterschiedlich mit dem Thema Work-Life-Blending beziehungsweise Work-Life-Balance um.
Foto: kursfinder.de

Schweden machen kaum Überstunden

"Man ist nur kreativ und hat die Energie für Herausforderungen im Job, wenn es eine Balance gibt", ist kursfinder-Chefin Berit Moßbrugger überzeugt. Die Arbeitskultur sei stark vom schwedischen Mutterunternehmen EMG geprägt. Wer dort Überstunden macht, hat aus Sicht der Skandinavier ein Problem mit seinem Zeitmanagement.

"Während in vielen deutschen Unternehmen noch immer Anwesenheitswettbewerbe stattfinden, dafür aber gerne mal zwei Stunden am Nachmittag unproduktiv gesurft oder in der Kaffee-Ecke getratscht wird, ist der Schwede oft schon peinlich genau um 8 Uhr an seinem Schreibtisch und verlässt ihn um Punkt 17 Uhr wieder. Aber seine Arbeitszeit ist produktiv", berichtet die Geschäftsführerin.

Balance trotz Work-Life-Blending

Eine Mentalität, die auf Vertrauen basiert. Vertrauen, dass jeder Kollege seine Arbeit gerne und aus freien Stücken macht. Alles andere macht für Berit Moßbrugger keinen Sinn: "Ein Kollege, der seine Ressourcen ausbeutet, wird irgendwann verbissen und ausbrennen - das schadet am Ende dem Ergebnis, niemandem ist damit geholfen."

Ein gesundes Maß an Balance ist der 36-Jährigen auch in ihrer Führungsposition wichtig. Sie sieht in Work-Life-Blending nur eine Sub-Form von Work-Life-Balance. "In Führungsrollen ist ein situatives Springen wichtig. Ich kann nicht alles zeitlich planen und takten", hat sie sich ein sinnvolles Orientieren an Prioritäten und vorhandenen Ressourcen angewöhnt.

Eine Flexibilität, die Berit Moßbrugger auch außerhalb ihrer Arbeitszeit begleitet. "Ich bin übers Wochenende privat in Berlin? Natürlich treffe ich einen wichtigen Kunden, wenn es sich einrichten lässt. Die Wochenplanung?! Die geht an einem regnerischen Sonntagnachmittag ziemlich leicht von der Hand. Das Gespräch mit dem Steuerberater für eine knifflige private Steuererklärung am Abend machen? Puh, da werde ich mich nicht mehr gut konzentrieren können, das klappt am Nachmittag viel besser", nennt sie Beispiele aus ihrem Alltag.

Work-Life-Balance geht nur, wenn man das Handy abschaltet

Bei ihrem Kollegen Ingmar Bertram sieht es anders aus. Die ständige Erreichbarkeit - egal ob nach Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub - hat dem Chefredakteur zu schaffen gemacht. Abschalten war für ihn kaum noch möglich.

"Viele meiner Aufgaben sind sehr technisch und erfordern Detailarbeit, in der man sich leicht verlieren kann. Ich hörte teilweise nicht mehr auf zu arbeiten. Hier noch ein bisschen, da noch was vorm Schlafengehen", erinnert er sich. Nach wie vor nimmt Bertram Arbeit mit nach Hause. Aufgaben, die komplex sind und hohe Konzentration verlangen, die bei ständigen Meetings, Anrufen oder persönlichen Ansprachen im Büro oft nicht aufrecht zu erhalten ist. Aber für solche Aufgaben plant er sich feste Blöcke zu Hause ein. Danach ist Schluss.

Die permanente Erreichbarkeit, die mit Work-Life-Blending einhergeht, hat er für sich abgestellt: Zwischen 20 und 7 Uhr sendet ihm sein Smartphone keine Benachrichtigungen. Nachts ist es ausgeschaltet. Sein Schlafzimmer hat er zur elektronikfreien Zone erklärt. "Auch die Wochenenden halte ich mir mittlerweile komplett arbeitsfrei und während meines Urlaubs bin ich immer für einen gewissen Zeitraum für die Arbeit überhaupt nicht erreichbar", berichtet Ingmar Bertram.

Gegenseitige Akzeptanz der Nicht-Erreichbarkeit

Was für den Mittdreißiger früher undenkbar war, funktioniert heute ganz gut. Er ist bereit, für das Unternehmen 100 Prozent und mehr zu geben, sofern das Privatleben nicht auf der Strecke bleibt und ein Abschalten möglich ist.

Ingmar Bertram, kursfinder.de: "Wichtig ist, dass man die Nicht-Erreichbarkeit des anderen immer akzeptiert."
Ingmar Bertram, kursfinder.de: "Wichtig ist, dass man die Nicht-Erreichbarkeit des anderen immer akzeptiert."
Foto: kursfinder.de

"Zwischen Berit und mir gibt es ein gemeinsames Verständnis, dass wir die Nicht-Erreichbarkeit des anderen unter allen Umständen akzeptieren. Über die Jahre habe ich allmählich begriffen, dass die Welt nicht untergeht, auch wenn der andere mal ein paar Tage auf eine Antwort warten muss", weiß Ingmar Bertram inzwischen.

Mogelpackung Work-Life-Blending?

Wo hört Arbeit auf, wo fängt Freizeit an? Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Die Dosis macht das Gift. Job und Freizeit müssen nicht komplett voneinander gekoppelt werden, solange Work-Life-Blending nicht zu einer Mogelpackung für den Arbeitnehmer wird:

Etwa dann, wenn flexibles ortsunabhängiges Arbeiten angeboten wird, um räumliche Kapazitäten einzusparen und die Kosten zu senken. Wenn zeitunabhängiges Arbeiten proklamiert wird, um arbeitszeitliche Regelungen und Arbeitnehmerrechte auszuhebeln. Wenn Cloud-Systeme betrieben werden, um auf kurz oder lang Dienstleister leichter einzubinden und Stellen zu kürzen. Oder wenn das Wort Vertrauensarbeitszeit letztendlich mit Selbstausbeutung gleichzusetzen ist.

Der Job hört da auf und die Freizeit fängt dann an, wenn es letztendlich jedem selbst überlassen ist, ob er produktiver arbeitet, wenn er klare Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben zieht, oder entspannter arbeitet, wenn die Bereiche zu einem gesunden Maß miteinander verschmelzen.

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