CIOs müssen sich gedulden

Recruiting in Zeiten von Corona

Schreibt und bearbeitet Führungs- und Karrierethemen - in der Digitalredaktion von CIO-Magazin, COMPUTERWOCHE, ChannelPartner und Tecchannel. Ihre Schwerpunkte sind CIOs, IT-Arbeitsmarkt, Recruiting, Freiberufler, Aus- und Weiterbildung, IT-Gehälter, Work-Life-Balance, Employer Branding, Führung und und und.  Wenn sie nicht gerade Projekte wie den "CIO des Jahres" betreut. Hofft auf mehr Frauen in der IT.
Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
Die IT-Branche stellt auch in diesen turbulenten Zeiten weiter Mitarbeiter ein, wenn auch mit angezogener Handbremse. Insbesondere Führungskräfte und CIOs müssen sich gedulden. Wir haben bei Bewerbern und Personalexperten ein Stimmungsbild eingeholt.

Mona Rubab war aufgeregt vor dem virtuellen Jobinterview mit ihrem potenziellen Arbeitgeber. Gut, dass sie nach wenigen Minuten merkte, alles läuft professionell und angenehm ab. Für Doubleslash galten Vorstellungsgespräche per Skype vor Corona noch als Test, wie gut sich Bewerber in die digitalen Gepflogenheiten des Friedrichshafener IT-Dienstleisters einfinden - oder als Alternative, wenn der Wohnort der Bewerber weiter entfernt lag, oder man so schneller einen gemeinsamen Termin fand.

Bei doubleSlash haben die neuen Mitarbeiter im April zunächst im Home Office begonnen.
Bei doubleSlash haben die neuen Mitarbeiter im April zunächst im Home Office begonnen.
Foto: doubleSlash Net-Business

Seit der Kontaktsperre infolge der Coronakrise werden alle Bewerber nicht nur per Skype interviewt, sondern neue Kollegen auch ohne direkten physischen Kontakt eingearbeitet. Mona Rubab arbeitet als Junior Softwareentwicklerin seit 1. April für die Münchner Niederlassung von Doubleslash, aber von zuhause aus - von ihren Kollegen via Skype und am Telefon an­geleitet. Am ersten Tag erhielt sie von der Personalleitung Informationen zum Unternehmen, über Abläufe und interne Tools.

Natürlich sei das etwas ungewohnt, die neue Arbeitsumgebung nur virtuell kennenzulernen, räumt Rubab ein: "Aber die Einweisungen in meine Arbeit sind klar und sehr konstruktiv. Abgesehen davon ist remote Arbeiten in der IT ja üblich. Insgesamt finde ich das sehr unkompliziert und stelle bis auf die physische Nähe keinerlei Defizite fest." (Herbert Grab)

Die Personalchefin

Vor Corona begrüßte Personalchefin Kristina Gerwert alle neuen Adesso-Mitarbeiter in der Dortmunder Geschäftsstelle persönlich zu den zweitägigen Welcome Days. Nun ist daraus eine Live-Videokonferenz geworden. Den Einsteigern "senden wir vorab ihr Equipment und Infomaterial nach Hause, sodass sie sich mit ihrem Adesso-Laptop zur Videokon­ferenz einwählen können. Unsere Referenten sprechen von Dortmund aus live zu den Teilnehmenden", berichtet Gerwert. Die Premiere am 1. April habe als Skype-Meeting gut geklappt, nur anfangs habe es kleinere Probleme beim Einwählen der Teilnehmer, die verteilt in ganz Deutschland saßen, gegeben.

Auch für Vorstellungsgespräche setzt Adesso nun auf Videokonferenzen. "Bei Softwareentwicklern und Fachexperten geht das einfach, da man hier auch über diese Kanäle fachsimpeln kann", sagt Gaby Ostermann, Leiterin RecruitingRecruiting. Bei der rein virtuellen Personalauswahl sei jedoch viel Vertrauensvorschuss nötig. Nicht jede Position erlaube dieses Vorgehen, so halte man sich bei Führungspositionen noch ­zurück. (Alexandra Mesmer) Alles zu Recruiting auf CIO.de

"Herzlich willkommen" per Videokonferenz. Jens Spitczok von Brisinski referierte am 1. April in der Dortmunder Zentrale von Adesso, neue Mitarbeiter in ganz Deutschland hörten an ihren Bildschirmen zuhause zu.
"Herzlich willkommen" per Videokonferenz. Jens Spitczok von Brisinski referierte am 1. April in der Dortmunder Zentrale von Adesso, neue Mitarbeiter in ganz Deutschland hörten an ihren Bildschirmen zuhause zu.
Foto: adesso SE

