Healthcare IT


Ecosystems und Startups

4 Szenarien für Pharma 3.0-Konzerne

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Bis zu 45 Prozent des Pharma-Marktes könnten Life-Science-Startups im Jahr 2030 besetzen, wenn große Konzerne den Change zu Pharma 3.0 nicht schaffen. EY (Ernst & Young) rät Konzernen, Ecosysteme aufzubauen. Vier Szenarien sind laut EY möglich.
  • Gesundheits-IT-Lösungen werden bis 2030 ein ähnliches Niveau wie klassische Pharmaverkäufe erreichen
  • Pharmakonzerne werden innerhalb der Ecosysteme als Piloten, Principals, Teilnehmer oder Profiteure agieren

"Über die Margen in der PharmabranchePharmabranche wären nach wie vor fast alle anderen Branchen froh", erklärt Siegfried Bialojan, Leiter des EY Life Science Center in Mannheim. In Zahlen: Die Marge lag 2017 bei 26,5 Prozent. Das sind allerdings 1,8 Prozentpunkte weniger als 2016. Die wichtigste Aussage mit Blick auf den globalen Pharmamarkt ist für den Berater EY (Ernst & Young) aber die Entwicklung von Pharma 1.0 zu Pharma 3.0. EY schildert die Lage in dem Report "Ökosysteme in der Pharmaindustrie". Top-Firmen der Branche Chemie

Der Berater EY skizziert vier Idealtypen eines Pharmaunternehmens in seinem Ecosystem.
Der Berater EY skizziert vier Idealtypen eines Pharmaunternehmens in seinem Ecosystem.
Foto: EY

Zunächst ein paar Marktdaten: Die 21 größten Pharmaunternehmen der Welt erwirtschafteten 2017 einen Umsatz von 447,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einer sehr leichten Steigerung von einem knappen halben Prozent. Den meisten Umsatz erzielten sie mit Krebsmedikamenten und sogenannten Blockbustern, also besonders erfolgreiche Präparate mit mehr als einer Milliarde Umsatz pro Jahr. Die deutschen Konzerne BayerBayer, Boehringer IngelheimBoehringer Ingelheim und MerckMerck wuchsen laut EY überdurchschnittlich. Zusammengenommen setzten sie 36,5 Milliarden Euro um, das sind gut drei Prozent mehr als 2016. Top-500-Firmenprofil für Bayer Top-500-Firmenprofil für Boehringer Ingelheim Top-500-Firmenprofil für Merck

Hoher Umsatz mit IT-Lösungen

EY analysiert die Veränderungen des Marktes durch die DigitalisierungDigitalisierung. Stichworte lauten Gesundheits-IT-LösungenGesundheits-IT-Lösungen wie Wearables und Smartphone-Apps. Noch spielen solche Anwendungen eine geringe Rolle, doch die Berater sehen hier viel Potenzial: Bis 2030 wird sich ihr Anteil von derzeit 8,5 Milliarden auf 27,6 Milliarden Euro mehr als verdreifachen. "Gesundheits-IT-Lösungen werden also ein ähnliches Niveau wie klassische Pharmaverkäufe erreichen", prognostiziert EY. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de Alles zu Healthcare IT auf CIO.de

Ecosysteme kontrollieren

Daten spielen hier eine entscheidende Rolle. Statt der bisherigen Blockbuster wird "Patient Outcome" im Fokus stehen. Das heißt, dass Patienten, Ärzte, Healthcare-Dienstleister und weitere Player Informationen austauschen. Ziel ist, die Menschen individueller zu behandeln. Das bringt den Pharma-Unternehmen nur dann Gewinn, wenn sie die Ecosysteme kontrollieren, in denen diese Daten zusammenlaufen und verarbeitet werden.

