Studien versachlichen Debatte

Roboter brauchen geschulte Mitarbeiter

Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Vernichten Roboter und Digitalisierung Arbeitsplätze? Nur zum Teil, sagt eine PwC-Studie für den Maschinenbau. Damit neue Jobs entstehen können, muss das Zusammenspiel Mensch-Maschine verbessert – auch in der Gesundheitswirtschaft, wie eine zweite Studie zeigt.
  • Neben Japan ist Deutschland führende Robotik-Nation
  • Digitale Transformation kostet Stellen für Geringqualifizierte
  • Personalarbeit im Unternehmen muss zu einer strategischen Aufgabe werden
  • Zwei Drittel der Maschinenbauer wollen weiter in Automatisierung investieren
  • Roboter operieren womöglich bald besser als Ärzte
Unvermeidliche Entwicklung: Mensch und Maschine werden künftig noch intensiver zusammenarbeiten als bisher. Der Roboter wird zum Kollegen.
Unvermeidliche Entwicklung: Mensch und Maschine werden künftig noch intensiver zusammenarbeiten als bisher. Der Roboter wird zum Kollegen.
Foto: Willyam Bradberry - shutterstock.com

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt neuerdings vor allem die DigitalisierungDigitalisierung als Zukunftsthema der kommenden Jahre und somit auch des anstehenden Wahlkampfs um den Bundestag. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich eine Konsequenz dessen auszumalen: Die öffentliche Debatte wird sich auf breiter Front intensivieren - und sie wird auch eine Angstdebatte sein. Kreisen wird diese Angst um Themen wie die Arbeitsplatzvernichtung durch Roboter und ihr drohendes Ausmaß. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Studien über Maschinenbau und Gesundheitsbranche

Es wird vermutlich hitzig darüber diskutiert werden, in welchen Bereichen Jobs tatsächlich durch Maschinen ersetzt werden. Und inwieweit Digitalisierung auch heißt, dass die Nutzung von Robotern den Bedarf nach bestimmten Fachkräften durchaus auch erhöhen könnte. Angesichts dieser Vorzeichen sind Branchenstudien aus diesem Feld derzeit per se von höchster Relevanz. Zwei derartige Untersuchung sind nun publiziert worden: PricewaterhouseCoopers (PwCPwC) betrachtet den Maschinenbau, Rochus Mummert Healthcare Consulting die Gesundheitsbranche. Top-500-Firmenprofil für PwC

Horrorszenario menschenleerer Produktionsstätten

Die PwC-Studie widmet sich der angerissenen Leitfrage explizit. Analyst Frank Schmidt kommt schon im Vorwort auf die Angst vor einer Substitution des Menschen durch die Maschine zu sprechen. "Doch trifft die Vorstellung menschenleerer und klinisch sauberer Produktionsstätten mit intelligenten Robotern tatsächlich die Erwartung der deutschen Maschinenbauer?", fragt der PwC-Leiter Industrielle Produktion.

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Um die Antwort vorwegzunehmen: Natürlich nein. Die Branchenstudie Maschinenbau kann in der öffentlichen Debatte eine Beruhigungspille sein. Mitzudenken ist dabei immer zweierlei: Aufgrund besonderer Anwendererfahrung seit vielen Jahren ist der Maschinenbau erstens eine Beurteilungsinstanz erster Güte in dieser Frage. Und als Hersteller und Exporteur von Robotern ist die Branche zweitens in besonderer Weise geneigt, die Chancen der Entwicklung in den Vordergrund zu rücken.

Deutsche Roboter-Hersteller sind Hidden Champions

"Einer der größten Märkte für Robotertechnologie ist Deutschland", heißt es in der PwC-Studie. "Der deutsche Maschinenbau ist zugleich Entwickler, Produzent, Zulieferer, aber auch Abnehmer von Industrierobotern." Die Roboterhersteller in der Bundesrepublik seien als "hidden champions" aber häufig weniger groß und sichtbar als die ausländische Konkurrenz.