Der Anbieter einer Recruiting-Plattform

Auf der Recruiting-Plattform Honeypot sind weltweit 150.000 Software-Entwickler registriert, die Hälfte davon in Deutschland. Für Jost Schatzmann, Vice President Marketplace bei Honeypot, ist Covid-19 "wie ein Crashkurs für die DigitalisierungDigitalisierung. Firmen erfahren, wie wichtig es ist, ihr Geschäft ins Internet und ihre Daten in die Cloud zu verlagern. Dafür brauchen sie IT-Talente." Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Er beobachtet, dass die Nachfrage nach IT-Talenten ungebremst stark ist. ­Unternehmen aus der Medizintechnik, dem Fintech-Bereich sowie SaaS-Anbieter suchten derzeit intensiv. Gefragt seien Web-Entwickler, die Java, PHP, Ruby oder Java Script beherrschen. Die angebotenen Gehälter lägen weiter auf hohem Niveau: "Im Durchschnitt fielen die Offerten im März 2020 sogar etwas höher aus als noch im Februar, bevor die Coronakrise durchschlug. Der IT-Arbeitsmarkt bleibt attraktiv, weil die Nachfrage nach IT-Talenten strukturell und nicht konjunkturell bedingt ist." (Karen Funk)

Die Headhunter

Norbert Graschi und Horst NellerHorst Neller sind Managing Partner bei der Personalberatung Signium, die auf Executive Search spezialisiert ist. Zu normalen Zeiten suchen sie Topmanager für Unternehmen. Doch seit viele Betriebe mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen haben sowie Kurzarbeit oder Personalabbau umsetzen müssen, werden Suchaufträge vielfach verschoben oder sogar gestoppt. Profil von Horst Neller im CIO-Netzwerk

"Selbst Branchen wie die Lebensmittelindustrie, die von der Krise nicht so stark betroffen sind, halten sich mit Neueinstellungen gerade sehr zurück", sagt Norbert Graschi. Bei IT-Dienstleistern verspürt sein Kollege Horst Neller indes "eine verstärkte Nachfrage nach Führungskräften, die Krisen erfolgreich meistern können." Auch die Distributionslogistik, also Firmen, die das durch die Krise beschleunigte Wachstum im E-Commerce technisch und logistisch stemmen können, stellt Neller zufolge eine Ausnahme dar: "Hier werden Führungskräfte gesucht, die unter hohem Nachfragedruck Wachstum gestalten können."

Die IT-Abteilungen in Unternehmen haben laut Graschi aktuell "alle Hände voll zu tun, da sie maßgeblich für die IT-Infrastruktur verantwortlich sind, die für Remote-Arbeiten gebraucht wird." Dennoch geht der Personalberater davon aus, dass man im Moment eher auf den vorhandenen Personalbestand und damit auf Stabilität setzt. "CIOs werden derzeit nur zwingend notwendige Nachbesetzungen forcieren." Wechselwillige CIOs, aber auch alle anderen Bewerber bräuchten momentan vor allem Geduld.

Sind konkrete Stellen inseriert, könne man sich bewerben, Initiativbewerbungen indes seien in Zeiten von Kurzarbeit und Stellenabbau weniger empfehlenswert. Sie könnten als "mangelnde Sensibilität für die aktuelle Situation ausgelegt werden". Neller empfiehlt CIOs und Führungskräften, die Zeit "für Netzwerkpflege zu nutzen". (Karen Funk)

Tipps für Bewerber in Zeiten von Corona

Jost Schatzmann arbeitet für die Recruiting-Plattform Honeypot. Hier sind weltweit 150.000 Software-Entwickler registriert, die Hälfte davon in Deutschland.
Jost Schatzmann arbeitet für die Recruiting-Plattform Honeypot. Hier sind weltweit 150.000 Software-Entwickler registriert, die Hälfte davon in Deutschland.
Foto: Honeypot

Jost Schatzmann, Vice President Marketplace bei Honeypot, empfiehlt Bewerbenden:

  1. Seien Sie offen für Remote Recruiting und Remote Onboarding.

  2. Bringen Sie Zeit mit.

  3. Seien Sie flexibel.

Diese Zeiten sind für alle neu. In den Unternehmen laufen die Prozesse jetzt anders, oft sind mehr Firmenvertreter als sonst in die Jobinterviews involviert. Die Betriebe wollen sichergehen, dass sie den richtigen Kandidaten finden.

Das bedeutet: Die Bewerbenden müssen sich teils auf mehr oder längere Interviews einstellen und auch darauf, dass kurzfristig Termine verschoben werden. Dennoch gilt auch beim Bewerbungsgespräch per Video Call:

  1. Seien Sie pünktlich

  2. Bereiten Sie sich gut vor

  3. Seien Sie professionell im Auftritt, aber nehmen Sie sich nie zu ernst. Lockerheit punktet.

  4. Die Daumenregel beim Dresscode: Ziehen Sie sich wie beim Präsenztermin an - minus zehn Prozent Formalität.

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