EY schreibt Health-IT bis 2030 hohes Potenzial zu.
EY schreibt Health-IT bis 2030 hohes Potenzial zu.
Foto: EY

Startups drücken in den Markt

Life-Science-Startups haben gegenüber den Konzernen in der Pharmabranche denselben Vorteil wie in allen anderen Branchen auch: Sie sind innovativer, weil schneller und beweglicher. Bis 2030 könnten die jungen Wettbewerber bis zu 45 Prozent des Marktes übernehmen, schätzt EY. Wie hoch dieser Anteil faktisch ausfallen wird - oder anders gefragt: welchen Marktanteil sich die etablierten Konzerne sichern können - das hängt von ihrem Verhalten ab. "Am meisten Anteile müssten die Pharmakonzerne abgeben, wenn sie sich rein auf Effizienzmaßnahmen konzentrieren und Innovationen von außerhalb der Branche übernehmen, statt sie selbst zu entwickeln", erklärt EY.

4 Ecosystem-Typen: Piloten, Principals, Participants und Profiteure

Die Consultants skizzieren vier Idealtypen eines künftigen Pharmaunternehmens in seinem Ecosystem:

1. Piloten

Diese Firmen verlassen sich immer noch auf ihr Kerngeschäft, haben aber bereits erste Initiativen und Testpiloten gestartet, um Umsatzwachstum zu generieren. Erfolg bedeutet für sie, über den klassischen Produktfokus hinaus Patientenlösungen zu entwickeln. Dabei kombinieren sie eigene Kompetenzen mit den Fähigkeiten externer Partner oder zugekaufter Firmen. Den Vorteil einer solchen Strategie sieht EY darin, dass die Piloten Risiken innerhalb des Ecosystems ausgleichen, indem sie Umfang und Tiefe ihrer Beteiligung steuern. Typischerweise verstehen sich Pilots als innovationsgetriebene Unternehmen, die ihre etablierten Geschäftsbeziehungen erweitern wollen.

2. Principals

Principals entwickeln eine starke Vision davon, wie sie Ecosysteme funktionsübergreifend nutzten können. Sie haben diese Vision in vielen Bereichen des Unternehmens auch bereits in Initiativen umgesetzt und messbare Erträge generiert. Erfolg besteht für sie aus drei Kenngrößen: Fokus auf Patientenbedürfnisse, stetige Innovation und durchgängig agile Strukturen im gesamten Unternehmen.

EY führt aus: "Ein idealer Principal ist somit ein großes Pharma- und Gesundheitsunternehmen, das den Wert seiner Produkte und Dienstleistungen steigern kann, indem es sich innerhalb des Ökosystems besser vernetzt und Gesundheitsdaten nutzt, um die Kosten bei der Medikamentenentwicklung und bei der Bereitstellung personalisierter Dienstleistungen zu senken."

3. Teilnehmer (Participants)

Als Teilnehmer oder Participants bezeichnet EY Unternehmen, die "mit dem Strom schwimmen". Erfolg bedeutet für sie, sich auf ihr Kerngeschäft zu fokussieren. Sie verfolgen einen nicht-kapitalintensiven Ansatz, der eine Teilnahme am Ecosystem erfordert, ohne darin eine aktive Rolle zu übernehmen. Vorteil für sie: Diese Firmen bleiben flexibel und können sich schnell an neue Gegebenheiten anpassen. Freies Kapital und Managementkapazitäten ermöglichen die Konzentration auf andere Entwicklungsbereiche.

4. Profiteure

Innerhalb des Ecosystems konzentrieren sich Profiteure darauf, Geschäftsprozesse zu optimieren und Gewinne zu maximieren. Sie entwickeln Ecosysteme nicht selbst, sondern nutzen sie, um mehr Rentabilität zu erzielen. Sie verfügen über starke Managementfähigkeiten und ein Verständnis dafür, wie sie Elemente eines Ecosystems auswählen, nutzten und austauschen können, um bestehende Fähigkeiten zu ergänzen.

Diesem Typus entsprechen Generikahersteller und OTC-Anbieter (Over the Counter, Anbieter freiverkäuflicher Arzneimittel). Sie zielen innerhalb des Ecosystems auf Einsparungen in Handels- und Lieferkette ab.

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