Strategien


Die künftige Rolle des CIOs – Teil 4

Die Virtualisierung der "Dinge" kommt

Patrick Naef ist Partner bei Boyden Executive Search und sitzt im Verwaltungsrat der Franke Group, einem weltweit agierenden Industrieunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz. Er ist auch Gründer und CEO der ITvisor GmbH, einer Boutique-Beratungsfirma, die sich auf die Beratung von Organisationen bei der Digitalen Transformation und auf Coaching von IT-Führungskräften spezialisiert hat. Zudem ist er aktiv als Verwaltungsrat und Advisor für Startup-Unternehmen, doziert an Universitäten und sitzt in Advisory Boards von mehreren Venture Capital Firmen im Silicon Valley. Von 2006 bis Juni 2018 war er CIO bei Emirates Airline & Group in Dubai. 
Die Dematerialisierung und Virtualisierung von physischen Objekten und somit die Verschiebung von Hardware hin zu Software eröffnen völlig neue Potenziale zur Innovation und Effizienzsteigerung in Unternehmen. CIOs sollten eng mit ihren Geschäftskollegen zusammenarbeiten, um das Potenzial der Dematerialisierung physischer Objekte auszuschöpfen, die ihre Prozesse langsam, umständlich und teuer machen.

Wenn man sich all die physischen Objekte ansieht, die wir noch vor einem Jahrzehnt benutzt haben, wird deutlich, dass viele von ihnen buchstäblich in ihrer physischen Form verschwunden sind und nun mehr als Daten oder Dienste in der Cloud oder als App auf unserem Smartphone oder Tablet "existieren". Dieser Trend zur VirtualisierungVirtualisierung und Dematerialisierung von physischen Objekten wird auf die meisten Unternehmen fundamentale Auswirkungen haben. Während einige Branchen wie die Musik- und Fotoindustrie diese Auswirkungen bereits erlebt haben, müssen sich viele andere Unternehmen erst noch damit auseinandersetzen. Alles zu Virtualisierung auf CIO.de

Wenn Unternehmen ihre Prozesse wirklich neu erfinden wollen, müssen sie über die physischen Objekte hinaus denken und sich eine Situation vorstellen, in der alle Objekte virtualisiert werden.
Wenn Unternehmen ihre Prozesse wirklich neu erfinden wollen, müssen sie über die physischen Objekte hinaus denken und sich eine Situation vorstellen, in der alle Objekte virtualisiert werden.
Foto: vectorfusionart - shutterstock.com

Noch vor einem Jahrzehnt wurde der Großteil der Musik auf physischen Tonträgern wie CDs, Kassetten, Schallplatten usw. verkauft. Heute wird die grosse Mehrheit der Musik online verkauft, gestreamt oder heruntergeladen. Physische Tonträger sind fast verschwunden. Vor zwanzig Jahren wurden Fotos meist in physischer Form, das heißt auf Papier gedruckt, an die Kunden geliefert. Heute ist der Fotodruck und -vertrieb buchstäblich verschwunden, und die Fotos werden in den meisten Fällen elektronisch verteilt.

Mit der Virtualisierung von Objekten sind die marginalen Kosten dieser Objekte auf null gesunken, und ihre Vervielfältigung, das Klonen und die Verteilung ohne Zeitverzögerung ist zur Realität geworden. Dies ist tatsächlich eine grosse Verlagerung von der physischen zur virtuellen Welt.

Keine Limitierung

Ein Wecker ist auf einem Smartphone kostenlos enthalten, ein Videorecorder als physisches Gerät wurde virtualisiert und steht heute als kostenloser Dienst in der Cloud als Teil Ihres Streaming-Abonnements zur Verfügung. Musik im mp3-Format (oder FLAC) kann technisch unbegrenzt kopiert und verteilt werden (wenn wir die Urheberrechtsfragen für einen Moment ignorieren), Speicherplatz für digitale Fotos ist in riesigen Mengen auf unseren Geräten oder in der Cloud verfügbar und praktisch kostenlos, Gratis-Karten auf unserem Smartphone oder Tablet haben physische Karten auf Papier längst ersetzt.

Die DigitalisierungDigitalisierung führt dazu, dass jedes Objekt, das Informationen erfasst und sammelt (Kamera, Mikrofon etc.), Informationen speichert (Bücher, Filmrollen, Musikkassetten, CDs, DVDs), Informationen bearbeitet (Taschenrechner, Sprachübersetzer usw.) oder Informationen anzeigt (Uhr, Ticket, jede Art von Identifikationsmittel wie Schlüssel, Reisepass, Ausweise, Kreditkarten etc.), das Potenzial hat, in eine App oder einen Dienst in der Cloud oder auf unserem Smartphone dematerialisiert oder virtualisiert zu werden. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Über die physischen Objekte hinaus denken

Beim Versuch, ihr Unternehmen oder ihre Unternehmensprozesse zu digitalisieren, ist es von den Unternehmen sehr kurzsichtig, nur einen angestammten Prozess zu automatisieren, der noch auf die physischen Objekte ausgerichtet ist. Wenn Unternehmen ihre Prozesse wirklich neugestalten oder neu erfinden wollen, müssen sie über die physischen Objekte hinaus denken und sich eine Situation vorstellen, in der all diese Objekte virtualisiert werden.

Wenn Fluggesellschaften beispielsweise Check-in-Schalter durch Selbstbedienungsautomaten ersetzen, ist dies nicht ausreichend durchdacht, denn in einer digitalisierten Welt ist eine Board-Karte, und damit der eigentliche Check-in-Prozess, nicht mehr erforderlich. Die Banken ersetzen zwar die Kassierer durch Geldautomaten, aber dies ist nur ein erster Zwischenschritt zur Kostensenkung. Der wirkliche Durchbruch für Bankkunden wird dann eintreten, wenn das gesamte Geld virtualisiert, und überhaupt kein Papiergeld mehr benötigt wird.

CIOs, die einen nachhaltigen und signifikanten Mehrwert für ihr Unternehmen schaffen wollen, sollten mehr tun, als nur den "low-hanging fruits" nachzugehen und die einfache Automatisierung etablierter Prozesse vorantreiben, um so kurzfristige Kosteneinsparungen zu erzielen. Vielmehr sollten sie weitsichtiger arbeiten und sich auf technologiegetriebene Innovationen konzentrieren. CIOs sollten eng mit ihren Geschäftskollegen zusammenarbeiten, um das Potenzial der Dematerialisierung physischer Objekte auszuschöpfen, die ihre Prozesse langsam, umständlich und teuer machen.

Weiterlesen:
Die künftige Rolle des CIOs - Teil 1: Mehrwert schaffen mit IT
Die künftige Rolle des CIOs - Teil 2: Von der Support-Funktion zum Kern des Unternehmens
Die künftige Rolle des CIOs - Teil 3: Produkt- und Prozesstechnik verschmelzen
Die künftige Rolle des CIOs - Teil 5: Open Innovation muss auf die Agenda

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