Was ist Agilität?

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Der Begriff Agilität beschreibt sowohl ein methodisches Vorgehen als auch die Gestaltung der Firmenkultur. Ein Überblick.
Was ist Agilität? Unternehmen nutzen agile Methoden häufig, um schneller auf sich verändernde interne und externe Anforderungen reagieren zu können.
Was ist Agilität? Unternehmen nutzen agile Methoden häufig, um schneller auf sich verändernde interne und externe Anforderungen reagieren zu können.
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Agilität gehört zu den meistzitierten SchlagwortenSchlagworten in Zusammenhang mit Digitalisierung. Der Begriff umreißt die Fähigkeit, schnell auf volatile Märkte reagieren zu können und damit wettbewerbsfähiger und kundenorientierter zu werden. Mittlerweile ist eine Infrastruktur von agilen Methoden über Ratgeber bis hin zum agilen Coach entstanden. Agilität fällt oft im Zusammenhang mit Begriffen wie "Change", "iterativ" und "disruptiv". Alles zu Was ist auf CIO.de

Unternehmen können mit einzelnen agilen Projekten starten, ihre Erfahrungen bewerten und den Einsatz agiler Methoden dann skalieren. Wegen der Auswirkungen agilen Arbeitens auf die gesamte Firmenkultur wird auch von agiler Transformation gesprochen. Rollen, Prozesse und Funktionen ändern sich. Deren Notwendigkeit wird häufig mit dem Kürzel VUKA beschrieben: Unternehmen müssen in einer Welt bestehen, die durch Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz geprägt ist.

Agilität - Definition

Das Schlagwort Agilität bezeichnet zum einen die Fähigkeit eines Unternehmens (oder einer Organisation), schnell auf Veränderungen am Markt zu reagieren. AgileAgile Unternehmen verhalten sich nicht reaktiv, sondern antizipieren Veränderungen und antworten aktiv darauf. Zum anderen umschreibt Agilität eine Arbeitsweise und Firmenkultur. Bekannte agile Methoden sind unter anderem Scrum, Kanban oder Design Thinking. Alles zu Agile auf CIO.de

Agiles Arbeiten vermeidet starre Hierarchien und zielt auf schnelle Ergebnisse ab, die durch enge Abstimmung mit den (internen oder externen) Kunden kurzfristig und häufig verbessert werden. So bezeichnet das agile Framework Scrum beispielsweise nur drei Rollen:

  • den Scrum Master (der darauf achtet, dass das Verfahren richtig angewendet wird),

  • den Product Owner (er vertritt die Interessen des Kunden/Auftraggebers)

  • und das Team (oder "Entwicklerteam"). Das Team verantwortet Planung, Arbeitsaufteilung, Fortschritte und das Ergebnis selbst.

Agilität - Herkunft

Früh etablierte sich Agilität in der Softwareentwicklung ("agile Development"). Neue Anwendungen sollen schneller als bisher einsatzbereit sein. Deshalb wird die Entwurfsphase möglichst kurz gehalten. Häufige Rücksprachen mit den Fachabteilungen sollen sicherstellen, dass bedarfsgenaue Lösungen entstehen. Mittlerweile arbeiten auch Non-IT-Abteilungen nach Methoden des agilen Projektmanagements. Das Wort Scrum, das auf Deutsch Gedränge heißt, kommt aus dem Rugby. Kanban stammt aus dem Japanischen und bedeutet ursprünglich Signalkarte.

Agilität - Vorgehen

Beispiel Scrum: Jeden Morgen trifft sich das Team zu einer Besprechung ("Daily Scrum"). Diese sollte nicht länger als eine Viertelstunde dauern. Die Arbeit wird in sogenannte Sprints von zwei bis vier Wochen Dauer aufgeteilt. Die Sprints umfassen Planning, Review und Retrospektive. Die Anforderungen an das Produkt, das entwickelt werden soll, sind in einem "Product Backlog" festgehalten. Dieses Backlog kann jederzeit weiterentwickelt werden.

