Strategien


Lilium

Ein Startup geht in die Luft

Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Peter Seidel baut Flugtaxis. Nach 20 Jahren bei BMW hat der IT-Manager den CIO-Job beim Flugzeugbauer Lilium übernommen. Ausgang ungewiss. Warum tut er sich das an?
Der Lilium Jet ist ein elektrisch angetriebenes, senkrecht startendes Luftfahrzeug des deutschen Herstellers Lilium.
Der Lilium Jet ist ein elektrisch angetriebenes, senkrecht startendes Luftfahrzeug des deutschen Herstellers Lilium.
Foto: Lilium

Das StartupStartup Lilium aus Weßling bei München baut Senkrechtstarter mit Batteriebetrieb. Drohnen mit Batteriebetrieb kennt man - allerdings tragen sie höchstens eine Kamera. Nur der "Volocopter" aus Karlsruhe und ähnliche "Drones" hieven auch Personen in die Höhe, kommen aber selbst in ihren schicksten Zukunftsszenarien nicht weiter als 30 Kilometer. Hubschrauber mit Verbrennungsmotor können weiter, sind aber laut. Senkrechtstarter können noch weiter, sind aber richtig laut. Beim Abheben eines herkömmlichen Senkrechtstarters fliegen allen Anwesenden in 500 Meter Umkreis erst mal die Ohren weg. Und genau diese Technik soll jetzt die Mobilität unserer Innenstädte revolutionieren? Alles zu Startup auf CIO.de

Fünf Personen passen in die kleine Kapsel mit den vier Stummelflügeln und den 36 sogenannten Engines. Alle in Weßling reden vom Jet, aber bei diesen Engines wird kein Kerosin beigemischt, verdichtet und verbrannt. Die Tragflügel sehen aus wie Schweizer Käse, dessen Löcher jemand mit Lüftern aus alten PCs gestopft hat. Die Engines pusten Luft zunächst nach unten und dann - nach dem Abheben - nach hinten, so wie Senkrechtstarter das eben tun. Das mache nicht mehr Lärm als ein Föhn, heißt es aus dem Marketing. Die Ingenieure arbeiten emsig daran, den Geräuschpegel weiter zu senken. Gemessen hat ihn allerdings noch keine Genehmigungsstelle. Dafür ist es noch zu früh.

Angetrieben werden die Engines von Lithium-Batterien, die 300 Kilometer weit tragen sollen. Die Website von Lilium ist voll von Szenarien, die das Zielpublikum in New York, London, Shanghai oder eben auch München jubeln lassen: In zehn Minuten aus der Innenstadt zum Flughafen oder gleich in einer Stunde nach Frankfurt - beides scheint möglich. Drohnenbauer sind schon froh, wenn sie bis zum nächsten Flughafen kommen. Andere Flugzeugpioniere setzen bei solchen Reichweiten eher auf Wasserstoff, etablierte Anbieter natürlich auf Kerosin.

Technik ist nicht das Problem

Zweifel gibt es jede Menge: So muss einer der fünf Insassen den Piloten machen, das verlangt das deutsche Flugrecht. Obwohl der Lilium Jet autonom fliegen könnte, darf er das nicht. Im deutschen Luftraum muss immer noch ein Mensch darüber wachen, ob die Technik auch wirklich funktioniert - insbesondere, wenn andere Menschen an Bord sind. Der Jet soll aber auch gar nicht allein fliegen. Die Bereitschaft, ohne Piloten zu fliegen, sei bei den Fluggästen eh noch nicht vorhanden. Darin sind sich die Verantwortlichen bei Lilium - wie auch bei den anderen deutschen Flugzeugpionieren - einig. Fazit: Noch nicht genehmigte Technik trifft auf nicht vorhandene Infrastruktur und nicht sicher gegebene Akzeptanz bei den Usern.

Peter Seidel ist CIO bei Lilium: "Bei BMW haben wir uns ja auch bemüht, so etwas wie Startup-Islands zu kreieren."
Peter Seidel ist CIO bei Lilium: "Bei BMW haben wir uns ja auch bemüht, so etwas wie Startup-Islands zu kreieren."
Foto: Lilium

Genau hier fühlt sich Peter Seidel wohl. Der ehemalige BMW-Manager hat sein warmes Nest verlassen und ist seit dem 1. Oktober Chief Information Officer bei Lilium. Bei nur fünf IT-Mitarbeitern und insgesamt nur 300 Kollegen ist der Titel CIO vielleicht etwas hoch gegriffen - aber Lilium will wachsen. Noch immer ganz euphorisch steuert Seidel seinen ersten selbstgekauften BMW über den Flugplatz Oberpfaffenhofen bei München. Die Ampel am Rollfeld steht auf Grün. Gerade landet kein Flieger. Eigentlich landet hier fast nie ein Flieger. Seidel kreuzt das Rollfeld mit Tempo 30 und parkt vorm alten Dornier-Gebäude, das Lilium schon fast vollständig belegt hat. "Schauen Sie mal da", sagt der ITler: "Die nächsten zwei Hallen für die Produktion sind fast fertig. Und hier in der ersten Halle ist unsere Entwicklung. Da parkt unser Vogel."

Weichen auf Wachstum gestellt

Noch ist der Hangar zu groß. Es gibt erst einen Prototypen vom Jet und für den würde eine Doppelgarage schon reichen. Aber bei Lillium ist eben alles auf Wachstum ausgerichtet. Irgendwann soll hier nicht nur entwickelt, sondern auch in Serie produziert werden. Ein zweiter Flieger sei schon im Bau, sagt Seidel. Nur sehen darf man ihn noch nicht. Im firmeneigenen Museum parken ein paar Modelle von Erstlingswerken aus Balsaholz. Angeblich hätte der Jet bei diesem feinen Föhnwetter zu einem Testflug abheben sollen. Doch der Hangar bleibt zu. Es gibt ein Video vom Jungfernflug am 4. Mai 2019.

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