PwC hat dazu ein weltweites Ranking der Hersteller von Industrierobotern auf Basis der Umsatzzahlen aus dem Jahr 2014 erstellt: angeführt von Mitsubishi Electric mit über 10 Milliarden Euro vor ABBABB Robotics aus der Schweiz mit über 8 Milliarden Euro, dahinter drei weitere Firmen aus Japan vor den deutschen Firmen KukaKuka Robotics und Dürr AGDürr AG. Top-500-Firmenprofil für ABB Top-500-Firmenprofil für Dürr AG Top-500-Firmenprofil für Kuka

Ersatz menschlicher Arbeit hat bereits stattgefunden

Nun wandert zwar Kuka aller Voraussicht nach mehrheitlich in chinesische Hände, dennoch unterstreicht PwC die momentane Stärke der "Robotik-Nation" Deutschland. Im Zusammenhang mit der obigen Leitfrage ist dies als Ausgangsbasis relevant: Erfahrungen mit Robotern hat die IndustrieIndustrie hierzulande mehr als anderswo, eine Menge an befürchteter Substitution menschlicher Arbeit hat bereits stattgefunden. Top-Firmen der Branche Industrie

2014 waren in der Bundesrepublik 175.000 Industrieroboter installiert, was 12 Prozent der weltweit eingesetzten Einheiten ausmacht. 2015 lag die Zahl bei 183.000, für 2018 prognostizieren Branchenexperten 216.000 Stück. Ebenfalls 2014 waren hierzulande pro 10.000 Mitarbeiter in der Industrie 161 Roboter im Einsatz, in der Automobilindustrie sogar 1149 - Zahlen, die weltweit nur von Japan übertroffen wurden.

Charakteristisch für die Robotik hierzulande sind, wie PwC betont, die enge Verbindung zu Industrie- und Forschungsclustern rund um die Automobilindustrie sowie die logistische Nähe zu ihren klassischen Absatzmärkten in Europa mit einer zwar leicht rückläufigen Exportquote, die 2015 aber immer noch bei 45 Prozent lag.

Engpässe wegen demografischer Entwicklung

Die von Alterung geprägte demografische Entwicklung in Industrienationen wie Deutschland und Japan rückt die Robotik und Automatisierungstechnologie offenkundig besonders in den Fokus. PwC geht davon aus, dass sich der derzeitige Arbeitskräfteengpass in der industriellen Produktion von 300.000 Menschen bis 2030 noch verschärfen und dann bei über einer halben Million liegen wird.

Einen Überschuss von 8 Prozent wird es demnach in 14 Jahren zwar bei Hilfsarbeitskräften geben. Dem steht allerdings ein Engpass von 15 Prozent bei gehobenen Fachkräften, von 8 Prozent bei normalen Fachkräften und von 9 Prozent bei Akademikern gegenüber.

Auf den ersten Blick hat die Digitalisierung laut PwC durchaus den in der politischen Diskussion befürchteten Effekt. "Berechnet man die demografische Entwicklung allein auf der Grundlage des berufsspezifischen Digitalisierungseffekts, erhält man ein von der allgemeinen Beobachtung abweichendes Ergebnis", schreiben die Studienautoren. "Mehr als eine halbe Million Stellen, vornehmlich im Bereich gering qualifizierter Mitarbeiter, würden rein rechnerisch aufgrund der digitalen Transformation im produzierenden Gewerbe wegfallen."

Produzierendes Gewerbe braucht auch künftig Personal

Ein zweiter Blick, der neue Jobprofile und Arbeitsplätze einbezieht, führt jedoch zu einem anderen Ergebnis. "Tatsächlich deuten die jetzige Altersstruktur der Belegschaft der deutschen Industrie und die demografische Entwicklung der Gesellschaft darauf hin, dass die Branchen des produzierenden Gewerbes auch in Zukunft mehr Personal benötigen werden, als auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen wird", so PwC. Deshalb müsse sich die Ausbildung an die neuen Anforderungen und Bedürfnisse im Zusammenspiel von Mensch und "Kollege Roboter" anpassen. "Dies bedeutet weiter, dass die Personalarbeit im Unternehmen zu einer strategischen Aufgabe werden muss."

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