Agilität - Verwechslungsgefahr

Weil Agilität darauf abzielt, die Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit eines Unternehmens zu steigern, besteht Verwechslungsgefahr mit dem Begriff Flexibilität. Darüber geht Agilität aber hinaus: während Flexibilität die grundsätzliche Fähigkeit zur Reaktion auf Veränderungen meint, will Agilität Veränderungen schon im Vorfeld wahrnehmen und sich aktiv darauf einstellen. Damit stellt Agilität auch mehr dar als nur eine höhere Geschwindigkeit.

Agilität - typische Fehler

Agile Methoden scheitern vor allem am "Faktor Mensch". Agilität verlangt allen Mitarbeitern Neues ab. Das mittlere Management muss Macht und Kontrolle abgeben. Sachbearbeiter können sich nicht mehr verstecken - ihr Ergebnis wird jeden Tag besprochen. Herrscht eine schlechte Fehlerkultur, kann agiles Arbeiten Ängste auslösen. Grundsätzlich gilt: Selbstorganisation fällt umso schwerer, je starrer und hierarchischer das Unternehmen bisher organisiert ist.

Agile Projekte brauchen eine Vision, die richtige Ausstattung, und die Rückendeckung von der Führungsriege. So ist es beispielsweise schwierig, agile Teams remote arbeiten zu lassen - die Idee hinter den Daily Scrums ist das persönliche Erscheinen. Agilität bedeutet einen entschiedenen Kulturwandel. Begrifflichkeiten wie "agiler Wasserfall" lassen aufhorchen: hier dürfte das Scheitern programmiert sein. Das Interesse an Ausbildungen zum agilen Coach mag ein Indiz dafür sein, dass das Problem erkannt ist und Entscheider Support beanspruchen.

Agilität - Beispiel Barmer

Ein gelungenes Beispiel für das Einbinden eines agilen Projekts liefert die Krankenkasse Barmer. Salopp formuliert: sie bietet ihren Versicherten "digitales Krankengeld". Damit erreichte die Barmer beim "Digital Leader Award 2021" die Finalrunde.

Ausgangspunkt war das Wissen der Kasse um die psychische Belastung ihrer Kunden, wenn es um Fragen wie Krankengeld oder etwa auch Rehabilitationsmaßnahmen geht. Die Barmer schuf also einen Prozess, der den Kunden ermöglicht, Krankmeldungen in einer App hochzuladen und alle Schritte bis hin zur Auszahlung des Geldes digital nachzuverfolgen. Das Vorhaben gilt intern als Leuchtturm-Projekt für die weitere Digitalisierung. Die Leitung übernahm eine Stabsstelle namens Barmer.i. Deren Ziel: alle Mitarbeitenden weiterzubilden und agile Arbeitsmethoden in das Unternehmen zu integrieren.

Agilität - Beispiel Evonik

Bettina Uhlich, CIO von Evonik: "In fünf Jahren spricht keiner mehr über agiles Arbeiten, weil es selbstverständlich geworden ist und einfach passiert."
Bettina Uhlich, CIO von Evonik: "In fünf Jahren spricht keiner mehr über agiles Arbeiten, weil es selbstverständlich geworden ist und einfach passiert."
Foto: Evonik

Ein weiteres Beispiel stellt der Konzern Evonik dar. Der Spezialchemiehersteller entschied sich 2019 für die Abkehr von funktionalen Silos. IT soll nun "Ende-zu-Ende" verantwortet werden. Die Umsetzung dessen liegt bei CIO Bettina Uhlich (Lesern des CIO-Magazins ist sie als eine Top-Preisträgerinnen beim "CIO des Jahres" 2016 und als VOICE-Präsidentin bekannt). Sie versteht sich als Product Owner für die agile Transformation der IT ihres Unternehmens. Uhlich sagt: "Agiles Arbeiten kann man nicht verordnen. Die Entwicklung im Unternehmen muss von unten kommen."

Die CIO kann hinter ein großes Projekt bereits einen Haken setzen: Am 24. Mai 2021 migrierte Evonik konzernweit auf das neue SAP-Kernsystem S/4 HANA. Das betrifft etwa 15.000 Benutzer in rund 140 legalen Entitäten weltweit. Uhlich ist überzeugt: "In fünf Jahren spricht keiner mehr über agiles Arbeiten, weil es selbstverständlich geworden ist und einfach passiert."

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